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CD-Besprechung

Pure Bach

Viviane Chassot

Prospero PROSP 0013

1 CD • 65min • 2020

21.11.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Wenn eine Interpretation des Präludiums aus Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier auf Anhieb eine Erinnerung beim Rezensenten heraufbeschwört, wann dieser besagtes Stück in seinem Leben zum ersten Mal bewusst gehört hat, muss einiges an Tiefe und Empfindung im Spiel sein. Sie wird erfahrbar in einem neuen, klangprächtigen Bach-Programm, das die Schweizerin Viviane Chassot auf ihrem Akkordeon realisiert. Ohne Umschweife nimmt man ihr ab, wie sie die Musik dieses Komponisten als Medium für eine Heilung aus schwerer Krankheit, für ihren eigenen Weg zurück und hinein ins Leben empfunden hat. Sie spielt das Akkordeon so, dass sich alle scheinbaren Gegensätze zwischen seiner archaischen Konnotation als „Volksinstrument‟ und seinen schier grenzenlosen Gestaltungsmöglichkeiten für höchste Kunstmusik auflösen. Wenn Viviane Chassot die Luftsäulen dosiert und atmen lässt und feinste dynamische Nuancen auf die Spitze treibt, dann hat dies zugegebenermaßen jedem Cembalo und Klavier einiges voraus, auch wenn es darum geht, eine Musik mit Ewigkeitsanspruch unter neuen Aspekten sprechen zu lassen. Schon im eingangs erwähnten Präludium springen den Hörer dieser CD solche Erkenntnisse an – in gerade mal anderthalb flotten Minuten voller Crescendo und Decrescendo und räumlichen Effekten von Nähe und Ferne und in einer Klangfülle, deren tiefste Basstöne auch einer großen Orgel das Wasser reichen.

Eigene Lebensaspekte in der Musik

Zum frappierend räumlichen Hörvergnügen wird die anschließende Fuge, in der beide Stimmen so differenziert agieren, als hätte ein großes Ensemble im Hörraum Platz genommen. man glaubt dieser herausragenden Musikerin aufs Wort, dass sie zentrale eigene Lebensaspekte in dieser Musik wieder findet. Bejahung spricht aus ihrer Lesart des Italienischen Concerto BWV 971 mit seiner Dialektik aus tänzerischer, italienischer Fröhlichkeit im Kopfsatz, einem langsamen Klagegesang in der Mitte und einem ungestümen Presto. Weitergeführt wird dieses Bach-Erlebnis, das Viviane Chassot mit ihrer Hörerschaft so unmittelbar teilt, in den anschließenden Französischen Suiten BWV 813 und 816 und der B-Dur-Partita 825. Dankbarkeit und Demut verströmt der feierliche Gestus der Alemande. Sinnlich kostet ihr zartes Spiel die Sarabande aus. Im Booklet weist sie darauf hin, dass dieser Tanz wegen seiner erotischen Konnotation in der Geschichte manchmal verboten war. Lupenrein macht ihr Akkordeonspiel das komplexe rhythmische Gewoge der Gavotte fast schon optisch sichtbar, während es der Gigue an jazzig swingendem Puls keineswegs mangelt. Die abschließende Partita BWV 825 wirkt in ihrem Gepräge deutlich nüchterner, aber gerade sie war nach Viviane Chassots Bekunden die schwierigste Aufgabe. So ist es nicht selten in Bachs Instrumentalmusik: Manches, war gar nicht spektakulär klingt, ist umso vertrackter „gesetzt“. Hinzu kommt, dass beim Akkordeon in der Regel nur neun von zehn Fingern zur Verfügung stehen, da der linke Daumen komplett mit der Führung des Balgs ausgelastet ist, worauf Viviane Chassot im Begleittext hinweist. Aber solche Schwierigkeiten halten diese Schweizerin kaum davon ab, mit ihrem Akkordeon eben nicht das Cembalo zu imitieren, sondern stattdessen die Überlegenheit ihres Instruments in den Dienst der künstlerischen Sache, also der Komposition zu stellen. Womit sie wiederum höchste Anerkennung von Seiten der pianistischen Zunft erfährt: So ist der Pianist Alfred Brendel ein erklärter Fan von ihr.

Stefan Pieper [21.11.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johann Sebastian Bach
1Präludium und Fuge Nr. 2 c-Moll BWV 847 (aus: Das Wohltemperierte Klavier Buch I BWV 846-869) 00:02:54
3Italienisches Konzert F-Dur BWV 971 (aus: Clavierübung 2. Teil) 00:12:33
6Französische Suite Nr. 2 c-Moll BWV 813 00:14:45
12Französische Suite Nr. 5 G-Dur BWV 816 00:17:22
19Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825 00:17:28

Interpreten der Einspielung

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