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CD-Besprechung

Affinità Elettive

Nova Antiqua NA55

1 CD • 72min • 2020

24.06.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Das Klarinettenkonzert gehört zum Bedeutendsten und Originellsten im Gesamtschaffen Mozarts. Schon die Orchesterbesetzung lässt aufhorchen: Mozart verzichtet auf die seinerzeit üblichen Oboen und schafft durch einen Bläsersatz mit je zwei Flöten, Hörnern und Fagotten ein ganz spezielles Kolorit. Neben aller virtuos-konzertanter Entfaltung des Soloparts in den Ecksätzen kommt es immer wieder auch zu kammermusikalisch-prägnanten Dialogen der ganz besonderen Art. Das hohe Register verwendet Mozart nur sehr vorsichtig, dafür nutzt er die tiefen Töne mit besonderer Vorliebe, und er ist einer der ersten Komponisten, der sie nicht nur für akkordisch aufgebaute Begleitfiguren oder perlende Läufe, sondern auch für Kantilenen einsetzt. Das kantable Adagio gehört zum Schönsten, was die Musikgeschichte je hervorgebracht hat.

Mozarts Klarinettenmuse

Widmungsträger des im Oktober 1791 geschriebenen Klarinettenkonzerts ist Anton Stadler (1753-1812). Dieser hatte in Zusammenarbeit mit dem k. k. Hof-Instrumentenmacher Theodor Lotz adäquat zum Bassetthorn die Klarinette in der Tiefe vom e um eine Terz bis zum c erweitert. Für dieses Instrument hat Mozart das Konzert konzipiert. Was die Beschäftigung mit diesem Meisterwerk heute so schwierig macht, ist die Tatsache, dass weder ein Instrument Stadlers noch die autographe Partitur überliefert ist. Der als unsolide und unzuverlässig bekannte Stadler hatte das Manuskript nach Mozarts Tod auf eine Europatournee mitgenommen, auf der es ihm nach eigenem Bekunden mitsamt einem Koffer gestohlen worden sei.

1801 erscheinen gleich drei Druckausgaben bei André in Wien, Breitkopf und Härtel in Leipzig und Sieber in Paris in der Fassung für die normale A-Klarinette. In dieser Form tritt das Werk seinen schnellen Siegeszug um die Welt an. Die veränderten Passagen lassen sich leicht ausmachen und veranlassen 1951 den Prager Klarinettisten Milan Kostohryz, sich für seine A-Klarinette ein neues Unterstück bauen zu lassen, um einen rekonstruierten Notentext interpretieren zu können. Er bezeichnet dieses Instrument als „Bassettklarinette“, da die Disposition der zusätzlichen Klappen den entsprechenden Bassetthornklappen gleichen. Ihre Schallplattenpremiere erlebt die Bassettklarinette 1968, als der Züricher Klarinettist Hans Rudolf Stalder sich ein entsprechendes Instrument bauen lässt und eine Aufnahme der in Zusammenarbeit mit dem Musikforscher Ernst Hess rekonstruierten Urfassung vorlegt. Andere Solisten ziehen alsbald nach, und ab den 1970er Jahren erscheint es bisweilen als Sakrileg, KV 622 auf der „normalen“ Klarinette zu interpretieren. Glücklicherweise widersetzen sich selbst namhafte Solisten diesem Trend und bleiben bei der überkommenen Fassung der Erstdrucke. Unbestritten ist, dass die rekonstruierte Urfassung eine Bereicherung darstellt. Unbestritten ist aber auch, dass uns selbst die „reduzierte“ Version die herausragende Qualität dieses außergewöhnlichen Werkes vermittelt.

Version für A-Klarinette

Auch Nicolai Pfeffer wählte für die vorliegende Aufnahme die „normale“ A-Klarinette, verlegt jedoch einige Passagen geschickt in die tiefere Lage und transponiert ausschließlich die „Bassetttöne“ über das notierte tiefe e. Bisweilen grenzwertig sind seine eigenen Verzierungen, definitiv inakzeptabel jedoch die nicht vorgesehenen Kadenzen von Andreas N. Tarkmann im ersten und zweiten Satz. Völlig überdimensioniert und zusammenhanglos stören sie Mozarts genialen Musikaufbau empfindlich.

Zwei „neue“ Klarinettenwerke Mozarts

Dagegen sind die ebenso subtilen wie attraktiven Klarinettenadaptionen des Violinrondos KV 373 durch Nicolai Pfeffer und der Konzertarie KV 368 durch Andreas Tarkmann eine echte Bereicherung des Klarinettenrepertoires.

Das Rondo C-Dur für Violine und Orchester erschien schon früh in einer nach D-Dur transponierten Version für Flöte, die im Köchelverzeichnis unter Anhang 184 aufgeführt ist. Tarkmann notiert das Stück für die B-Klarinette in C-Dur, wodurch die Violinstimme mit Ausnahme der letzten drei Takte um eine Oktav nach unten transponierten Takte ohne Eingriffe übernommen werden kann. Durch die B-Klarinette erklingt das Stück allerdings nun einen Ton tiefer, aus dem Rondo C-Dur wird also das Rondo B-Dur, was die Werkangaben zur CD nicht erwähnen.

Bei der Konzertarie für Sopran KV 368 wird die Originaltonart F-Dur (G-Dur für die B-Klarinette) beibehalten. Diese Bravourarie ist ein prächtiges Beispiel, die Klarinette als Primadonna der Holzbläserfamilie zu präsentieren!

Ein weiteres Meisterwerk in A-Dur

Bei der das Programm beschließenden Sinfonie 29 A-Dur pausiert die Klarinette, als seinerzeit üblicher Bläsersatz fungieren je zwei Oboen und Hörner. Aber gerade in dieser sparsamen Besetzung zeigt sich die wahre Meisterschaft Mozarts. Diese Sinfonie bildet denn auch einen Höhepunkt in Mozarts früher Instrumentalmusik und zählt mit ihren teilweise emotional und brillanten Überraschungseffekten bis heute zu den meistgespielten Repertoirestücken des Genres.

Betörend schöne Tongebung und rhythmisch straffes Dirigat

Nicolai Pfeffer, Lehrbeauftragter an Institutionen u. a. in München, Hannover und Köln, bläst mit betörend schöner, in allen Registern ausgeglichener Tongebung technisch souverän mit hingebungsvoller musikalischer Intensität. Verwunderlich allerdings, dass er im Konzert jegliches Staccato meidet. Zwar perlen die Sechzehntel in den Ecksätzen mit herrlichem Ebenmaß im Legato dahin, aber den reizvollen Kontrast zwischen Legato und Staccato vermisst man dann doch. Konterkariert wird diese Legatoseligkeit durch das rhythmisch ungemein straffe Dirigat von Markus Stenz. Den Streichern des Orchestra della Toscana verbietet er zudem das Vibrato, wodurch Schlussnoten stets abgehackt klingen. Mit virtuoser Brillanz und Präzision im effektreichen Finale der A-Dur Sinfonie liefert Stenz jedoch abschließend ein Musterbeispiel souveräner Stabführung.

Holger Arnold [24.06.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Wolfgang Amadeus Mozart
1Konzert A-Dur KV 622 für Klarinette und Orchester 00:29:18
4Rondo C-Dur KV 373 (arr.: Nicolai Pfeffer) 00:06:11
5Sperai vicino il lido KV 368 (arr.: Andreas Tarkman) 00:07:43
6Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201 00:28:11

Interpreten der Einspielung

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