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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Jesu meine Freude

Bach Doles Krebs Telemann

MDG 923 2207-6

1 CD/SACD stereo/surround • 66min • 2020

13.05.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Johann Franck hat wohl nicht geahnt, welche Komponier-Freude er auslöst, als er die sechs Strophen des Kirchenliedes Jesu, meine Freude schrieb. Bachs Version ist nur die bekannteste, aber viele Komponisten haben sich von der bildkräftigen, ja drastischen barocken Beschwörung der Jesus-Minne („mein Bräutigam“) und deren Gefahren durch Tod, Sünde und Teufel inspirieren lassen, wobei der ursprüngliche Text meist erweitert wurde.

Entdecker-Freude

Allein schon wegen des Werkes von Johann Friedrich Doles muss man dieser Aufnahme Tribut zollen: Dieser, ein Nachfolger Bachs auf der Thomaskantorstelle, hat ebenfalls auf Jesu, meine Freude eine siebensätzige Chormotette geschrieben. Allerdings ist der ursprüngliche Text von Johann Adolf Schlegel verändert worden und Doles, der von Bach viel gelernt hat, hat „den Typus der Choralmotette per omnes versus“ gewählt, wie der Dirigent Gordon Safari im Booklet kunstsinnig erklärt. Dabei werden alle Strophen des Chorals in verschiedenen Sätzen verschieden verarbeitet. Wahre Entdeckerfreude verbreitet diese Motette, die hier zum ersten Mal auf Tonträger scheint. Doles hat mindestens 158 Kantaten und 35 Motetten geschrieben: Das schreit geradezu nach weiteren Entdeckungen.

Kraftvoll und onomatopoetisch ausdeutend gestaltet Doles das Kirchenlied, da kracht‘s und blitzt’s, zittert’s und donnert’s sprachlich wie musikalisch, da naht der Tod im bedrohlichen Crescendo, da fahren die Bässe wild drein, während die Frauen ätherisch zwitschern: Die acht Mitglieder des Ensemble BachWerkVokal lässt Gordon Safari da all ihren rhetorischen Furor entladen, die Konsonanten krachen und donnern da vorbildlich.

Weitere Freuden

Johann Ludwig Krebs beginnt seine Kantate mit einer fröhlichen Oboe und einem chorischen Jesu-meine-Freude-Tanz und bringt dann eine elegante und berückend süße Sopran-Arie im Uhrenschlag-Rhythmus und mit einer sehr kantablen Oboe. Das Orchester mit einem Klang wie frische Frühlingsluft agiert sehr musikantisch und im schwingenden barocken Tanz-Gestus.

Telemann – der natürlich als Viel-Kantaten-Komponist nicht fehlen darf – vertraut seine Uhrenschlag-Arie dem Bass an, dafür steuert er noch eine von vier Blockflöten zärtlich umspielte Sopran-Arie bei, nachdem der Bassist in der furiosen Anfangs-Bass-Arie mit lustvoller Verve alle Lust wegwerfen will (Das „u“ in „Lust“ dürfte der Bassist ruhig verächtlicher vokalisch verkürzen.).

Die Solisten des BachWerkVokal, die gleichzeitig die Choristen sind, glänzen überall mit Klarheit der Diktion, anspringender und umwerfender Kraft der Artikulation, genauer Melodie-Linienführung und gezieltem Einsatz ihres jeweiligen Timbres. Dezenz und Ausdruckskompetenz halten sich da immer die Waage, engelische Zartheit wechselt sich ab mit angemessener irdischer Wildheit.

Wahre Freude

Der Rezensent gesteht, dass er vor dem Anhören der Bach’schen Motette etwas Bedenken hatte – ist sie doch gar zu viel gesungen worden und in unzähligen Versionen, solistisch und chorisch, begleitet und unbegleitet, oft in dünner Fragilität oder in brachialer Chorwucht. Umso größer war die Freude: Jede Strophe hat eine andere Begleitung. Brokatzart und filigran singen die Choristen/Solisten, federleicht schwebt wie ein Wiegenlied der Versus 5 („Gute Nacht, o Wesen“) mit sorgsam hingetupften Verzierungen. Die Koloraturen sind nicht nadelgenäht, sondern arios ausgesungen, nie klingt irgend etwas solistisch mickrig, das Legato ist vorbildlich, die Soprane sind ein Wunder an Mühelosigkeit der Stimmgebung, an Klarheit und Reinheit der Gesangslinien. Blitzklar sind die Chorakkorde.

Die Kommas lässt Gordon Safari als grammatikalisch sinnfällige Minipausen mitsingen, alles ist nicht nur absolut textverständlich, sondern – wenn nötig – auch konsonantenverstärkt, überall herrscht nachdrückliche rhetorische Ausdruckskraft: Die Sänger und Sängerinnen wissen, was sie singen.

Der Versus 1, der Choral, wird wie das Thema einer Variation vorgetragen. Das verdammliche „Fleisch“ in Versus 2 windet sich geradezu in Verwirrung, der Satan wittert (gemeint ist wohl: gewittert) mit harten Basso-continuo-Schlägen, die Welt tobt vor allem gewaltig in den Männerstimmen. Das „Gesetz des Geistes“ waltet in völliger a-cappella-Freiheit, die Fugen, die immer den Geist symbolisieren, sind nie bloß geistig, sondern vibrieren voller Vitalität. Die Sänger singen hörbar mit großer Freude, wahre Freude herrschte beim vorher so skeptischen Zuhörer.

Rainer W. Janka [13.05.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Georg Philipp Telemann
1Jesu, meine Freude TWV 1:966 (Kantate zum XX. Sonttag nach Trinitatis) 00:18:46
Johann Friedrich Doles
10Jesu, meine Freude (Motetto a 4 voci) 00:16:29
Johann Sebastian Bach
17Jesu, meine Freude BWV 227 (Motette) 00:19:29
Johann Ludwig Krebs
28Jesu, meine Freude KWV 110 (Kantate zum XX. Sonntag nach Trinitatis) 00:12:18

Interpreten der Einspielung

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