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CD-Besprechung

Bernd Alois Zimmermann

complete works for piano

BIS 2495

1 CD • 74min • 2019

04.09.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

In den knapp 17 Jahren von 1939 bis 1956, in welchen Bernd Alois Zimmermann seine komplette Musik für Klaviersolo komponierte (sie umspannt hier 74 Minuten), ging er den Weg von originell-sanften und skurril-morbiden Fortsetzungen von Traditionslinien zwischen der freien Tonalität des Expressionismus und älterer Musik bis zurück zu den Anfängen der Klaviermusik hin zur strikt fragmentierenden ‚Avantgarde‘ seiner Zeit, wie sie sich in den finalen acht Konfigurationen unbarmherzig und absolut ungefällig niederschlägt. Danach gibt es von ihm keine Klaviermusik mehr, doch nimmt es meines Erachtens vielleicht doch nicht Wunder, dass am Ende dieser konsequent den ihm eigentlich so natürlich gegebenen Fluss verneinenden Klangfolgen die Ausweglosigkeit eines Suizids stand.

Eloquente Vielseitigkeit

Den Beginn machen hier Drei frühe Klavierstücke (1939-46), denen der Komponist später keinen Wert mehr beimaß, die ihn jedoch als gewandten und durchaus eigentümlich Genrekünstler ausweisen, insbesondere im von plötzlicher geheimnisvoller Dunkelheit durchwehten Intermezzo, aber auch im straffen Fugato.

Ganz herrlich sind die fünf Klavierstücke Extemporale von 1946, in welchen Zimmermann jene eloquente Vielseitigkeit beweist, die ihn dann so souverän als sensationellen ‚Stilpluralisten‘ reüssieren ließ. Den Bolero mit seinen modalen Überraschungen sollte man gehört haben, auch der spanische Ton ist überraschend getroffen.

Von insgesamt geringerer Substanz, jedoch pfiffigem Unterhaltungswert und gewiss auch einem größeren Publikum ohne Schwierigkeiten zuzumuten ist das Capriccio über Volksliederthemen aus dem selben Jahr (mit elfeinhalb Minuten das längste zusammenhängende Einzelstück, und zugleich wohl das kurzweiligste).

Überreiches Ausdrucksspektrum

Den Gipfel seiner Klavier-Solo-Kunst erreichte Zimmermann nach meinem Ermessen in den zwei Zyklen des Enchiridion: der siebenteilige erste entstand 1949, der fünfteilige zweite mit dem Subtitel ‚Exerzitien‘ 1951; dazwischen sind hier noch drei sehr wertvolle Miniaturen beigegeben, die der Komponist nicht in die Veröffentlichung der Zyklen einbezogen hat: ein stimmungsvoll-elegantes Intermezzo, die artifiziell fesselnde, übermütige Debussy-Hommage ‚L’après-midi d’un Puck‘ und eine entzückend schräge Hommage à Johann Strauß. Ansonsten müsste jedem der 12 Enchiridion-Stücke ein eigenes Kapitel gewidmet werden, so reich und eigenartig ist ihr Ausdrucksspektrum. Ich möchte hier nur die Sinnlichkeit und Askese verbindende Ekloge, die hochverdichtete Meditation oder die robuste, imaginär folkloristische Hora als Beispiele nennen. Das ist wunderbar abwechslungsreiche Musik in der Nachfolge von Debussy, Ravel, Bartók, Strawinsky…

Bleiben die Konfigurationen von 1956, allesamt dynamisch und in den Klangregistern heftig kontrastierende, mit viel stumm niedergedrückter Akkordik oder Pedalrafinesse resonierende Miniaturen, die kaum einen Anflug von Fortschreitung vermitteln, sondern in ihrer Abruptheit den Hörer entweder in Atem halten oder auch abstoßen können.

Zerfledderung des Metrums

Der Spanier Eduardo Fernández kann das alles selbst in den intrikaten Schwierigkeiten klar spielen und könnte eigentlich überzeugend sein, würde er nicht mit der Agogik ein so willkürlich schwankendes, allzu regelmäßig den Fluss ins Stocken bringendes, die metrischen Charaktere entstellendes und zerfledderndes, die meisten größeren Zusammenhänge unterwegs zersplitterndes Spiel betreiben. Das ist unnötig, und technisch hätte er es nicht nötig. So bleibt vieles unverständlicher, als es sein muss, und der Gesamteindruck ist viel kleinteiliger als dem Komponisten angemessen. An der ausgezeichneten Aufnahmetechnik im Berliner Teldex Studio im Sommer 2019, für welche wie auch für den Schnitt Wolfgang Schiedermair verantwortlich zeichnet, liegt das jedenfalls nicht. Diese ist makellos, und auch der Booklettext von Jenny Römmer informiert tadellos.

Christoph Schlüren [04.09.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Bernd-Alois Zimmermann
1Drei frühe Klavierstücke 00:08:31
4Extemporale 00:14:05
9Capriccio (Improvisationen über Volksliedthemen) 00:11:25
10Enchiridion I 00:15:48
18Enchiridion - Anhang 00:03:25
21Enchiridion II (Exerzitien) 00:09:49
26Konfigurationen (Stücke für Klavier) 00:09:16

Interpreten der Einspielung

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