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CD-Besprechung

David Monrad Johansen

Piano Concerto op. 29

cpo 555 246-2

1 CD • 68min • 2018

14.05.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

David Monrad Johansen sah sich wohl selbst in der Musikgeschichte auf dem Platz des legitimen Erben Edvard Griegs. Dass es sein lebenslanges Anliegen war, eine Musik zu schaffen, die unmissverständlich als „Norwegisch“ identifiziert werden kann, lässt sich jedem der auf der vorliegenden CD eingespielten Werke anhören. Die Lieder und Tänze seiner Heimat haben ihre Spuren in seinen Kompositionen auch dort hinterlassen, wo er keine originalen Volksmelodien verarbeitete: Regelmäßig stößt man auf modale, choralartige Melodien, auf Springtanzrhythmen, oder Bordunklänge. Dabei war Monrad Johansen keineswegs am Musikleben außerhalb Norwegens desinteressiert. Im Gegenteil: Sein Lebenslauf zeigt ihn als ausdauernden Studenten, der sich lange im Ausland aufhielt, um sich gründlich über die verschiedenen Strömungen der europäischen Musik zu informieren.

Europäisch informiert, national orientiert

So betrieb er in Paris bei seinem Landsmann Fartein Valen Studien in Zwölftonmusik, und meldete sich noch als Mittvierziger, der bereits auf beachtliche Erfolge zurückblicken konnte und eine staatliche Künstlerrente bezog, zum Kontrapunktstudium bei Hermann Grabner in Leipzig an. Als Komponist hat er zweifelsohne von den Erfahrungen aus Deutschland und Frankreich profitiert. Sie erwiesen sich außerdem insofern als prägend, als dass er seinen ästhetischen Standpunkt schließlich in Abgrenzung zum gründlich kennengelernten Avantgardismus definierte, was ihn auch in seinem politischen Nationalismus bestärkte. Im Zweiten Weltkrieg nahm er Partei für Vidkun Quisling und verbrachte deshalb nach Kriegsende drei Jahre als verurteilter Kollaborateur im Gefängnis. Sein Ansehen als Künstler erlitt dadurch aber keinen dauerhaften Schaden. Als er 1974 starb, galt er unter seinen norwegischen Komponistenkollegen als „der Chef“. Monrad Johansens politische Verstrickungen während der deutschen Besatzung sollten ausführlich untersucht werden (wertvolle Ansätze dazu haben in den letzten Jahren Michael Custodis und Arnulf Mattes vorgelegt), die wichtigere Frage ist freilich die nach dem künstlerischen Wert seines Schaffens – und der ist beträchtlich.

Liebe zum Detail

In 86 Lebensjahren brachte es Monrad Johansen nur auf 36 Opuszahlen. Er war ein langsam und sorgfältig, mit Liebe zum Detail schaffender Komponist. Welche Aufmerksamkeit er der klanglichen Einkleidung seiner Gedanken schenkte, zeigt gleich der Beginn des die CD eröffnenden Klavierkonzerts: Von leisen Schlaginstrumenten grundiert marschiert die Musik gleichsam aus der Ferne herein, das Klavier tritt unauffällig hinzu; erst einige Takte später zeigt es, dass es primus inter pares ist. Die ganze Partitur steckt voller harmonischer und instrumentatorischer Kontraste auf kleinem Raum, was eine Atmosphäre kreiert, die ich als zwielichtig flackernde Abendstimmung charakterisieren möchte. In den Ecksätzen finden sich durchaus extravertierte, marschartige und virtuose Abschnitte, doch überführt der Komponist diese Ausbrüche immer wieder kunstvoll ins Chiaroscuro zurück.

Symphoniker ohne Symphonie

Monrad Johansen hat keine Symphonie geschrieben, dennoch darf er mit Fug und Recht Symphoniker genannt werden. Die „Symphonische Musik“ Pan, nach Knut Hamsuns gleichnamigen Roman 1939 zum 80. Geburtstag des Dichters geschrieben, demonstriert deutlich (wie auch die hier nicht eingespielte Symphonische Fantasie op. 21) die Fähigkeit des Komponisten, über lange Zeitstrecken die Spannung zu halten und Entwicklungen aufzubauen. Das Werk ist keine Schilderung der Geschichte um den von seinen Leidenschaften getriebenen Leutnant Glahn, sondern eine Umsetzung dieser Leidenschaften in konzise symphonische Formung. Von einem langen, langsamen Anfangsteil ausgehend, steigert Monrad Johansen dessen Motive in einer raschen Durchführung bis zur katastrophalen Klimax, bevor eine langsame Coda auf den Anfang zurückgreift.

Auch als Miniaturist leitete der Komponist Hervorragendes, wie die Epigramme nach Norwegischen Motiven zeigen, eine Folge kurzer und ganz kurzer Stücke, die dennoch durch Tempokontraste und gemeinsame Motive zum Zyklus gebunden werden. Klanglich tritt die Hardangerfidel hervor, das herrliche norwegische Volksinstrument, was die introspektive Stimmung des ganzen unterstreicht.

In den zum Teil im Gefängnis komponierten Symphonischen Variationen schließlich, zeigt Monrad Johansen, welche harmonischen, satztechnischen und instrumentatorischen Einfälle er einem Weihnachtslied abgewinnen kann. Die Ereignisdichte in diesem Werk ist so hoch, dass es viel umfangreicher erscheint als es ist, und man, wenn die Schlussfuge vom wiederkehrenden Thema prachtvoll gekrönt wird, nicht den Eindruck hat, ein bloß viertelstündiges Stück gehört zu haben. Eivind Aadland lässt das Kristiansand Symphony Orchestra in straffen Tempi spielen, wobei manchen Stellen ein wenig mehr Rubato zur Hervorhebung von Kontrasten nicht geschadet haben würde. Das Spiel Oliver Triendls im Klavierkonzert macht etwas zu oft den Eindruck bloßer handwerklicher Korrektheit. Gerade den langsamen Satz könnte man sich deutlich poetischer, gesanglicher, weniger referiert vorgetragen denken.

Christian Heindls Begleittext zeichnet ein prägnantes Portrait von David Monrad Johansen als Künstler und Mensch.

Norbert Florian Schuck [14.05.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
David Monrad Johansen
1Klavierkonzert Es-Dur op. 29 00:27:34
4Pan op. 22 00:12:22
5Epigrams on Norwegian motifs op. 31 00:14:00
12Symphonic Variations and Fugue op. 23 00:14:21

Interpreten der Einspielung

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