Pablo de Sarasate
Opera Phantasies

MDG 903 1909-6
1 CD/SACD stereo/surround • 78min • 2015
30.08.2019
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Opernphantasien, vor der Erfindung der Tonaufzeichnung populär und heiß geliebt, im 20. Jahrhundert als unseriöses Repertoire für den Salon und als Mittel zur Selbstbeweihräucherung exhibitionistischer Virtuosen geschmäht, werden im 21. Jahrhundert wieder verstärkt als interessante Erweiterung des Repertoires wahrgenommen. Zwei Entwicklungsstränge trugen zur Beliebtheit der Gattung bei: einerseits wollte man daheim dem letzten Theaterbesuch nachsinnen – hierfür schrieb man den spieltechnisch weniger anspruchsvolleren Teil – andererseits waren viele Arien die „Schlager der Saison“, an denen die großen Virtuosen – von denen das Publikum erwartete, dass sie in ihren Konzerten über zugerufene Themen improvisieren konnten – ihre Instrumentalakrobatik demonstrierten. Deshalb wurden diesbezügliche Modelle – zumeist in der Form von sich im technischen Anspruch steigernden Variationen – in der Instrumentalausbildung ausgiebig unterwiesen, wie bereits die Diminutionslehren des 16. Jahrhunderts demonstrieren.
Einer dieser Virtuosen war Pablo de Sarasate, der Schöpfer der Zigeunerweisen und wohl bedeutendste Geiger im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, dem Komponisten wie Camille Saint-Saëns, Edouard Lalo und Henri Wieniawski bedeutende konzertante Werke zueigneten. Seine Opernphantasien gehören – wie bei einem legitimen Thronfolger Niccolò Paganinis nicht anders zu erwarten – dem hochvirtuos-konzertanten Genre an. Sie nutzen alle Tricks und Kniffe transzendentalen Geigenspiels: mehrstimmiges Spiel unter Abtönung einzelner Stimmen gegeneinander, Flageoletts, Springbogeneffekte etc. Neben einer mehr als souverän funktionierenden Technik sind Schmelz, Klangfarbenreichtum und ein großes Maß an sängerischem Rubato gefragt. Hier darf etwas auch einmal stark parfümiert „verkauft“ werden, handelt es sich doch um Unterhaltungsmusik auf höchstem Niveau.
Volker Reinhold verfügt über alle explizit geforderten virtuosen Mittel. Bogen- und Grifftechnik sind stupend, die rhythmische Realisierung ist vorbildlich, so dass an der Realisierung des Notentextes nichts auszusetzen ist. Nur vergisst er, dass es sich hier um Werke handelt, die das Publikum überrumpeln sollen. Seiner Klanggestaltung fehlt es an Sinnlichkeit, sein Timing ist zu brav. Kurzum, es fehlt die „rattenfängerische“ Komponente eines Jascha Heifetz oder Itzhak Perlman, die Beifallsstürme des Publikums geradezu erzwingt. Hier hätte ich mir eine Orientierung an der metrischen Freiheit von Sängern, die vor dem Ersten Weltkrieg aktiv waren (Mattia Battistini, Fernando de Lucia, Marcel Journet), gewünscht. Dies hätte auch verhindert, dass die Serenade des Don Giovanni in Track 7 als Schunkelwalzer statt als Siciliano daherkommt. Pianist Ralph Zedler löst gekonnt die undankbare Aufgabe, weitgehend Klavierauszüge von Orchesterfassungen spielen zu müssen.
Klangtechnisch ist in der SADC-Stereo-Version eine gelegentlich zu große Dominanz des Klaviers anzumerken, wobei mir nicht klar ist, ob dies wegen der ursprünglichen Orchesterbegleitung beabsichtigt war.
Fazit: Eine vom Repertoire interessante Aufnahme, deren Interpretation allerdings zu seriös geriet. Wer den halbseidenen Charme der Kompositionen erfahren möchte, möge zu den klanglich wesentlich süffigeren Einspielungen der chinesischen Ausnahmegeigerin Tianwa Yang auf Naxos greifen.
Vergleichsaufnahmen: Tianwa Yang, Naxos 8.504046 (Werke mit Orchester) und 8.504054 (Werke mit Klavier).
Thomas Baack [30.08.2019]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
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CD/SACD 1 | ||
Pablo Sarasate | ||
1 | Fantaisie sur La Dame Blanche de F.-A. Boieldieu op. 3 | 00:11:22 |
2 | Souvenirs de Faust de Ch. Gounod | 00:11:43 |
3 | Caprice sur Mireille de Ch. Gounod op. 6 | 00:10:05 |
4 | Romance et Gavotte de Mignon de A. Thomas op. 16 | 00:07:30 |
6 | Nouvelle Fantaisie sur Faust de Ch. Gounod op. 13 | 00:14:05 |
7 | Fantaisie sur Don Juan de W.A. Mozart op. 51 | 00:11:23 |
8 | Mosaique sur Zampa de F. Hérold op. 15 | 00:11:18 |
Interpreten der Einspielung
- Volker Reinhold (Violine)
- Ralph Zedler (Klavier)