Heino Eller
Violin Concerto
Ondine ODE 1321-2
1 CD • 68min • 2018, 2017, 2013
07.12.2018
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Heino Eller (1887-1970) war so etwas wie der Doyen einer professionellen, estnischen Klassikkultur. Zu seinen Schülern zählen keine Geringeren als Eduard Tubin, Arvo Pärt und Lepo Sumera. Noch in St. Petersburg ausgebildet, kann man Ellers praktisch rein instrumentales Schaffen in drei Perioden einteilen. In der frühen (bis 1920) eifert er vor allem dem Vorbild Sibelius nach, aber bereits mit impressionistischen Einflüssen. In der mittleren (1920-1940) versucht er sich an einer Synthese des bisher Erreichten mit dem Expressionismus, unter Beibehaltung der Tonalität; nach 1940 bindet Eller zunehmend estnische Volksmusik mit ein, ohne aber in die Nähe des sozialistischen Realismus zu rücken.
Viele Werke Ellers haben eine lange Geschichte an Umarbeitungen erfahren, so auch das originelle Violinkonzert h-Moll, das bereits 1933/34 geschrieben, dann zurückgezogen und erst 1965 in seiner finalen Fassung uraufgeführt wurde. Das einsätzige, vielgestaltige Werk knüpft an Violinkonzerte nordischer Tradition an, sorgt aber 23 Minuten lang immer wieder für Überraschendes. Die lettische Violinistin Baiba Skride legt sich hier voll ins Zeug, kann sowohl mit den lyrischen wie auch den hochvirtuosen Momenten etwas anfangen und wird dabei von Olari Elts und dem Nationalen Estnischen Symphonieorchester mit reichstem, klaren Klangspektrum, aber der nötigen Zurückhaltung in der Dynamik optimal begleitet. Diesem erstaunlichen Konzert würde man gerne einen Platz im Repertoire gönnen. Die Fantasie für Violine und Orchester ist dann aber nur gewöhnliche Hausmannskost.
Die ursprünglich 1923 entstandene Symphonische Legende, hier als Ersteinspielung, gibt sich etwas zäh: Hier treten zu viele stilistisch heterogene Elemente miteinander in Konkurrenz, die Musiksprache kann sich nicht auf eine klare Linie festlegen und die üppige Instrumentation erinnert eher an zeitgenössische Komponisten wie Franz Schmidt, Joseph Marx oder Josef Suk als an nordische Spätromantiker. Elts versucht aber auch hier sein Bestes, arbeitet die zyklische, allerdings fragile Form und die exquisiten Klangkombinationen gekonnt heraus. Das estnische Orchester kann mit feinen Soli eine überzeugende Visitenkarte abliefern. Anders als Ellers erste und dritte, blieb seine zweite Symphonie (1947) unvollendet, besteht lediglich aus einem Kopfsatz. Hier zeigt sich ein ähnlich nonkonformistischer Geist wie Schostakowitsch, tragisch und lakonisch, der auch mit kleinsten Instrumentaleffekten wirkungsvoll psychologisieren kann.
Die Aufnahme kling direkt und präsent, könnte aber räumlicher sein. Das Booklet erfreut – nur auf Englisch – mit umfassenden Informationen. Heino Ellers Musik kommt vielleicht nicht an die seiner drei oben genannten Meisterschüler heran, ist aber höchst individuell und von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Entwicklung der Musik Estlands. Als Einstieg eignet sich diese CD aber durchaus.
Martin Blaumeiser [07.12.2018]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
---|---|---|
CD/SACD 1 | ||
Heino Eller | ||
1 | Violinkonzert h-Moll | 00:23:16 |
2 | Sinfonische Legende | 00:23:54 |
3 | Fantasie g-Moll für Violine und Orchester | 00:06:18 |
4 | Sinfonie Nr. 2 (unvollendet) | 00:13:44 |
Interpreten der Einspielung
- Baiba Skride (Violine)
- Estonian National Symphony Orchestra (Orchester)
- Olari Elts (Dirigent)