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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Stenhammar

Sången

BIS 2359

1 CD/SACD stereo/surround • 67min • 2018

11.12.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit dieser Veröffentlichung ist – nach Herbert Blomstedts 1982er Aufnahme für Caprice Records – nun auch eine Neuaufnahme auf aktuellem tontechnischen Stand von Wilhelm Stenhammars finalem Meisterwerk Sången (Der Gesang) op. 44 erhältlich, jener Krönung seines Schaffens, die 1922 auf einen Text seines so ebenbürtigen wie gegensätzlichen Kollegen Ture Rangström entstand. Sången ist eine Auftragskantate zum 150jährigen Bestehen der Königlichen Musikalischen Akademie in Stockholm, die in transzendenter Weise die Musik selbst feiert, und damit ist das Werk zu abstrakt und zu anspruchsvoll in seinem Gehalt, um unterhaltend und populär zu sein. Gesetzt für Solistenquartett, gemischten Chor und Orchester, ist es zugleich eines der großartigsten Werke der Epoche, jedoch in zeitloser Klassizität quasi außerhalb ihrer stehend, jenseits der Fort- und Rückschrittskämpfe jener stürmisch umkämpften Jahre. Stenhammar erweist sich hier als so rundum vollendeter Meister, dass er sich nun wirklich nicht um solche Konkurrenz kümmern musste: ein Großmeister des Kontrapunkts, der Orchestration, der Modulation, der organisch zusammenhängenden Formung, und natürlich als so eigenartiger wie unmittelbar bewegender Melodiker. Sången umspannt in zwei ungefähr gleich langen Abteilungen eine halbe Stunde komprimiertester, hymnisch feierlicher, aus tiefer Gewissheit gewachsener Musik. Neeme Järvi und den Göteborger Symphonikern ist eine ausgezeichnete Darbietung geglückt, die eben nicht nur brillant und schwungvoll, sondern auch sehr innig und gar nicht statuarisch affirmativ, sondern stets beweglich und voll drängendem Leben ist (auch wenn nicht jeder Übergang bzw. Kontrast in gleicher Weise glückt – ich denke hier z. B. ans zweite Allegro im 2. Teil). Stenhammars Chorsatz hat in den ekstatisch kontrapunktierenden Aufgipfelungen etwas Händel’sches, was auch den Wohllaut und die Klangpracht betrifft, und auch das mannigfaltig behandelte Orchester kommt als Träger des Dramas zu voller Entfaltung. Die vier Solisten – Charlotta Larsson, Martina Dike, Lars Cleveman und Fredrik Zetterström – und der Chor sind ausgezeichnet, die Göteborger Symphoniker in diesem Heimspiel ohnehin, und man spürt in jedem Moment, dass Järvi und seine Musiker diese Musik lieben. Eins wächst hier aus dem anderen hervor, dass es eine Wonne ist.

Beigegeben ist dem als Eröffnung der CD zunächst ein weiteres Spätwerk: die von Hilding Rosenberg nach Stenhammars 1922 entstandener Schauspielmusik 1944 arrangierte Suite zu Shakespeares Romeo und Julia op. 45 in fünf wunderhübsch neobarockisierenden Sätzchen für kleine Besetzung: Flöte, Oboe, Streicher, und Gitarre oder Harfe ad libitum im Finale. Dem Finale geht ein bezaubernder Solosatz für Oboe voraus, der mit herrlich expressivem Improvvisando vorgetragen wird. Und natürlich gibt es Kostproben der Stenhammar’schen Kunstfertigkeiten wie in der kanonischen Corrente. Auf die Suite folgt mit Reverenza ein Satz, der – vergleichbar der Orchesterfassung von Mendelssohns Oktett – dadurch aus dem Raster gefallen und weitgehend verloren gegangen ist, dass Stenhammar ihn nach der Vollendung seiner berühmten Orchester-Serenade op. 31, deren zweiten Satz die Reverenza bildete, ersatzlos gestrichen hat. Es ist ein Stück von besonders köstlichem, übermütigem Humor im hochoriginellen Mittelteil, und wieder einmal von kunstreicher Verwebung der unterschiedlichen Elemente geprägt. Und dann sind da die Zwei Sentimentalen Romanzen op. 28 für Violine und kleines Orchester (zu den Streichern treten in der ersten Romanze lediglich Flöte, Klarinette, Horn und Fagott, in der zweiten Flöte, Oboe, 2 Klarinetten, 2 Hörner und 2 Fagotte hinzu) – 1910 darf davon ausgegangen werden, dass mit „sentimental“ ein Bekenntnis zu einem romantischen Tonfall, und vor allem zu einer mehr stimmungsmäßigen als strukturbetonten Musik gemeint ist, durchaus mit Bezug auf die berühmten verschwisterten Gattungsvorbilder Beethovens und vielleicht auch Regers (als Dirigent hat Stenhammar ja vieles gekannt, zweifellos auch die berühmten Violinromanzen mit Orchester von Svendsen und Dvorák). Der Vortrag der Solistin Sara Trobäck ist technisch untadelig, aber auch etwas eintönig und akademisch, man wünschte ihr mehr Freude an der Freiheit der Gestaltung, gerade auch, wenn sie alleine ist, und das heißt ja nicht, dass es darum willkürlich sein müsste. Das freilich erfordert mehr Wissen und Intuition. Auch ist die Sologeige hier – mit so diskretem Begleitapparat – akustisch eindeutig zu weit in den Vordergrund gerückt. Die zweite Romanze ist für Allegro patetico zu behäbig geraten. Und an den Schlüssen gerät es aufgrund von viel zu viel – vom Komponisten nicht gewünschtem! – Ritardando dann beide Male tatsächlich im ungünstigen Sinne sentimental. Doch was soll’s, der Rest dieser vortrefflichen CD ist es allemal wert, und er ist geeignet, die Musik Stenhammars so attraktiv erscheinen zu lassen, dass Sången vielleicht – trotz der schwedischen Sprache, die so wunderschön klingt wie sie international leider immer noch nicht durchsetzungsfähig ist – endlich auch außerhalb Schwedens ab und zu aufgeführt wird. Das wäre sehr zu wünschen, denn es ist durchaus in seiner Art auf derselben Höhe wie die besten Werke deutschsprachiger Chor- und Orchestermusik der Nachromantik (ich denke insbesondere an Stenhammars zeitgenössische Kapellmeisterkollegen Mahler, Busoni, Schillings, Pfitzner, Hausegger, Suter, Zemlinsky, Reger, Schönberg, Schreker, aber auch an Sibelius, Tournemire, Vaughan Williams, Suk oder Franz Schmidt). Wer wagt, kann hier nur gewinnen.

Christoph Schlüren [11.12.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Wilhelm Stenhammar
1Romeo och Julia op. 45 (Suite. Arr.: Hilding Rosenberg) 00:17:20
6Reverenza (2. Satz aus: Serenade op. 31) 00:05:58
7Zwei sentimentale Romanzen: I. Andantino 00:06:38
8Zwei sentimentale Romanzen: II. Allegro patetico 00:06:46
9Sången op. 44 (Sinfonische Kantate) 00:29:15

Interpreten der Einspielung

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