Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Suche

CD-Besprechung

A Soprano's Schubertiade

A Soprano’s Schubertiade

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 04.07.18

label_888.jpg
→ Katalog und Neuheiten

BIS 2343

1 CD/SACD stereo/surround • 78min • 2017

Schon das kultivierte Erscheinungsbild dieser britischen Edition auf schwedischem Label macht Freude: ein kompetent gestaltetes Booklet mit allen Liedtexten zweisprachig sowie dem dreisprachigen Einführungstext der britischen Kunstlied-Expertin Susan Youens, der jedes Lied gleichsam mit einem Steckbrief versieht und nicht zuletzt jeweils den literarischen Zusammenhang erhellt, ob bei Goethe, ob – besonders nötig – im Roman-Dickicht des Walter Scott. Die thematische Zielsetzung des englischen Lied-Duos Carolyn Sampson und Joseph Middleton umreisst Youen klar: “Lieder an Frauen, von Frauen, über Frauen, für Frauen“ – aus der Feder eines Komponisten, der wie kaum einer sonst Einfühlung in die weibliche Seele Musik werden lässt, oft gar über die poetischen Vorlagen hinaus, und die sind zumindest nicht von schlechten Eltern, von Goethe überwiegend: Suleika, Mignon, Gretchen – neun von fünfzehn Liedern; dann die sehr besonderen Ellen-Gesänge nach Walter Scott, von denen nur das Ave Maria in allen Gestalten um die Welt ging.

Freilich wünscht man sich von distinguierten Interpreten auch Schubert-Rara, und gerade diesen Wunsch erfüllt Carolyn Sampson, wenn sie zwischen die genannten Lieder etwa das enorme Opus Viola (D786) auf ein rührendes neunzehnstrophiges Gedicht des intimen Schubert-Freundes Schober placiert – von Interpreten leider sonst nur selten angenommen, obwohl es die seelischen Gezeiten der Verlassenen am Symbol des unzeitig zur Paarung geneigten Blümleins (‚Viola’ D786) im Wechsel zwischen zart-dramatischem und liedhaft-unschuldigem Gestus musikalisch auslotet – was Carolyn Sampson stilsicher diskret einerseits, magisch-naiv auf der anderen Seite gelingt. Ähnlich das kaum bekannte Blondel zu Marien (D626), ein geradezu szenisches Belcanto-Kabinettstück Schuberts auf ein anonymes freirhytmisches Poem, dessen Quelle nach Youen auf den mythischen, romantisch favorisierten Minnesänger Blondel zurückgeht. Dass Sampson zu den Gretchen-Liedern auch das fragmentarische, von Benjamin Britten liebevoll ergänzte Stück Gretchen im Zwinger (‚Ach neige du Scherzenreiche‘ D564) einschliesst, ist schlichtweg eine Kostbarkeit, zumal auch hier im dramatischen Duktus Sampsons ‚Darstellung‘ niemals überbordet, sondern in der Balance bleibt. Dass die berühmte Rosamunde-Romanze nicht fehlt, die das Thema der Frauenseele im Liebesverlust nach den Worten der Dichterin Chézy wundersam inkarniert („Im Leben fern/Im Tode dein“), gibt Carolyn Sampsons Schubertiade gleichsam das Motto.

Ein Wort noch zum ‚Wie‘. Es wird subtil gesungen, gespielt – das ist klar, wenn man die Entwicklung der Sopranistin Sampson verfolgt hat und ihren Zugriff, zumal aus der Barock-Musik, kennt. Bei Schubert steht der Interpret vor einem heiklem Balanceakt: die klassische Aesthetik, in der Schubert denkt, muss das Lied als Form erhalten; die poetischen Inhalte, mit denen Schubert romantisch fühlt, müssen jedoch vollkommen vermittelt sein und beides muss ineinander umschlagen. Das gelingt dem Pianisten Middleton durch strukturelle Transparenz eindrucksvoll, zumal er sich auf den aus dem Umgang mit ‚Alter Musik‘ gewachsenen Stil der Sopranistin brillant zu beziehen weiss, so dass schöne Homogenität entsteht. Der Gesangsstil Carolyn Sampsons setzt Objektivierung vor Identifikation – womit die meisten Lieder sozusagen auf ihren Kunstcharakter zu-gesungen werden: die Stimme versteht Sampson als Instrument, und diesem entlockt sie immer wieder immer neu betörende Einzel-Töne, wobei die Vokale dergestalt mit magischem Legato versetzt werden, dass sie bei leichter Verdrängung der ‚Con-Sonanten‘ anonyme Zaubertöne erbringen … natürlich besticht diese Technik, von der Ton-Technik der Aufnahme gestützt.

Es zeigt sich dabei aber auch eine gewisse Tendenz, die Lieder in Klanginseln zu zerlegen, und es überwiegt dann da und dort der artifizielle Ansatz, womit diese eine und nicht minder wichtige Dimension Schuberts zurückzutreten droht: das schlichte, verzweifelt natürliche Singen, weil die Seele nichts anderes zulässt – die Angst vor dieser schlichten Dimension verführt so manche der heutigen Lied-Interpreten, zumal deutsche Baritonisten, zu klanglicher Mästung und treibt sie damit, bei völligem Missverständnis des Begriffes ‚Darstellung‘, in sträfliches Outrieren. Von Derartigem freilich ist Sampsons reflektiertes Niveau fern – nur ein Beispiel hier, ohne Wertung, für diese von uns gemeinte andere Schubertsche Sphäre: Gretchen am Spinnrade gesungen von Kathleen Ferrier – also auch aus britischem Mund, und ob nun Sopran oder tiefer Alt: einzigartig bewegend im Zusammenspiel von Natur und Kunst.

Georg-Albrecht Eckle [04.07.2018]

 
2343;7318599923437

Bestellen bei jpc

label_888.jpg
→ Katalog und Neuheiten

 

 

⇑ nach oben

Impressum Kontakt AGBs Datenschutz Haftungsausschluss Mediadaten Sitemap

© Klassik Heute GbR

jpc
Musiktage Mondsee 2018