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CD-Besprechung

War No More

Männerchorwerke zu Krieg und Frieden

War No More

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 11.03.18

Klassik Heute
Empfehlung

Ars Produktion ARS 38 243

1 CD • 73min • 2017

Mit Hurrarufen zogen 1914 Millionen junge patriotisch verblendeter Männer auf die Schlachtfelder in Europa. Vier Jahre später hatte ein Vernichtungskrieg von bislang ungekanntem Ausmaß den halben Kontinent in Schutt und Asche gelegt. 100 Jahre danach legt das Renner Ensemble Regensburg die CD „War no more“ vor. Und die beginnt in einem heiter beschwingten Gestus, der – in diesem Kontext betrachtet – fast schon etwas bizarres hat. Ist Clement Janequins fröhlich beschwingter Gesang in diesem Werk eine Verherrlichung? Oder eine ironische Reflexion? Im Kontext dieser neuen Produktion in bester SACD-Qualität reiht sich dieses frühe Loblied auf Abenteuer und Heldentum in einen sehr vielgestaltigen Bogen ein, der Zeugnis ablegt über die Kulturgeschichte des Krieges als wohl einer der ältesten Formen kollektiven menschlichen Handelns.

In 17 Liedern und Texten aus fünf Jahrhunderten verschaffen sich konträre Haltungen, Stimmungen, aber auch Einzelschicksale Gehör. Die Regensburger Sänger, von Hans Pritschet geleitet, agieren dabei als einfühlsame Mittler, deren nobles stimmliches Potenzial gepaart mit einer äußerst zartfühlenden, manchmal tiefschürfenden Klangkultur jedem lauten Kriegsgeschrei ganz unaufdringlich Paroli bietet.

Man mag zu der Haltung von Janequins Lobgesängen oder Edward McDowells Ode an die Kreuzfahrer, die mit Feuer und Schwer den Glauben obsiegen lassen wollen, heute auf kritische Distanz gehen und in seiner bildgewaltiger Ballade über die Invasion der marodierenden Hunnen eine auch heute noch praktizierte Suggestion von Feindbildern sehen. Spätestens in Josef Gabriel Meinbergers Lied von der trauernden Geliebten über ihren Liebsten, der nie mehr kommt und den hier so wirkungsvoll zum Einsatz kommenden romantischen Chiffren für Tod und Verlust, kommt das subjektive Leiden hautnah über jeden Einzelnen und damit auch über den empfindsamen Hörer dieser CD. Da beweint ein Soldat den plötzlichen Tod eines Kameraden: “Er liegt mir vor den Füßen, als wär es ein Teil von mir.“ Und wir begleiten in einem russischen Lied eine Kolonne von Kriegsgefangenen auf ihrem letzten Marsch in die sibirische Gefangenschaft. Bände spricht auch ein knapp gehaltenes Gedicht von Josef von Eichendorff über einen Verzweifelten, der von seiner Geliebten verlassen wurde und sich aus purem Lebensüberdruss einem Kriegerheer anschließen will.

Die hervorragend homogen aufeinander abgestimmten Sänger unter Hans Prischets Leitung dosieren ihre harmonischen Farben und ihr Timbre immer so, dass alles subtil berührt und sanfte vokale Schwebezustände zuverlässig über jedes Pathos und jeden Anflug von Sentimentalität erhaben sind. Wie Hans Pritschet hier die Klangfarben seiner hochdisziplierten Sänger dosiert, erzeugt dies eine emotionale Bandbreite, die schon etwas von Empathie hat und durchaus Trost in der Ausweglosigkeit bieten kann. Immens ist die deklamatorische Präzision der Regensburger Sänger, die in manchen Passagen für regelrecht lautmalerische Effekte sorgt. Auf diese Weise wirkt das Geschriebene und Gesungene immer echt und relevant. Man versteht, was Krieg für den einzelnen bedeutet und hier letztlich alle die Verlierer sind.

Das hervorragende Einfühungsvermögen dieses Gesangsensembles lässt auch in anderer Hinsicht staunen: Trickreich und sehr transparent arbeiten die oft kanonisch gefühhrten Stimmen mit der gleichzeitigen Überlagerung mehrerer Textzeilen – dies gipfelt in einer schier wahnwitzigen, aber von den Sängern bestechend unangestrengt inszenierten Neunstimmigkeit, wo Eichendorffs Gedicht über einen alten Soldaten in omnipräsenter Schwebung zu hören ist. Auch die religiöse, spirituelle Kompomente kommt nicht zu kurz. Sehr archaisch und zugleich wieder extrem modern wirkt eine traditionelle Hymne aus dem finnischen Kulturraum über einen lateinischen Text – und schließlich darf ein abschließendes Statement aus der Popkultur nicht fehlen: John Lennons Imagine bricht die kollektive Rollenverteilung des Chores zum Finale auf, wenn einer der Sänger zum solistischen Friedensbotschafter wird und auch in der Disziplin des Popgesang überzeugend brilliert: Stellt euch vor, es gibt keine Religion und die Menschen leben alle im heute. Das hätte ja schon etwas – wenn niemand mehr sich selbst und andere ins Jenseits befördern müssten, weil auch niemandem mehr ein Paradies im Jenseits versprochen wird.

Stefan Pieper [11.03.2018]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 C. Janequin La Guerre 00:08:36
2 E. MacDowell The Crusaders op. 52 Nr. 3 00:04:27
3 W. Kienzl Gebet im Kriege op. 92 Nr. 1 00:02:39
4 J. Rheinberger Die Hunnen (aus: Aus Westphalen op. 130) 00:03:37
5 Abend am Toro-See (aus: Seebilder op. 116) 00:04:59
6 N. Sokolov From Siberia op. 6 Nr. 1 00:06:18
7 P. Cornelius Der alte Soldat op. 12 Nr. 1 00:04:16
8 J.N. David Wir zogen in das Feld 00:03:19
9 J. Świder Vocalisa "pax" 00:03:41
10 I. Moody Supplication For Peace 00:05:15
11 V. Tormis Deus, protege a bello 00:06:18
12 M. Haydn Friedenslied MH 644 00:05:30
13 F. Silcher Der gute Kamerad 00:01:50
14 Ännchen von Tharau 00:03:22
15 Untreue 00:03:08
16 J. Lennon Imagine (arr.: Hans Pritschet) 00:03:08
17 Trad. Down by the Riverside (arr.: Hans Pritschet) 00:03:07

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Renner Ensemble Regensburg Chor
 
ARS 38 243;4260052382431

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