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CD-Besprechung

Johann Sebastian Bach

St John Passion

Johann Sebastian Bach

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 21.03.18

Klassik Heute
Empfehlung

Naxos 8.573817-18

2 CD • 2h 12min • 2017

„Als nun diese theatralische Musik anging, so gerieten alle diese Personen in die gröste Verwunderung, sahen einander an und sagten: Was soll daraus werden?“ Wenn man diese neue Aufnahme der Bach’schen Johannespassion hört, kann man die Verwunderung dieser „hohe(n) Ministri und Adeliche(n) Damen“ verstehen: Ralf Otto, der sich seit über vierzig Jahren den Werken von Bach widmet, hat mit seinem Bachchor Mainz eine Johannespassion eingespielt, die dramatisch begeistert, ja überrumpelt, die einen sofort hineinreißt in das größte Drama aller Zeiten, die beseelt ist vor vorwärtsdrängender Mitteilungsleidenschaft, die geradezu bebt vor Erregung – die aber trotzdem musikantisch beschwingt und fließend ist. Wenn es nicht blasphemisch klänge, könnte man sagen, dass alle Sänger und Musiker hier große Freude beim Musizieren haben. Alles klingt „historisch informiert“, aber es ist nie klanglich skelettiert oder bloß sportlich stürmisch wie bei manch anderen „historisch“ spielenden Ensembles, alles hat – bei aller schmerzlichen Dramatik – eine geradezu prall-sinnliche Klangqualität. Dazu tragen auch die Atmosphäre und der hervorragende Raumklang der Mainzer Christuskirche bei, Hauptkirche der rheinland-pfälzischen evangelischen Landeskirche und Sitz des Bachchores seit über sechzig Jahren, ein im Stil der Hochrenaissance errichteter Bau von exquisiter Akustik. Der Tonmeister hat da wirklich gute Arbeit geleistet, hat alles in größter Transparenz akustisch unmittelbar überwältigend nach vorne gerückt.

Gleich der Eingangschor bestürzt mit aufwühlenden harten Schlägen im Generalbass, während die Flöten und Oboen legato singen. Da versteht man John Eliot Gardiner, der in seinem Buch „Bach – Musik für die Himmelsburg“ meint, dass in dieser Ouvertüre die Stimmung der Mozart’schen Idomeneo und Don-Giovanni-Ouvertüren vorwegnehme und schon ein direkter Vorfahre der Beethoven’schen Leonoren-Ouvertüren sei. Der Chorklang ist sehr rund und ausgewogen, dabei recht üppig, trotz der „nur“ 34 Sänger. Die Herr!-Rufe kommen sehr exakt. Insgesamt haben alle Turba-Chöre energische Wucht: Der Bist-du-nicht?-Chor kommt erregt-schreiend und anklagend, die Juden (Wäre dieser nicht ein Übeltäter) hecheln und heulen erregt chromatisch, und zwar deutlich in allen Chorstimmen. Überhaupt darf man endlich auch einmal den Chor-Alt hören, der in vielen Chören unterbelichtet klingt. Im darauffolgenden Chor (Wir dürfen niemand töten) hetzen die Geigen hörbar, ihr angebliches „Gesetz“ schleudern die Juden dem Pilatus mit verkürztem und deshalb gezischtem „tz“ entgegen. Und auch die Endfermate des Wohin?-Chores negiert Ralf Otto, so dass dieser Chor fast atemlos wirkt, doch endlich einmal notensicher. Ein Irrsinnstempo legt Ralf Otto bei dem Chor der um Christi Rock würfelnden Soldaten hin, ein Tempo, das der Chor gerade noch bewältigt, das aber dazu führt, dass die Aliberti-Bässe, die die rollenden Würfel symbolisieren, im Klang fast untergehen. Und dafür scheint am Ende, beim Schlusschoral, ein bisschen die Luft raus zu sein, der hat wenig Binnensteigerung. Das ist ein Schlusspunkt, aber kein Ausrufezeichen.

Binnensteigerung haben allerdings alle anderen Choräle. Die sind klangsatt, natürlich atmend, außerordentlich textbetont mit sehr gut abgesprochenen Endkonsonanten, mit geradezu sprechenden Fermaten und kleinen rhetorischen Kunstpausen vor bedeutsamen Worten. Und außerordentlich bedeutsam durch Verlangsamung und geradezu rhetorisches Piano ist der Choral Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, der mit seinen Antithesen-Ballungen das theologische Zentrum bildet – und mit seinem kreuzreichen E-Dur auch das musikalische Zentrum, das nur noch übertroffen wird durch das Fis-Dur nach dem Es ist vollbracht – das Ralf Otto im mystisch erschauernden Piano nimmt statt im auch möglichen triumphalen Forte.

Damit sind wir auch bei Jesus, der mit Yorck Felix Speer wahrhaft herrscherlich, ja machtvoll-präsidial tönt. Sein hohes „e“ in Das ist mein Reich ist selbstbewusst-sicher attackiert und getroffen. Und auch hier hört man, wie subtil Ralf Otto die Continuo-Gruppe strukturiert: Wenn Jesus singt Ich bin ein König, verstummt die Gruppe wie erschreckt, bloß das Cembalo zirpt ein paar verlorene Töne. Wenn Jesus klagt: Mich dürstet!, spielt das Cembalo symbolisch trocken.

Das stützt auch den Evangelisten: Georg Poplutz erzählt mit kernig leuchtendem Tenor oft innerlich erregt, und wenn er von des Petrus‘ Weinen erzählt, mit langem Atem drängend quellend. Christian Wagner ist als Pilatus ein sich seiner Würde bewusster römischer Beamter.

Und auch die übrigen Solisten passen gut zu dieser klangüppigen Passion: Der Tenor Daniel Sans realisiert prächtig in seiner ersten Arie (Ach mein Sinn) das, was Gardiner darüber schreibt: „Das Stück sprüht vor Energie und Emotion“, während das Orchester genauso prächtig mit heftiger Punktierung das seelische Chaos des Sängers malt. Und genauso präzise zeichnet Daniel Sans in seiner zweiten Arie (Erwäge!) die von Gardiner apostrophierte „geheimnisvolle Erotik von Wunden“ nach. Der Bassist Matthias Winchkler deklamiert hervorragend wortbezogen und wortdeutlich, Gerhild Romberger führt einen kräftigen Alt mit wenig Vibrato, ihr Es ist voll bracht! kommt wahrlich triumphierend, die Gambe in dieser Arie klingt ausgesprochen schön – es ist immerhin Hille Perl! In der ersten Alt-Arie (Von den Stricken) überrascht der fast tänzerische Bass, der die federnden Staccati im Notenbild ganz ernst nimmt.

Der mit natürlich-innigem Timbre versehene Sopran von Julia Kleiter bettet sich herrlich ein in das berückende Klangbild der Oboen und Flöten in der Zerfließe-Arie, ihr Sopran zerfließt nicht kopfig-dünn wie so oft, sondern bleibt durchaus sinnlich präsent und sie beherrscht auch den barockopernhaften Gestus der Tonrepetition.

Ergänzend bietet diese Doppel-CD Bachs Bearbeitungen von 1725: aus der Matthäuspassion den Chor O Mensch bewein dein Spünden groß, der hier als Eingangschor, sowie den Choral Christe, du Lamm Gottes, der als Schlusschor figuriert. Interessanter sind da die zwei Erregungs-Arien des Tenors, die durchaus einmal in einer Aufführung gebracht werden könnten.

Rainer W. Janka [21.03.2018]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J.S. Bach Johannes-Passion BWV 245 02:12:02

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Georg Poplutz Tenor
York Felix Speer Bass
Julia Kleiter Sopran
Gerhild Romberger Alt
Daniel Sans Tenor
Matthias Winckhler Bass
Bachchor Mainz Chor
Bachorchester Mainz Orchester
Ralf Otto Dirigent
 
8.573817-18;0747313381777

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