„roots // wurzeln‟
ars vobiscum 4260187721815
1 CD • 56min • 2016
23.11.2017
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Klassik Heute
Empfehlung
Das ist nun einmal eine wirkliche Novität! Die fünf Komponisten, die hier unter dem Titel „roots“ präsentiert werden, sind im deutschsprachigen Raum (auch auf Tonträgern) noch kaum oder gar nicht zur Kenntnis genommen worden. Ich gestehe, dass mir lediglich Samuel Coleridge-Taylor ein Begriff war, dessen Kantaten-Trilogie Hiawatha gelegentlich in Konzert-Programmen aufscheint. Die vorliegende CD konfrontiert drei Pioniere der afro-amerikanischen Musik, die noch im 19. Jahrhundert ihre Arbeit aufnahmen und wesentlich von Antonin Dvořák beeinflusst wurden (der 1892-95 in den USA tätig war), mit zwei profilierten Exponenten der Neuzeit.
Der Sänger und Komponist Henry Thacker Burleigh (1866-1949), zeitweilig Assistent von Dvořák, hat sich um die Adaption der Negro Spirituals in das klassische Repertoire verdient gemacht und war Lehrer von Marian Anderson und Paul Robeson. Er hat mehr als 200 Lieder geschrieben, drei davon sind hier zu hören. Es handelt sich um Vertonungen der an Blumenmetaphern reichen Liebesgedichte von Laurence Hope (i.e. Adela Florence Nicolson), in denen er einen persönlichen Ton findet und sich auch in der Harmonik von europäischen Vorbildern emanzipiert.
Will Marion Cook (1869-1944) studierte in New York bei Dvořák und war später mit Broadway-Musicals erfolgreich. Sein Song My Lady (1914) auf einen in einem afro-amerikanischen Dialekt geschriebenen Text von Paul Laurence Dunbar bewegt sich tänzerisch an der Grenze von der E- zur U-Musik. Auch der Engländer Samuel Coleridge-Taylor (1875-1912), dessen Vorfahren väterlicherseits von afro-amerikanischen Sklaven abstammten, zählte Dvořák zu seinen großen Vorbildern. Die drei ausgewählten Lieder, in denen es um Tod und Abschied geht, sind von einem elegischen Salonton geprägt - gleichsam Tosti im Afro-Look.
Die beiden im Zentrum des Programms stehenden Komponisten des 20. Jahrhunderts hinterlassen einen noch nachhaltigeren Eindruck. Vor allem das 1951 auf einem Höhepunkt rassistischer Gewalt in den Vereinigten Staaten entstandene Stabat mater von Julia Perry (1924-79) hat auf den Hörer, der die Versionen von Pergolesi, Rossini und Dvořák im Ohr hat, eine verstörende Wirkung. Die Qual der mater dolorosa wird mit jedem Ton physisch erfahrbar. Perry hat dieses 20minütige Oratorium ursprünglich für Alt und Streichorchester geschrieben, die hier vorliegende Version mit einer tiefen Männerstimme und einem Streichquartett (der vorzüglichen Eroica Berlin) erscheint mir indes nicht weniger überzeugend und authentisch.
Im Zyklus Nights, der 1961 in New York uraufgeführt wurde und später auch in einer Orchesterversion erschien, hat Harrison Leslie Adams (Jg. 1932) für sechs Texte afroamerikanischer Dichter eine weitgehend eigenständige Tonsprache gefunden, ohne die Tonalität zu verlassen. Die „Wurzeln“ haben sich hier schon zu einem ansehnlichen Baum entwickelt.
Der Bassbariton Thomas Stimmel, der dieses ausgefallene Programm initiiert hat, ist in allen Werken ein eloquenter Interpret, gestaltet die Gesänge mit gezügelter Emotion, jede Larmoyanz vermeidend. Die warme, männliche Stimme verfügt über viele Farben, doch neigt der Sänger in seinem Ausdruckswillen in der Höhe manchmal zum Forcieren. Philipp Vogler, selbst auch als Komponist hervorgetreten, ist ein überaus imaginativer Begleiter, der seine Parts gleichsam aus dem erlebten Moment heraus gestaltet, so als würde er improvisieren. Das verleiht den Aufnahmen eine besondere Spannung und Spontaneität.
Dieses Recital füllt eine wirkliche Lücke und ist nicht zum Archivieren bestimmt, sondern lädt zum wiederholten Hören ein.
Ekkehard Pluta [23.11.2017]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
---|---|---|
CD/SACD 1 | ||
Henry Thacker Burleigh | ||
1 | Among the Fuchsias | 00:02:44 |
2 | Kashmiri Song | 00:03:34 |
3 | The Jungle Flower | |
Samuel Coleridge-Taylor | ||
4 | A Lament | 00:02:24 |
5 | When I'm dead | 00:02:29 |
6 | Life and death | 00:01:46 |
Julia Perry | ||
7 | Stabat Mater | 00:19:02 |
Harrison Leslie Adams | ||
8 | Prayer (Night Songs - 6 Songs on texts by Afro-American poets) | 00:03:16 |
9 | Drums of tragedy (Night Songs - 6 Songs on texts by Afro-American poets) | 00:01:20 |
10 | The heart of a woman (Night Songs - 6 Songs on texts by Afro-American poets) | 00:02:00 |
11 | Night Song (Night Songs - 6 Songs on texts by Afro-American poets) | 00:02:05 |
12 | Since you went away (Night Songs - 6 Songs on texts by Afro-American poets) | 00:04:06 |
13 | Creole Girl (Night Songs - 6 Songs on texts by Afro-American poets) | 00:02:19 |
Will Marion Cook | ||
14 | My Lady | 00:05:09 |
Interpreten der Einspielung
- Thomas Stimmel (Bass)
- Philipp Vogler (Klavier)
- Eroica Berlin (Ensemble)