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CD-Besprechung

Carlos Kleiber & Erich Kleiber

conduct Alexander Borodin

SWRmusic SWR19406CD

1 CD • 52min • 1972, 1947

17.08.2016

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Alexander Borodins Zweite Symphonie in h-Moll, entstanden 1869-76 während der Gemeinschaftsarbeit des ‚Mächtigen Häufleins’ an der Ballettoper Mlada, markiert nicht nur den Gipfel seines instrumentalen Schaffens, sondern ist überhaupt eines der großartigsten und eigentümlichsten russischen Orchesterwerke. Vor einem halben Jahrhundert gehörte sie zum Standardrepertoire, doch heute scheuen Veranstalter das Werk und bitten russische Orchester auf Tourneen lieber um eine Symphonie von Rachmaninoff, wenn schon nicht Tschaikowsky (4-6) oder Mussorgskys „Bilder“ angeboten werden. Welche Scheuklappen unser Musikbetrieb entwickelt hat, wie armselig er geworden ist, kann man daran sehen, dass diese Symphonie, die höchst erfolgreich ist, wenn sie denn doch irgendwo mal wieder im Abonnement gegeben wird, heute fast nur noch Kennern ein Begriff ist. Als Jugendlicher hatte ich eine Platte der zwei vollendeten Borodin-Symphonien mit dem Orchestre de la Suisse Romande unter Ansermet, die zu meinen Favoriten gehörte. Später wurde mir klar, dass es weit musikalischere und zündendere Aufnahmen gibt, und – trotz der miserablen Klangqualität – Dimitri Mitropoulos stellte alles andere in den Schatten. Eine weitere große Entdeckung sollte dann die 1947er Live-Aufnahme des NBC Symphony Orchestra unter Erich Kleiber sein.

Dieser legendäre Konzertmitschnitt liegt nun hier zum zweiten Mal gekoppelt mit dem Konzertmitschnitt seines Sohns Carlos Kleiber und des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart vom 12. Dezember 1972 vor. Unverständlicherweise wurde das Booklet, inklusive des Einführungstexts, völlig unverändert übernommen, auch hinsichtlich der peinlichen Gestaltung, die Carlos als Giganten und seinen Vater – mit einem dilettantisch plazierten Miniaturfoto auf der Rückseite – als Appendix inszeniert, womit die tatsächlichen Qualitätsverhältnisse auf den Kopf gestellt werden.

Erich Kleiber hat die Symphonie in ihrem Wesen erfasst. Er lässt mit einer feinnervigen Natürlichkeit gestalten und verfügt über eine subtile Kunst des Rubato auch in verwegenen Situationen, ohne dass das Orchester „klappert“, wie dies heute kaum jemand zuwege bringen würde, versuchte er es denn überhaupt. Carlos Kleiber hingegen versucht, mit aufgesetzter Verve den Mangel an organischer Gestaltung und Innigkeit wettzumachen, neigt zu den von ihm bekannten hysterischen Rückungen, die hier absolut fehl am Platze sind. Auch ist das Spiel der Stuttgarter wesentlich makelbehafteter und gröber als das des von Toscanini geformten amerikanischen Rundfunkklangkörpers. Manche Unsauberkeiten insbesondere im Finale sind schwer zu ertragen – sie wären es ohne weiteres, wenn der Dirigent geistvoll im Dienste des Werkes agieren würde. Tut er nicht. Jeder Satz ist schneller als unter seinem Vater, und jeder ist musikalisch schwerfälliger und aggressiv-dumpfer. Das ist sicher sehr interessant für alle Verehrer beider Kleibers, und wenn die Anhänger von Carlos Kleiber unvoreingenommen die Ohren aufsperren, können ihnen die Defizite des zweifellos hochbegabten und vor Vitalität strotzenden Maestro wider Willen nicht verborgen bleiben. Die Gegenüberstellung ist kontraproduktiv und offenbart ein erschreckendes Gefälle. Erich Kleiber, natürlich an zweiter Stelle präsentiert, entschädigt glücklicherweise für den Reinfall seines Sohnes mit unwiderstehlicher Größe, deren wahre Dimension in einer Aufnahme – gar in so unzureichendem Klangbild – nur erahnt werden kann. Ein Dirigent seiner Klasse wäre heute nicht nur in Deutschland, sondern weltweit die unangefochtene Nummer Eins.

Das wunderbarste Beispiel ist hier sicher der langsame Satz, der aus einer überirdischen Ruhe und Poesie heraus sich entwickeln kann. Und in den schnellen Sätzen ist es nicht nur die überlegene Disposition der Temporelationen, es zeichnet sich auch durchweg durch einen Schwung und Fluss aus, durch ein Miteinander von unwiderstehlichem Drang und stets vorhandener Elastizität, und durch eine absolute Authentizität der Gestaltung, die keines absichernden Vergleichs bedarf, um ihre Stimmigkeit zu beweisen. Carlos Kleiber ist nicht nur in der Sinnleere des Langsamen hoffnungslos verloren – zum Glück, möchte man sagen, nimmt er es flüssiger –, die schnellen Tempi wirken bei ihm gehetzt, getrieben, harsch und roh artikuliert. Von Liebe zur Musik ist da wenig zu spüren. Und wo er einmal zu einer gewissen Natürlichkeit findet, rutscht das Russische auffällig Richtung Wien ab… Als Produzent hätte ich, zu seiner Ehrenrettung, der Versuchung widerstanden, diese beiden Aufnahmen zu koppeln.

Christoph Schlüren [17.08.2016]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alexander Borodin
1Sinfonie Nr. 2 h-Moll op. 5 00:27:23
5Sinfonie Nr. 2 h-Moll op. 5 00:27:04

Interpreten der Einspielung

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