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CD-Besprechung

Friedrich Gernsheim

Symphonies 2 & 4

Friedrich Gernsheim

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 18.07.16

Klassik Heute
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cpo 777 848-2

1 CD • 61min • 2013

„Die Symphonien von Gernsheim verdienen eine eingehende Würdigung. Es sind höchst eigenständige und bedeutende Werke, die den herkömmlichen Rahmen der Viersätzigkeit, der traditionellen Formmodelle und Tonartenverhältnisse zwar nicht verlassen, aber mit einer eigenwilligen Mischung aus intensiver motivisch-thematischer Arbeit und ausgeprägt dramatischer, kontrast- und einfallsreicher Musik füllen«.

Wäre ich im musikalischen Repertoire auch nur annähernd so beschlagen wie’s etwa T.S. Eliot oder Arno Schmidt in literarischen Dingen waren, ich wollte dem Plappermäulchen, das vor einigen Jahren die obigen Floskeln formulierte, ein paar Takte hinreiben, gegen die sich die unbedingt richtigen Beobachtungen des aufmerksamen Einführungstexters wie ein Eintrag ins Poesiealbum ausnähmen. Dér hat sich immerhin nicht vom unbotmäßigen Tuten des Bockshorns auf die falsche Fährte locken lassen, sondern ganz richtig eine Menge Brahms gehört (besonders prägnant das Hauptthema im Finale der zweiten Symphonie), hat auch sonst gewiß die eine oder andere Randnotiz in seinen Partituren stehen – und distanziert sich somit erfreulicherweise von der Marktschreierei, die mir gleich wieder einen Merksatz des klugen Friedrich Gundolf in den Sinn brachte: Es sei, meinte dieser zum Einrahmen gut, überhaupt „eine Unsitte, Leute die in ihrem Privatleben unverdientes oder unmässiges Unglück gehabt haben, hinterher dadurch zu entschädigen, dass man ihre Werke überschätzt”. Und Friedrich Gernsheim hätte ja nicht einmal über Unglück klagen können: Er war in musikalischen Kreisen sehr geachtet, wirkte unter anderem als Direktor der Maatschappij tot Bevordering der Toonkunst, gehörte der Preußischen Akademie der Künste an, wurde reichlich aufgeführt und geehrt und gerät eigentlich erst dadurch in posthume Schwierigkeiten, dass man sein Œuvre glaubt unmäßig aufpumpen zu müssen. Er war nun mal kein Brahms, mit den ihn angeblich eine enge Freundschaft verband (was nicht sein kann, da der keine echten Freunde hatte), und es wäre ganz einfach unredlich, ihn zu einem ernsthaften Konkurrenten der wirklich großen Meister heraufwuchten zu wollen.

Hat man von diesem Beginnen erst einmal Abstand genommen, dann zeigt sich, dass seine besten Dinge keineswegs anämisch-unsympathische Akademiker-Produkte sind. Ganz im Gegenteil: Gerade die vier Symphonien (die Nummern 1 und 3 sind bereits auf cpo 777 758-2 erschienen), das Klavierkonzert im Gegensatz zu den etwas hohlen Violinkonzerten, und manches an Kammermusik werden wir mit dem rechten Maß an Anteilnahme mehr als einmal hören wollen – was auch deshalb anzuraten ist, weil sich die Kreationen beim besten Willen nicht leicht einprägen. Werke wie die beiden jetzt veröffentlichten Symphonien aus den Jahren 1881/82 bzw. 1895 hinterlassen einen eher generell vorteilhaften Eindruck: Ich merke mir, dass ich als Kopfsatz der Zweiten ein sehr feines Idyll mit außerordentlichen Steigerungen und einer Fülle instrumentatorischer Überraschungen gehört habe, zermartere mir aber zugleich den Kopf, woher ich bloß dieses markante „I-Ahh“-Motiv kenne, das durchs Gefüge spukt – und komme bei dem anschließenden Scherzo darauf, dass es sich um ein Element aus Josef Joachim Raffs Frühlingssymphonie (Nr. 8) handelt, die zudem eine Walpurgisnacht von überwältigendem Funkenflug bietet und Gernsheims Tarantella mit ziemlicher Sicherheit beeinflußt hat. Macht nichts! Das ganze Opus 46 ist kurzweilig, das zauberhafte Notturno etwa läßt die Gartenszene aus Carl Goldmarks Ländlicher Hochzeit um Längen hinter sich, der bereits angesprochene Schlußsatz, worin der Komponist immer wieder die Ärmel aufkrempelt, die zu Brahmsens Hemde gehören, kommt zu einem guten, wenn nicht gar wirkungsvoll aufragenden Ende – und mit dem also aufrecht erhaltenem Interesse wird auch die wiederum pastoral sich einschmeichelnde Vierte nicht spurlos an uns vorüberziehen: Desto weniger, als auch hier durch das spürbar große Engagement der Ausführenden, durch die Freude an den mitunter recht speziellen Registerkombinationen nichts von den Möglichkeiten dieser Partitur verlorengeht. Natürlich sind die guten alten Bekannten, die Mendelssohn, Schumann und Brahms, immer in Reichweite (ohne dass man sich ständig vom Sitz erheben müßte, sie zu grüßen). Doch wer die Ohren ein bißchen länger macht, entdeckt durchaus unerwartete Zeitgenossen: Richard Wagner hat die eine oder andere Wendung beizusteuern, und selbst Anton Bruckners bohrender Scherzo-Impuls ist Friedrich Gernsheim nicht unbekannt, wie in dem gerade einmal dreiminütigen, äußerst pfiffigen Vivace scherzando zu hören, das von Hermann Bäumer und dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz mit einprägsamster „grazia” musiziert wird, bevor sich das Finale tadellos vom Publikum verabschiedet. Eine rundum erstklassige Leistung, mit der Gernsheim mehr als durch alles wertmindernde Geplapper gedient ist.

Rasmus van Rijn [18.07.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Gernsheim Sinfonie Nr. 2 Es-Dur op. 46 00:29:51
5 Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 62 00:30:45

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Philharmonisches Staatsorchester Mainz Orchester
Hermann Bäumer Dirigent
 
777 848-2;0761203784820

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