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CD-Besprechung

Marie Jaëll 3

complete works for piano • Cora Irsen

Marie Jaëll 3

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 09.06.16

Klassik Heute
Empfehlung

Querstand VKJK 1607

2 CD • 1h 45min • 2015

Wer ist diese Frau, der Franz Liszt den „Kopf eines Philosophen, die Hände einer Künstlerin“ attestiert und deren kompositorisches Schaffen er mit den Worten würdigt: „Würde der Name eines Mannes auf ihren Werken stehen, würde die Musik von allen gespielt werden“? Eine Frau, die von sich sagt: „Ich bin kein Weib, ich bin ein dunkler, feuerspeiender Vulkan.“ Eine zu Lebzeiten gefeierte Pianistin; eine – auch heute aufgrund der nach ihr benannten Jaëll-Methode – anerkannte Pädagogin und Wissenschaftlerin; und eine Komponistin, die selbst heute noch, über 90 Jahre nach ihrem Tod, in Fachkreisen sowie beim Publikum ihrer Entdeckung und Würdigung harrt.

Wirft man einen Blick auf Marie Jaëlls (1846-1925) musikalische Wegbegleiter – Klavierausbildung bei Henri Herz, Kompositionsunterricht bei Saint-Saëns und Fauré, befreundet mit Johannes Brahms, schließlich Liszts Vertraute und Seelenverwandte –, so ist man leicht versucht, entsprechende Rückschlüsse auf die Sprache und Faktur ihrer Musik zu ziehen. Romantisches und die mit dem Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Stilwende sind unüberhörbar. Die Miniaturen auf Folge 3 der Einspielung des gesamten Klavierwerks von Marie Jaëll lassen aber keinen Zweifel an der künstlerischen Eigenständigkeit der im elsässischen Steinseltz geborenen Künstlerin und sind – ich zitiere Peter Cossé aus dem Beiheft – ein „überragendes Dokument kompositorischer Meisterschaft und schöpferischer Vielseitigkeit“. In ihnen zeigt sich eine Welt von unerschöpflicher Fantasie, die mit gefälligen Salonstücken oder mit Schumann- und Liszt-Kopien so gar nichts am Hut hat. Mag so manches aus den unschuldig wirkenden Bagatelles von 1872 auch an Schumann erinnern, so ist in ihnen genau diese Sinnlichkeit, atmosphärische Dichte, gedankliche Tiefe und Leidenschaft spürbar, die in den zwei ausufernden und bereits ein Jahr zuvor entstandenen Méditations für wahre Gänsehautmomente sorgen: Hier paaren sich fiebrige Erregung und eine kaum im Zaum zu haltende Energie mit brillanter Virtuosität, einer immer wieder unerwartet Haken schlagenden Harmonik und einer bisweilen machtvollen Klangfülle unter Nutzung beinahe der gesamten Klaviatur.

Marie Jaëll schreibt unglaublich beseelt und bildkräftig; dazu befindet sich alles in permanentem Fluss. Zwischen Träumerischem und dramatisch Zugespitztem, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt malen die programmatischen, oft von der Natur und von menschlichen Gemütszuständen inspirierten, gelegentlich auch lautmalerischen Kompositionen alle nur erdenklichen Stimmungen und Farben, wie man sie in Teilen vielleicht bei Liszt erwarten würde, aber auch bei Debussy und Skrjabin findet. Doch Vorsicht: Debussy und Skrjabin treten erst später auf den Plan. Ketzerisch formuliert könnte man sagen, beide haben sich möglicherweise an der Tonsprache Marie Jaëlls bedient, etwa an den Zyklen Harmonies imitatives (1877) und Les jours pluvieux (1894). Es ist also keineswegs vermessen, Teile der Klaviermusik Marie Jaëlls als wegweisend zu betrachten. Und ebenso wenig vermessen ist es, die hier vorliegende Einspielung durch Cora Irsen als einen faszinierenden Glücksfall zu bezeichnen. In ihrem so geheimnisvoll poetischen bis hoch expressiven Spiel spiegeln sich auf vollkommene Weise die Tiefe und überbordende Leidenschaft, auch das Verspielte von Marie Jaëlls Tonsprache. Cora Irsen scheint für diese Musik zu brennen; nicht anders ist ihre Sensibilität für betörende Tonmalereien, ihre spannende Differenzierungskunst von Stimmungen und Farben, überhaupt ihr erlesenes Fingerspitzengefühl zu deuten. Mehr von dieser Seelenverwandtschaft – hoffentlich – bald auf Folge 4!

Christof Jetzschke [09.06.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 M. Jaëll Méditation (Moderato) 00:08:25
2 Méditation (Andante sostenuto) 00:06:07
3 Promenade matinale (Esquisses pour piano) 00:08:31
7 Égaré 00:01:11
8 Impromptu pour piano 00:08:04
9 Prisme I - Reflets Dansants (Problème en musique pour piano, à Camille-Saint-Saëns) 00:03:41
10 Prisme II - Reflets Chantants (Problème en musique pour piano, à Camille-Saint-Saëns) 00:05:15
11 Paraphrase sur la lyre et la harpe de Saint-Saëns (Ode en 2 parties) 00:06:48
12 Sphinx (à Camille Saint-Saëns) 00:03:59
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Bagatelles pour piano 00:10:45
11 Les beaux jours 00:14:53
23 Les jours pluvieux 00:13:09
35 Sept pièces faciles 00:05:55
42 Harmonies imitatives 00:07:03

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Cora Irsen Klavier
 
VKJK 1607;4025796016079

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