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CD-Besprechung

Respighi Metamorphoseon

Respighi<br />Metamorphoseon

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 30.07.15

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BIS 2130

1 CD/SACD stereo/surround • 72min • 2014

Ottorino Respighi gehört nach wie vor zu den Umstrittenen, bei aller Popularität viel Verachteten unter den Großmeistern der klassischen Moderne. Dabei wird bei den üblichen intellektuellen Vorurteilen gegenüber seiner italienischen Herkunft meist übersehen, dass er viel mehr von seinem Mentoren Rimsky-Korsakov geprägt wurde als andere westliche Komponisten. Dies kommt in vorliegendem Album ganz besonders in der Suite aus dem späten Ballett Belkis, Regina di Saba von 1934, der gigantischsten und vielleicht auch sinnleersten Komposition Respighis, zum Ausdruck, wo uns auf Schritt und Tritt improvisatorisch-lyrisch mäandernde Orientalismen begegnen, die in Gegensatz zu den obsessiv kantigen Rhythmen der Kriegstänze geraten. Doch auch im 1930 für Koussevitzkys Boston Symphony Orchestra geschriebenen Variationenwerk Metamorphoseon begegnen wir in Modus VII, den ‚Cadenze’, unzweifelhaft einer von Rimsky-Korsakov ausstrahlenden orientalisierenden Welt, die zugleich die verführerischen und spontanen Qualitäten betreffend den Höhepunkt dieser wahrhaft bezaubernden, wundervollen Komposition darstellt. Metamorphoseon gehört neben Werken wie dem Concerto gregoriano oder den mittleren Partien der Pini di Roma zum Erlesensten, Feinsten, Erhabensten aus der Feder des Bologneser Wahlrömers, dem man vielleicht wie vielen anderen in entscheidenden Zeiten eine unpolitische Haltung vorwerfen konnte, der jedoch – im Gegensatz zu vielen anderen – nie zu den Faschisten gehörte, wenn auch die Monumentalität und der beschwörende Archaismus seines Stils geradezu idealtypisch den Neigungen der Faschisten entsprach. So war Respighis Musik in Werken wie der Sinfonia drammatica oder den Fontane di Roma schon lange vor dem Aufstieg der Faschisten. Dass seine Musik minderwertig sei, ist ebenso logisch wie die Folgerung, Wagner sei schlecht, weil Hitler ihn liebte.

Das früheste Werk vorliegender Zusammenstellung, entstanden 1920 (fünf Jahre vor Mussolinis Inthronisierung), ist die symphonische Dichtung Ballata delle Gnomidi nach Carlo Clausettis gleichnamiger schauerlicher Dichtung, die mit so fantastischen Zeilen aufwartet wie: „Das winzige Männlein trippelt und hängt fast zwischen den zwei Weibern – seinen Bräuten -, deren ein einziges Ehebett harret. […] Und in der tiefen Nacht hörte man einen gellenden Weheschrei, so jammervoll, dass die Finsternis darob zerstob…

Dann tiefes Schweigen. Morgendämmerung. Die rasenden Gattinnen zogen den leblosen Gnomenleib aus der Schlafkammer ans Licht.

Auf und davon mit ihm. Hinter ihnen her trippelte der Haufen der verschmitzten Männlein. […] Auf rauhem Pfade gelangten sie zu einem breiten Hügel und gingen hinüber bis zum anderen Rande, der steil in ein türkisenblaues Meer abfiel.

In einem Nu ward dort der garstige Gatte hinuntergestürzt. So endete der Ritus.

Nun tanzen die beiden Weiber auf des Hügels Mitte, nach schlafloser Nacht, vom frischen Morgenwind umfächelt.

Und indes es mehr und mehr Tag wird, gesellen sich die kleinen Männlein tanzend den blutrünstigen Witwen bei.“

Respighis bizarre Phantasie wurde hier zu einer Art italienischen Nacht auf dem kahlen Berge angeregt, und der Beitrag zum Genre gelang so hinreißend vollendet wie grotesk überspitzt. Man erwarte auch hier keine tiefgründige Musik – die gab Respighi nur dann, wenn Gebet, Andacht, Einsamkeit der Gegenstand waren –, doch seinen russischen Vorgängern machte er hier alle Ehre, und wäre das Werk von einem Russen, so machte sich kaum ein Kritiker heute noch einen Kopf wegen der Frage nach dem guten Geschmack. Alle Mittel sind recht, um die schauerliche Groteske so greifbar und überwältigend wie möglich Gestalt annehmen zu lassen. Und man kann es nicht besser machen, nur anders.

Das Philharmonische Orchester Lüttich erweist sich als höchst routinierter Klangkörper, der relativ gut in der Lage ist, eine unbekannte Musik schnell einigermaßen verständlich herauszubringen. Man erwarte keine Wundertaten! John Neschling besticht mit einer natürlich musikantischen Grundhaltung, die dafür sorgt, dass die Vorgängereinspielungen der drei Werke aus den letzten Jahrzehnten spielerisch übertroffen werden, was auch der brillant ein breites Dynamik- und Farben-Spektrum ausleuchtenden Klangtechnik von Hans Kipfer und Ingo Petry zu verdanken ist, wobei gelegentlich – vor allem in den massiven Abschnitten der Belkis-Suite, aber auch in mit starken Haltetönen belegten Passagen der Ballata delle gnomidi – die Grenzen der nachträglichen Ausbalancierbarkeit erreicht werden, wenn das Blech allzu dominant auftrumpft und andere wichtigen Stimmen zudeckt. Insofern handelt es sich hier um die neue Referenzeinspielung aller drei vertretenen Kompositionen, bloß sollte man nicht zu genau nachprüfen, ob denn nun die dynamischen Vorgaben wirklich erfüllt werden, ob eine bewusste rhythmische Kontinuität vorhanden sei (also ohne versehentliches Schleppen und, hier vor allem, Eilen…), ob der energetische Zusammenhang hergestellt wird. Wer all das weder weiß noch wahrnimmt, kann hier in grandioser Opulenz Erfüllung finden, und das sind doch die meisten von uns.

Christoph Schlüren [30.07.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 O. Respighi Metamorphoseon Modi XII (Thema und Variationen für Orchester) 00:29:16
14 Ballata delle gnomidi 00:16:37
15 Belkis, Regina di Saba (Suite) 00:25:15

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Orchestre Philharmonique Royal de Liège Orchester
John Neschling Dirigent
 
2130;7318599921303

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