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CD-Besprechung

B. Tishchenko

BIS 1 CD/SACD stereo/surround 2189

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 17.08.15

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BIS 2189

1 CD/SACD stereo/surround • 71min • 2014

Es ist erfreulich, dass sich die Musik des St. Petersburger Komponisten Boris Tishchenko (1939-2010) fünf Jahre nach seinem Tod langsam auch den Weg zu westeuropäischen Labels zu ebnen scheint. Über die Gründe, weshalb die Werke des prominenten Studenten und engen Weggefährten Dmitrij Schostakowitschs, der selbst jahrzehntelang als Kompositionsprofessor am renommierten St. Petersburger Konservatorium unterrichtete, erst so spät wirklich wahrgenommen werden, mag man spekulieren. Sein umfangreiches sinfonisches und auch kammermusikalisches Œuvre weist ihn als einen der bedeutendsten russisch-sowjetischen Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. In seiner Heimat hatte und hat sein Name einen großen Klang. Ich erinnere mich noch gut an eine Begegnung mit Alfred Schnittke Anfang der 90-er Jahre in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München. Auf Tishchenko angesprochen, sagte er nur „einer der Größten“. Dies mag für sich selbst sprechen.

Tishchenko war als Mensch und Künstler unkorrumpierbar geradlinig, sicherlich eine Eigenschaft, die das Leben nicht unbedingt einfacher macht, ja vielleicht sogar verhindert, was man eine „große Karriere“ nennt. Und dennoch, man kann sich der eigenwilligen, urtümlichen Kraft seiner Musik kaum entziehen: Seine 5. Sinfonie (dem Andenken seines Lehrers und Freundes Schostakowitsch gewidmet), das Ballett Jaroslawna (nach dem Igorlied), sein Konzert für Harfe, sein quasi sinfonisches 2. Violinkonzert, der monumentale späte sinfonische Zyklus Beatrice (nach Dantes „Divina Commedia“) und die nicht weniger als 11 Klaviersonaten zählen zum kraftvollsten und originellsten, was die russische Musik unserer Zeit aufzuweisen hat.

Lange Zeit war es schwierig, sich im Westen mit Tishchenkos Musik bekannt zu machen. Zum einen hatte er nur wenige Fürsprecher unter den prominenten Dirigenten (nehmen wir einmal Rozhdestvensky und Rostropovich aus), zum anderen waren viele seiner Aufnahmen nur auf alten, sowjetischen Vinylplatten zu bekommen und nur wenige westliche CD-Labels wie Olympia oder Chant du Monde vertrieben einige der sowjetischen Produktionen in Lizenz. Seit ein paar Jahren hat sich die Lage deutlich gebessert. Vor allem das St. Petersburger CD-Label Northern Flowers hat inzwischen zahlreiche Hauptwerke Tishchenkos zugänglich gemacht (meist in älteren Archivaufnahmen), erweitert das Repertoire aber auch stetig mit Neueinspielungen (etwa der Klaviersonaten).

Wenn nun zwei von Tishchenkos Klaviersonaten auf dem weltweit tätigen und vielfach preisgekrönten schwedischen BIS-Label erscheinen, ist dies ein Schritt in die richtige Richtung. Die Klaviersonate nimmt im Schaffen des Komponisten eine besonders gewichtige Stellung ein. Mit ihr hat sich der Komponist sein Leben lang intensiv auseinandergesetzt. Es sind Werke, die musikalisch wie technisch höchste Ansprüche an den Interpreten stellen, spielerisch virtuos zuweilen, oft dramatisch und von sinfonischem Zuschnitt (die hier eingespielte 7. Sonate etwa dauert 40 Minuten!), immer aber äußerst sprechend, gestisch. Tishchenko selbst war – wie so viele seiner sowjetischen Komponistenkollegen – ein glänzender Pianist und kannte das Instrument, seine Stärken und Besonderheiten, sehr genau. Leicht macht er es seinem Interpreten nie. Ich hatte das Glück, Tishchenko bei einer Aufführung seiner 7. Klaviersonate Anfang der 90er Jahre in Berlin zu assisitieren und konnte sein ebenso unvergleichlich kraftvolles wie feines Klavierspiel aus der Nähe erleben.

Mit den vier Jahre auseinanderliegenden Sonaten Nr. 7 (1982) und Nr. 8 (1986) hat der französische Pianist Nicolas Stavy für sein Album eine kluge Wahl getroffen. Die gewichtige und umfangreiche 7. Sonate (mit zusätzlichen Glocken) ist die vielleicht stärkste der Klaviersonaten Tishchenkos, die 8. gibt sich weitaus spielerischer, weniger grüblerisch, von fast klassischer Leichtigkeit. Ein perfekter Kontrast also. Allerdings muss sich Stavy an einigen Vergleichsaufnahmen messen lassen, allen voran in der 7. Sonate mit einer Einspielung des Komponisten selbst und in der 8. mit der von Tishchenko autorisierten und überaus geschätzen Einspielung des St. Petersburger Pianisten Vladimir Polyakov. Eine weitere, schon seit einigen Jahren verfügbare Aufnahme der 7. Sonate mit Sedmara Zakarian-Rutstein möchte ich außen vor lassen, da sie in vielerlei Hinsicht musikalisch indiskutabel ist.

Dass Tishchenko in dieser Sonate zusätzlich verschieden Glocken einsetzt (große Glocken, Röhrenglocken und Glockenspiel), hat dramaturgische wie historische Gründe. Das Glockengeläut spielt in der russischen Geschichte (und in der Musik) eine wichtige Rolle, man denke an Mussorgskys Boris Godunow, Rachmaninows Die Glocken, Shchedrins Chimes oder an einige Sinfonien Schostakowitschs. Die Glocke war ein wichtiges Kommunikationsmittel (mit einer veritablen „Glockensprache“) und begleitete das Alltagsleben der Menschen als Hochzeits- und Totenglocke, und auch die russischen Klöster sind ohne ihr charakteristisches Glockengeläut kaum vorstellbar.

Nehme ich die 1983 entstandene Aufnahme mit dem Komponisten als Referenz, werden rasch deutliche Unterschiede zur Lesart Stavys ohrenfällig. Tishchenkos Spiel wirkt „barbarischer“, doch auch weitaus gestischer als Stavys eher „ziviliserte“ Deutung. Stavys Pedalisierung verwischt des öfteren wichtige Passagen, Übergänge (wie etwa zum Andante-Glockeneinsatz des 1. Satzes) wirken nicht immer organisch. Weshalb fehlt die Wiederholung der Expostion? Der statische 2. Satz gelingt ihm überzeugender, atmosphärisch dicht und klangschön. Im direkten Vergleich punktet aber auch hier Tishchenko mit größerem Kontrastreichtum und spielt die spezifische Intervallik und deren Affektgehalt klarer heraus. Des Weiteren arpeggiert Stavy etliche Akkorde und nimmt ihnen so viel von ihrer starken Blockhaftigkeit.

Ein ähnliches Bild bietet sich dem Hörer bei der 8. Sonate. Im Vergleich mit Tishchenkos bevorzugter Einspielung (mit Vladimir Polyakov) wirkt Stavys Interpretation milder, „zivilisierter“. Tishchenkos Musik jedoch lebt geradezu vom starken Kontrast, in der Banales Kunstvollem gegenübertritt. Diese häufigen banal-skurrilen Momente kommen in Polyakovs klar konturiertem Spiel von großer Strahlkraft weit mehr auf den Punkt.

Dennoch ist Stavys Aufnahme in ihrer eigenen Lesart und ihrem ausgezeichneten Klangbild zu begrüßen. Es wäre schön, in Zukunft weitere Aufnahmen der Klaviersonaten Tishchenkos folgen zu lassen. Dann vielleicht mit einem Quäntchen mehr urwüchsiger Kraft.

Vergleichseinspielungen: Sonate Nr.7, Northern Flowers, NF PMA 9968, Boris Tishchenko (Klavier) – Sonate Nr. 7, Albany Records, Troy 096, Sedmara Zakarian-Rutstein (Klavier) – Sonate Nr. 8, SK Sovietsky Kompozitor, St. Petersburg, Vladimir Polyakov (Klavier).

Markus Zahnhausen [17.08.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 B. Tishchenko Sonate Nr. 7 op. 85 für Klavier und Glocken 00:40:14
2 Sonate Nr. 8 op. 99 für Klavier 00:29:38

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Nicolas Stavy Klavier
Jean-Claude Gengembre Glocken
 
2189;7318599921891

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