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CD-Besprechung

Zemlinsky
Die Seejungfrau

Zemlinsky<br />Die Seejungfrau

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 06.05.15

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Ondine ODE 1237-5

1 CD/SACD stereo/surround • 69min • 2014

Der Aufkleber „World Premiere Recordings” erinnerte mich an die unvergänglichen Worte des Mr. Roger O. Thornhill (Cary Grant) aus Alfred Hitchcocks „North by Northwest”: „In der Werbung gibt es keine Lüge, sondern nur die zweckmäßige Übertreibung”. Zunächst lesen wir also auf der rückwärtigen Inlay-Card, weshalb der „Sticker” auf der Vorderseite der Veröffentlichung prangt: Es handelt sich um die erste Einspielung der Seejungfrau in der neuen kritischen Version von Antony Beaumont, der sich seit langer Zeit überaus förderlich für Zemlinskys Schaffen einsetzt und dabei bemerkenswerte Dinge zu Tage gefördert hat. Aus seiner Feder stammt denn auch der begleitende Text zur vorliegenden CD, der leider nur in englischer und finnischer Sprache mitgeteilt wird, uns dafür aber, von einem kurzen Paragraphen abgesehen, über die Unterschiede zwischen der bisher bekannten und der neuen kritischen Fassung der großen symphonischen Dichtung im Unklaren läßt. Beaumont berichtet zwar, dass Zemlinsky noch vor dem ersten Probenbeginn zwei radikale Kürzungen vorgenommen habe: Er pappte eine „Hornpipe” für Fernorchester so fest zusammen, dass das beste Lösungsmittel versagt, und er entfernte vierzehn Partiturseiten des zweiten Satzes, die „in the realm of the Mer-witch” spielen (wenigstens hier hätte er den deutschen Titel verwenden dürfen). Diesen letztgenannten Teil bewahrte der Komponist fortan unter seinen Skizzen auf, und Beaumont hat die betreffende Stelle wieder eingefügt. Wo? Das verrät er uns nicht, obwohl es ein Leichtes gewesen wäre, entsprechende Zeitangaben zu liefern oder die Einfügung wenigstens im Tracklisting anzudeuten.

Doch der bewußte Aufkleber verspricht uns ja nicht nur eine Weltneuheit, sondern „Recordings”, und tatsächlich gibt es eine zweite: die Sinfonietta op. 23 in einer Fassung für Kammerorchester von Roland Freisitzer, bei dem es sich, wie aus den einschlägigen Internetseiten ersichtlich, um einen 1973 geborenen österreichischen Komponisten und Dirigenten handelt, der auch Zemlinskys Florentinische Tragödie für kleineres Ensemble arrangiert hat. In der für Peter Keuschnigs Ensemble Kontrapunkte entstandenen Bearbeitung reduzierte er den orchestralen Apparat, auch das erfahren wir nicht durch das Booklet, auf einfaches Holz nebst Baßklarinette, einfaches Blech (ohne Tuba), Klavier und solistisches Streichquintett – was ihm, das gebe ich gern zu, sehr gut gelungen ist. Tatsächlich erhalten die Strukturen und Konturen des eindrucksvollen Werkes geschärfte Kanten, und in einem Programm mit Franz Schrekers exquisiter Kammersymphonie oder Arnold Schönbergs knorrigem Pendant könnte diese Variante gewiß eine gute Figur machen. Ob aber die Welt auf die Ersteinspielung derselben gewartet hat? Als nächstes kommt womöglich die Lyrische Symphonie in einer Einrichtung für Trachtenkapelle ...

Über all diesen Betrachtungen könnte man glatt vergessen, welch eine prachtvolle Musik Zemlinsky zu Andersens Seejungfrau eingefallen ist und wie fesselnd John Storgårds diese Kreation mit dem Philharmonischen Orchester Helsinki zum Leben erweckt hat. Der reinste Wiener Jugendstil mit seinen schwelgerischen, glühenden, gewissermaßen vegetabilischen Bögen entfaltet sich hier in voller Blüte; ein tiefer, auch die kleinsten Verästelungen erreichender Atem hebt und senkt sich, um uns mit seiner betäubenden Treibhausatmosphäre zu umfangen – ein ständig changierendes Traumspiel, nach dem die konzentriertere, ausgedünnte Sinfonietta als kühlende Brise desto einleuchtender wirkt: Welch eine herrliche Substanz, die den Stoff zu einer beeindruckenden Präsentation böte und eigentlich, so stelle ich mir das in meiner unerschütterlichen Naivität noch immer vor, alle kommerziellen Erwägungen auf den vierten oder fünften Platz hätte verweisen müssen. Dass das nicht geschah, ist das Manko dieser “World Premiere Recordings”.

Rasmus van Rijn [06.05.2015]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Zemlinsky Die Seejungfrau (Orchesterfantasie nach Hans Christian Andersen) 00:47:36
4 Sinfonietta op. 23 00:21:35

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Helsinki Philharmonic Orchestra Orchester
John Størgårds Dirigent
 
ODE 1237-5;0761195123751

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