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CD-Besprechung

Allen Shawn Piano Works

Allen Shawn<br />Piano Works

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 05.11.14

Coviello Classics COV 91414

1 CD • 71min • 2013

"Amerika, du hast es besser/Als unser Kontinent“ – zumindest für die zeitgenössischen Komponisten, die in der Neuen Welt arbeiten, gilt dieses Goethe-Zitat auch heute noch. Seit jeher kulturell und mentalitätsgeschichtlich vom Eklektizismus geprägt, ist es in der seriösen Musikszene der USA tendenziell weniger wichtig, absolut neuartige, verstörende Musik vorzulegen als vielmehr gut gemachte, interessante und nicht zuletzt zugänglich gehaltene Werke. Das Rad, so die ästhetische Philosophie in Nordamerika, muß nicht neu erfunden werden, es reicht gleichsam aus, den Wagen wohlbehalten in unsere Zeit hineinzurollen.

Allen Shawn, geboren 1948, Schüler u. a. von Leon Kirchner und Nadia Boulanger, dazu renommierter Musikautor, gibt in seinen Klavierwerken durchaus einiges zum Hören auf und nicht zuletzt auch zum intellektuellen Begreifen. Der Klaviersatz aller hier versammelter Stücke ist genuin pianistisch, stets teilt sich mit, dass Shawn das Instrument als ausgebildeter Pianist gut kennt. Seine Musik ist auf hohem Niveau unterhaltsam; eine recht problemlose Verwendung tonaler Akkorde, die quasi gleichberechtigt mit frei atonalen, selten jedoch schmerzhaft dissonanten Tonverbindungen agieren, erleichtert den Zugang. Nicht zuletzt gewinnt Shawns Musik stark durch seine Begabung für schnelle Tempi – eine der großen Schwierigkeiten zeitgenössischen Komponierens – sowie seine Neigung zur Kürze, zum Präludium etwa, zur knapp durchgeführten Skizze, zum Charakterstück.

Besonders glücklich verbinden sich diese Vorzüge etwa im kurzweiligen dritten der „Preludes“ von 1994, „Restless, quirky. Scherzando“, realisiert: Hier begegnen rasend schnelle, pointillistische Passagen, die wie improvisiert wirken, gleichzeitig aber melodisch überaus bewußt ausgestaltet sind und nicht zuletzt gut klingen; ob das 5. Prelude tatsächlich „dämonisch“ ist, sei dahingestellt, doch es überzeugt in sich selbst als fordernde Studie aufgeregter Nervosität, ebenso wie die auffahrende Gestik der kurzen Studie Growl („Knurren“) von 1995 oder auch die ruhige Serenität der Three Reveries von 1992.

Harmonisch am avanciertesten wirken die Recollections von 1998, deren klangverliebte Komplexität durch betont einfache rhythmische Strukturen aufgefangen wird, während sich die 4. Klaviersonate von 2009 mit ihren Anklängen an Blues und cool jazz, an Impressionismus und sogar an der deutschen Hochromantik Brahms´ am konventionellsten ausnimmt – wurde Shawns Klangsprache in den letzten Jahren einfacher? Das scheint zwar möglich, doch dann hat er seine Traditionsbereitschaft gegenüber der geradezu populären Vergangenheitsstudie Valentine von 1984 mittlerweile sehr sublimiert. Zugutezuhalten ist Allen Shawn schließlich, dass er es sich in den Four Jazz Preludes von 1980 nicht so einfach machte, den Jazz tatsächlich platt zu zitieren, sondern ihn einer abstrahierenden, doch kommunikationsfähig bleibenden Transformation unterzog; und wenn er quasi eindeutig jazzig wird wie im abschließenden 4. Stück, dann ist diese Eindeutigkeit doch noch genügend persönlich gestaltet.

Den Interpretationen Julia Barthas, einer Kämmerling-Schülerin, ist anzumerken, dass die Pianistin mit dem Komponisten befreundet ist (die 4. Klaviersonate ist für sie geschrieben worden); sie kultiviert in einer eher trockenen als luxuriösen Akustik einen variationsreichen, präzisen und distinkten Ton, ihre Anschlagskultur ist sehr vielgestaltig, jedoch stets einheitlich auf ein Zentrum fokussiert, zusammengefaßt, läßt immer überlegene Kontrolle hören. Es bleibt nur die kleine, rein äußerliche Frage offen, warum die Four Jazz Preludes nicht vollständig eingespielt wurden. Im Ganzen lohnt es sich sowohl für erfahrene wie eher ungeübte Hörer, diese Produktion kennenzulernen. Allen Shawn erfindet die Klaviermusik nicht neu, aber er schreibt zeitgemäß, handwerklich sicher und faßlich für unsere heutige Zeit. Das ist schon etwas.

Dr. Michael B. Weiß [05.11.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Shawn Five Preludes for Elizabeth Wright 00:12:13
6 Jazz Prelude Nr. 1 – Andante. Introspectively 00:04:13
7 Jazz Prelude Nr. 3 – Spiritual. Lento cantabile 00:02:47
8 Jazz Prelude Nr. 4 – Largo. Freely. Allegro 00:04:24
9 Recollections (For Daniel Epstein) 00:12:53
12 Klaviersonate Nr. 4 (for Julia Bartha) 00:16:13
15 Valentine (for Jamaica Kincaid) 00:03:57
16 Growl (for Amy Williams) 00:03:33
17 Three Reveries 00:08:38

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Julia Bartha Klavier
 
COV 91414;4039956914143

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