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CD-Besprechung

M. Weinberg

cpo 1 CD 777 804-2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 23.07.14

cpo 777 804-2

1 CD • 68min • 2012, 2011

Jahrzehntelang liefen die intensiven Bemühungen vieler Musiker, Musikforscher und auch mancher Journalisten, dem geheimnisumwitterten großen Außenseiter der Sowjetmusik, Moisei Vainberg, zu adäquater Anerkennung zu verhelfen. Nachdem man sich darauf verständigt hatte, nach seinem Ableben seinen originalen polnisch-jüdischen Namen Mieczyslaw Weinberg wieder zu verwenden, stieg die Zahl der westlichen Produktionen seiner Musik rapide an, und die sensationelle szenische Uraufführung seiner Oper Die Passagierin 2010 in Bregenz markiert den entscheidenden Wendepunkt zur allgemeinen Wahrnehmung in den Mainstream-Medien – dank der Tatsache, dass bei David Pountney im Wiederholungsfall Gespür für Qualität und die Hebel der programmgestaltenden Macht in gleichen Händen waren. Mittlerweile spricht fast jeder, der mitreden will, ganz selbstverständlich von Weinberg als einem der wichtigsten Komponisten neben Schostakowitsch.

Was macht den unbestreitbaren Reiz dieser Musik aus, die wie viele symphonisch ambitionierte Musik aus der Sowjetunion selbstverständlich handwerklich auf höchstem Niveau gearbeitet ist? Das Komponieren in totalitären Systemen hat zu sehr unterschiedlichen Kulturen der Kommunikation geführt. Wir können sicher konstatieren, dass die Deutschen und die Italiener vom rapiden Aufstieg des Faschismus überrascht wurden, was auch zur Folge hatte, dass die wertvollen Aspekte der gewachsenen, sich weiterentwickelnden Tradition in kürzester Zeit abgeschnitten wurden und nach dem Kriege unwiederbringlich verloren gingen. Jeder echte Künstler versuchte auf seine Weise, irgendwie zu überleben, ohne zu einem reinen Werkzeug der Propagandamaschinerie zu werden oder Gängelungen und Verboten ausgesetzt zu sein, die schlimmstenfalls lebensbedrohlich sein konnten. Die Russen waren es gewohnt, nicht nur in Unterdrückung zu leben, sondern auch, dass ein Menschenleben im Zweifelsfall wenig zählte. So konnte es auch nicht ausbleiben, dass das Konspirative längst eine natürliche Ingredienz der Intelligentsia bildete. Mieczyslaw Weinberg war Pole. Seine Heimat wurde von den Deutschen auch kulturell dem Erdboden gleichgemacht. Als polnischer Jude, der sich künstlerisch nicht verbiegen ließ, lebte er auch in der stalinistischen Sowjetunion gefährlich, doch die Freundschaft mit Schostakowitsch, der seine Größe erkannte, rettete ihn. Schostakowitsch verstand es wie wohl kein anderer, musikalische Botschaften auszusenden, die die Menschen unwillkürlich auf einer anderen Ebene als der physikalisch messbaren oder verbal beweisbaren verstanden und so eine Art Paralleluniversum menschlicher Aufrichtigkeit zu etablieren, wo sich all die frei fühlen durften, die dem tyrannischen Wahnsinn entfliehen wollten. Eine solche konspirative Form der Kreativität hat es in Deutschland nicht gegeben, und Weinberg war sozusagen eine Schlüsselfigur des inneren Zirkels, unterstützt von großen Sowjetmusikern wie Kirill Kondraschin, Emil Gilels oder Leonid Kogan. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat der Westen begonnen, diese Kultur nach und nach zu entdecken. Schostakowitsch ist mittlerweile posthum zum populärsten Symphoniker des 20. Jahrhunderts geworden, und sein zwei Jahrzehnte später verstorbener, jüngerer Weggefährte Weinberg überrascht die Welt mit einem gigantischen Œuvre, das uns alle teilhaben lässt an der großen geistigen Konspiration innerer Emigration, jenem einmaligen Phänomen der Sowjetkultur. Ich bin übrigens sehr gespannt, was die nächsten Jahrzehnte in Bezug auf weitere Großmeister der Sowjetära wie Boris Tishchenko oder Sergej Slonimsky bringen werden.

Für vorliegende Zusammenstellung hat die St. Petersburger Pianistin Elisaveta Blumina die künstlerische Verantwortung übernommen, die unlängst bei Grand Piano mit einem sehr schönen Silvestrov-Soloalbum in Erscheinung getreten ist. Sie liebt das Spektrum der Extreme zwischen der subtil nostalgischen Rubato-Zartheit Valentin Silvestrovs und der asketisch-brutalen, ausweglosen Besessenheit Galina Ustvolskayas, und in diesem Sinne versteht sie auch Weinbergs Musik. Es ist ein Spiel höchster Identifikation, das sich in dem großartigen Klaviertrio von 1945 auch auf ihre Mitspieler, den Geiger Kolja Blacher und den Cellisten Johannes Moser, überträgt. Das verleiht zumal der furios-ekstatischen Toccata mit ihren wilden Taktwechseln physisch überwältigenden Drive. Im Kopfsatz schreibt Weinberg zwar für die gesamte eröffnende Phase unmodifiziert fortissimo vor, doch hier wäre so entscheidend, dass innerhalb der hohen dynamischen Intensität noch Differenzierungen stattfinden, die sich an den Spannungsverhältnissen der Intervalle ausrichten, sollte die Entwicklung auch erkennbare Konturen und echte Schockfiguren entfalten, was in der Gleichförmigkeit der massiven Gestaltung sonst nur noch dem Wechsel der Instrumente vorbehalten ist. Übrigens nehmen sich die Musiker einige kleine Freiheiten vom Notentext, die sie sich in einem Werk etwa Beethovens oder Mendelssohns sicher nicht erlaubt hätten, aber das ist eine Marginalie. Weniger glücklich bin ich mit vielen Freiheiten der Temponahme – Ritardandi an Übergängen, auch um Artikulationen hervorzuheben, anstatt dies mit dynamischen Finessen zu bewerkstelligen, und das unwillkürliche Verbinden von Steigerung mit Beschleunigung, ein konventionell romantisches Ausdrucksmittel, das die unerbittlichen Kraft des Momentum unterhöhlt. Den Beginn des dritten Satzes, ‚Poem’, versteht Blumina als niedergeschriebene Improvisation und spielt ihn rhythmisch so frei, dass gelegentlich der Puls verlorengeht. Auch ist das fugenartige Einleitungsthema des Finales nun wahrlich nicht pianissimo vorgetragen, wie der Komponist es wünschte. Insgesamt eine packende, zupackende, technisch brillante Aufführung eines der stärksten Klaviertrios der klassischen Moderne mit einigen vermeidbaren Schwachpunkten.

Die Sonatine op. 46 von 1946, die ihrem Gehalt nach auch als lyrisch introvertierte Sonate durchgehen würde, ist meines Empfindens das vielleicht schönste Werk Weinbergs für Violine und Klavier. Erez Ofer trägt sie mit Innigkeit und geschmackvoll süßem Ton vor und vermag zu bezaubern, einfühlend getragen von Elisaveta Bluminas Begleitung, die mehr Bewusstheit in der Phrasierung insbesondere da vertrüge, wo fortwährende Tonwiederholungen gegenüber entwickelnden Linien in den Hintergrund treten sollten.

Technisch geradezu überwältigend makellos ist Nebil Shehatas Darbietung der Solosonate für Kontrabass in sechs Sätzen von 1971, die der Solist treffend als „ähnlich einer Suite“ charakterisiert. Ein Wunder, dass so etwas für Kontrabass geschrieben wurde, in der Vielfalt der Ausdrucks- und Klangdimensionen wie in der idiomatisch dankbaren Behandlung des Instruments, und ein Wunder scheint auch, wie es so scheinbar mühelos souverän gespielt werden kann.

Christoph Schlüren [23.07.2014]

Bechsteinkonzert

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 M. Weinberg Klaviertrio op. 24 00:30:21
5 Sonatine D-Dur op. 46 für Violine und Klavier 00:16:57
8 Sonate op. 108 00:20:37

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Elisaveta Blumina Klavier
Kolja Blacher Violine
Erez Ofer Violine
Johannes Moser Violoncello
Nabil Shehata Kontrabass
 
777 804-2;0761203780426

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