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CD-Besprechung

Hendrik Andriessen
Symphonic Works Vol. 2

Hendrik Andriessen<br />Symphonic Works Vol. 2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 07.04.14

cpo 777 772-2

1 CD • 61min • 2012, 2013

Zusammen mit seinen Generationsgenossen Matthijs Vermeulen und Willem Pijper und den etwas später geborenen Henk Badings und Hans Henkemans gehört Hendrik Andriessen (1892-1981) zu den substanziellsten Meistern der klassischen Moderne in den Niederlanden. Es ist höchst erfreulich, dass sich cpo einer Anthologie seines im Spektrum reichen Orchesterschaffens angenommen hat, zumal mit einem so kompetenten, grundsoliden Kapellmeister wie David Porcelijn, der bei den Aufnahmen in Enschede (2012 und 2013) auch in der zweiten Folge das Niederländische Symphonieorchester leitet. Die vier hier vorliegenden Werke entstanden zwischen 1937 und 1962.

Die dreisätzige Zweite Sinfonie von 1937, uraufgeführt 1938 vom Concertgebouw Orkest unter Widmungsträger Eduard van Beinum, ist ungewöhnlich gebaut, wobei leider außer dem jeweiligen Haupttitel (Fantasia, Pavane und Rondo) keine genaueren Hinweise auf die Tempi im Booklet zu finden sind. Es ist eine in klarer Tonalität gründende, mit wohlerwogener, bitonal generierter Dissonanz arbeitende Tonsprache auf der Höhe der Zeit vor der Demontage des holländischen Kulturlebens durch die Nationalsozialisten. Andriessens stilistische Wurzeln liegen in Frankreich, nicht nur bei dem von ihm so verehrten großen Sinfoniker Albert Roussel, sondern auch bei dem chromatisch irisierenden, gleichfalls oft eher dunkel glühenden Farbenreichtum Florent Schmitts und Paul Dukas’, wogegen ihm die oberflächlicher musikantische Frivolität von Milhaud oder Poulenc fern ist. Wenn nun im Booklet auch der Bezug zum Schaffen César Francks hervorgehoben wird, so gilt dies wohl eher für Andriessens Orgel- und Kirchenmusik. Alle drei Sätze dieser Sinfonie bezaubern in ihrer durchaus mit kraftvollen Elementen durchsetzten Grazilität auf eigentümliche Weise, sind bei aller Freiheit der Gestaltung von klar fasslicher Form und bilden insgesamt ein überraschend geschlossenes Ganzes. Überdies ist Andriessen ein souveräner, einfallsreicher und glanzvoller Meister der Orchestration, dessen Klangvorstellung ihren Ursprung in reicher Orgelregistrierung hat, wobei letzteres für die übrigen Werke in abnehmendem Maße gilt.

Das 1949 vollendete Ricercare, welches reichlichen Gebrauch vom B-A-C-H-Motiv macht, ist als zusammenhängend empfundene Architektur sicherlich am imposantesten und besticht mit höchst abwechslungsreicher, transparent gezeichneter Instrumentation.

Die Rhapsodie Wilhelmus van Nassouwe von 1950 verquickt nationale Themen in erfrischend unprätentiöser Weise und lediglich am Ende wird die Erwartung, die der Titel weckt, in hymnischer Weise eingelöst. Mein Favorit aus dieser Sammlung ist die aus vier Sätzen, die Andriessen als „Charaden“ bezeichnete, bestehende Orchestersuite Mascherata, die 1962 im Vorfeld zum 75jährigen Bestehen des Concertgebouw Orkest entstand und unter Bernard Haitink uraufgeführt wurde. Es ist selten, dass ein primär auf Glanz, Brillanz und Frohsinn angelegtes Werk aus der Epoche des Kalten Krieges zugleich so originär, im schönsten Sinne querständig eigensinnig und humoristisch fern billiger Klischees klingt. Ein Mysterium des transzendierten ‚Dschingderassabum’ jenseits aller Zwanghaftigkeiten sozusagen, eine organisch hingezauberte Montage von natürlichem Tiefsinn, veredeltem Unsinn und untrüglichem Kunstsinn, jenseits der ästhetischen Dogmen von Avantgarde und Reaktion, mit leichter, schwungvoller Hand und voll unerschöpflicher narrativer Energie entworfen, ein Zeugnis von unerschütterlichem Gemüt, von Freude, die nichts verstecken muss, von integrativer Großzügigkeit, und ein Fest für alle Freunde aus der Tradition gewachsener, frisch und jung gebliebener, alle Trümpfe behende ausspielender Kunstfertigkeit symphonisch durchgebildeter Musik fürs große Orchester. Der Effekt wird ausgekostet, ohne lediglich um seiner selbst willen produziert zu werden. Andriessen beherrscht die Kunst, zugleich streng zu komponieren und mühelos ansteckend mitzureißen. Wer an dieser vollendeten Groteske keinen Spaß haben kann, hat ein Problem. Auch die Aufnahmetechnik wird dem hintergründigen Spektakel weitgehend gerecht.

Christoph Schlüren [07.04.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 H. sr. Andriessen Sinfonie Nr. 2 00:18:43
4 Ricercare 00:09:51
5 Mascherata 00:22:00
9 Wilhelmus van Nassouwe 00:09:53

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Netherlands Symphony Orchestra Orchester
David Porcelijn Dirigent
 
777 772-2;0761203772223

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