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CD-Besprechung

Paul Graener Orchestral Works Vol. 2

cpo 777 679-2

1 CD • 64min • 2011

16.01.2014

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Paul Graener (1872-1944) ist einer der typischen Vertreter der Blütezeit der Kapellmeisterkomposition und steht mit seinen handwerklich exzellenten, formal eigenwilligen und ideell konservativen Orchesterwerken bis heute im Schatten seiner Zeitgenossen Richard Strauss, Gustav Mahler, Hans Pfitzner, Felix Weingartner, Alexander Zemlinsky, Siegmund von Hausegger und Max Reger. Das hat einerseits damit zu tun, dass Graeners Tonsprache bei aller harmonischen Geschmeidigkeit und klangfarblichen Raffinesse nicht allzu eigenständig und unverkennbar ist, und andererseits damit, dass er in späten Jahren ein willfähriger Diener der arischen Musikpropagandamaschine war. Das ist nicht im kriminellen Sinne misszuverstehen – Graener pflegte seine jüdischen Freundschaften unbeirrt und verfiel nicht ideologischem Fanatismus. Über dieses durchwachsene Kapitel gibt der informative Booklettext von Knut Andreas einige Auskünfte, wie auch über die Entstehungs- und frühen Rezeptionsumstände der hier auf der zweiten Folge von Graeners Orchesterwerken bei cpo versammelten Werke. Ausführende sind wiederum die NDR Radiophilharmonie Hannover unter Werner Andreas Albert. Es sind viele schöne Einzelheiten zu vernehmen, insbesondere immer wieder die Bläsersoli, doch woran es vor allem fehlt, ist der Respekt vor den Piano- und Pianissimo-Vorschriften des Komponisten. Von der gebotenen Zurückhaltung der Blechbläser im Fortissimo, zumal wenn das thematische Material schwächeren Instrumenten anvertraut ist, kann nicht die Rede sein. Es wäre schön, wenn in den künftigen Folgen der Graener-Anthologie mehr Wert darauf gelegt würde – an der Tontechnik liegen diese Unausgeglichenheiten jedenfalls nicht (die ist vielmehr um nachträgliche Balancierung bemüht), und sicher auch nicht an der Saalakustik, wenngleich mir diese (im Großen Sendesaal zu Hannover) nicht ideal erscheint.

Stilistisch das früheste Werke dieser Folge ist die vierteilige Tondichtung Aus dem Reiche des Pan op. 22 (1906 für Klavier solo entstanden, 1920 orchestriert): Der Impressionismus der Orchesterbehandlung geht mehr auf späten Reger zurück als auf die Franzosen um Debussy, die thematische Erfindung ist eher bescheiden, doch wird dies durch eine sehr subtile Orchestration und lautmalerisch-pittoreske Chromatizismen aufgewogen. Hauptwerk ist Graeners 1911 vollendete einzige große Sinfonie in d-Moll op. 39, deren Finale mit seiner eingängig hämmernden Thematik das Otto Julius Bierbaum-Motto „Der Schmerz ist ein Schmied, sein Hammer schlägt hart“ vorangestellt ist. An dieser dreisätzigen Sinfonie ist vor allem der umfangreichere und formal interessant verschlungene Kopfsatz bemerkenswert, dessen Beginn in ätherischem Kontrapunktsatz der ersten 5 Pulte der ersten Violinen das viertönig chromatisch aufsteigende Mottothema der Sinfonie exponiert, welches im kämpferisch bewegten Finale wirkungsvoll zyklisch das Werk mit einer Rückkehr zur Introversion des Beginns beschließt. Der Larghetto-Einleitung folgt ein nicht zu geschwind zu nehmendes Allegro appassionato, doch dieses verbreitert sich wieder zu einem Andante, das von einem betont gewichtigen Andante maestoso-Fugato gefolgt wird, welches sich jedoch kontrapunktisch nicht weiter entfaltet und in einen machtvollen Abschluss überführt. Der anschließende Mittelsatz, Adagio überschrieben und in vorliegender Aufnahme ziemlich zügig genommen, ist ein gefälliges Intermezzo mit interessanten Einschüben, dem die blockhafte Faktur des Allegro energico-Finales folgt. Dieses Finale ist thematisch sehr simpel, allerdings auch von sehr direkter Wirkung, und scheut nicht ausgedehntere Passagen massiver Klangentfaltung (mit dreifachem Holz, 6 Hörnern, 3 Trompeten, 3 Posaunen und Tuba), die ihre Herkunft von Bruckner’scher Monumentalität nicht leugnen. Umso schöner, dass das Werk nicht mit dieser Wuchtigkeit schließt, sondern in der Rückkehr zur Versonnenheit des Beginns.

Ein Jahr nach dem Orchesterstück Feierliche Stunde op. 106 schrieb Paul Graener 1939 mit den Variationen für Orchester über das Lied ‚Prinz Eugen der edle Ritter’ ein zweites offiziell für Veranstaltungen der NSDAP bestimmtes Werk. Es wäre angenehmer, wir wüssten das nicht, denn dann könnten wir die retrospektive Tonsprache mit ihren gewitzten Einfällen und ihrem unverstellten Heroismus unbefangener genießen und würdigen. Jedenfalls ist hier ein großer Könner am Werk, der die Register lebenslanger Erfahrung zieht und genau weiß, was dramaturgisch wirkungsvoll ist. Und eine Rittermusik kann ja durchaus mit gutem Recht altertümlich klingen…

Christoph Schlüren [16.01.2014]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Paul Graener
1Sinfonie d-Moll op. 39 (Schmied Schmerz) 00:32:34
4Aus dem Reiche des Pan op. 22 00:15:17
8Prinz Eugen, der edle Ritter op. 108 (Variationen) 00:16:06

Interpreten der Einspielung

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