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CD-Besprechung

Georg Friedrich Händel Concertos

Georg Friedrich Händel<br />Concertos

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 17.12.13

Berlin Classics 0300554BC

3 CD • 3h 39min • 2012, 2013

Erstaunlicherweise scheint manches plötzlich und gleichzeitig Interesse zu erregen – so die Übertragung von Händels Orgelkonzerten auf andere Tasteninstrumente. Vor wenigen Monaten erschien von Matthias Kirschnereit und der Deutschen Kammerakademie Neuss eine höchst geglückte Version der Konzerte op. 4 auf heutigem Konzertflügel, jetzt widmet sich Ragna Schirmer den Konzertzyklen op. 4 und op. 7 gleich dreifach: Zunächst schaut sie mit dem Blick der frühklassischen Folgegenerationen Händels auf die Werke, indem sie ein Fortepiano nach einem 1795 von Anton Walter gebauten Instrument spielt und als Begleitensemble Musiker der historisch informierten Aufführungspraxis (aus dem Händelfestspielorchester Halle unter ihrem Konzertmeister Bernhard Forck) wählte. Die beiden anderen Sichtweisen entstammen dem 20. Jahrhundert: einerseits die Übertragung auf einen modernen Konzertflügel nebst Kammerorchester, andrerseits ein Arrangement für Jazzensemble mit Hammondorgel als Soloinstrument – zweifellos das größte Wagnis, das die sonst zwar mutige, aber keineswegs dem Hasardspiel zugeneigte Interpretin mit diesem fast dreihundertjährigen virtuosen Repertoire einging.

Händel – zu Lebzeiten ein gerühmter Orgelvirtuose – führte seine Orgelkonzerte gern in Verbindung mit Aufführungen seiner Oratorien auf; und es ist nicht sicher, ob die Möglichkeit, den berühmten Händel an seinem Instrument zu erleben, nicht mehr Leute in die Konzerte lockte als die Aussicht auf ein neues geistliches Oratorium aus der Feder des mit seinem Opernbetrieb pleite gegangenen Komponisten. Matthias Kirschnereit bereitet sein Experiment, diese Musik auf den modernen Konzertflügel zu übertragen, sorgfältig vor, begründete es im Beiheft ausführlich und legte eine rundum überzeugende Darstellung der Konzerts op. 4 vor, die durch Brillanz, Eloquenz und Eleganz besticht. Ihr steht für die meisten Stücke dieser Sammlung Ragna Schirmers Version mit Fortepiano gegenüber.

Erstaunen erregt die Tatsache, dass die Gegenüberstellung von Fortpiano bei Schirmer und modernen Konzertflügel bei Krischnereit wenig im Instrumentarium begründete Differenz für die Darstellungsweise aufzeigt. Das mag daran liegen, dass das Fortepiano 1795 dem heutigen Klavierklang schon recht nahe steht und sich vom Mutterinstrument Cembalo schon weitgehend emanzipiert hat. Etwas anderes wäre es gewesen, Schirmer hätte sich für ein Fortepiano aus den späten 1770er Jahren, beispielsweise nach der Bauart des von Mozart hochgeschätzten Augsburger Klavierbauers Stein, entschieden: Der zarte, silbrige Klang des Instruments hätte eine solistische Besetzung des Begleitensembles wohl zwingend nötig gemacht und die Unterschiede zwischen dem frühklassischen Instrumentarium und heutigem Flügel nebst Kammerorchester sehr viel deutlicher werden lassen. Auf der anderen Seite wäre auch der Gegensatz zur repräsentativen Festlichkeit der originalen Gestalt mit Orgel zur fragilen Kammerversion bei Verwendung eines zwanzig Jahre älteren Fortepianos (oder gar eines Tangentenflügels!) klarer hervorgetreten. Leider macht sich auch das Händelfestspielorchester Halle keinesfalls zu einem Anwalt einer besonders am Stil der Generation Philipp Emanuel Bachs orientierten instrumentalen Rhetorik – es klingt halt alles nach frischem Musizierstil auf Darmsaiten, und dabei bleibt es auch.

So wurde eine Chance vertan, eine instrumentale Reise in verschiedene Stadien der Händel-Rezeption zu unternehmen, denn die Unterschiede zwischen den beiden Klavieren, die Schirmer für ihre Interpretation Händelscher Orgelkonzerte ausgewählt hat, beschränken sich hauptsächlich auf die unterschiedlichen Timbres der verwendeten Instrumente. Zweifellos (ver)führt der volle Klang des Steinway zu robusterer Darstellung; so ist der Unterschied zwischen Schirmers beiden Klavierversionen besser mit einer gedachten Gegenüberstellung von Ferrucio Busonis klangmächtigen Solotranskriptionen der Musik J. S. Bachs und Edwin Fischers Deutungen, die sich schon am aufkommenden Begriff der Werktreue orientierten, zu beschreiben als mit einer Vergegenwärtigung des Umgangs der Generation der Bach-Söhne (Händel hatte ja keine Kinder) mit der Musik ihrer Vätergeneration. Die Verwendung eines Fortepianos aus der frühen Beethovenzeit bietet klangliche Reize, aber keine musikästhetischen Einsichten im Sinne der Rezeptionsgeschichte – also entsteht die Frage nach dem Warum des Experiments.

Das eigentliche Ereignis dieser drei CDs ist das Jazz-Experiment, das Ragna Schirmer gemeinsam mit Stefan Malzew unternimmt. Malzew hat die entsprechenden Händelvorlagen für Hammondorgel und das von ihm auch geleitete Jazzensemble bearbeitet. Puristen mögen befürchten, dass dieser Transport von Musik über die Jahrhunderte und Stile Parallelen mit H. C. Andersens Des Kaisers neue Kleider beschreibt. Tatsächlich war man ja auch zu Händels Zeit im Umgang mit Musik anderer Komponisten durchaus freimütig – man denke allein Bachs Bearbeitungen damals hochmoderner italienischer Concerti für Orgel und Cembalo.

Seit 1959 erlangte Jacques Loussiers Play Bach legendäre Berühmtheit; er feierte mit seinen Jazz-Versionen Bachscher Musik weltweite Erfolge und soll sogar den legendären Bach-Interpreten Glenn Gould zu dem Ausspruch inspiriert haben: „Play Bach is a good way to play Bach”. Loussiers Erfolg war verdient und durabel, millionenfach verkaufte Schallplatten und eine 15-jährige internationale Konzerttätigkeit, die Loussier selbst beendete, um sich in die Provence zurückzuziehen und sich künftig seinen Kompositionen und dem Weinbau zu widmen. Stefan Malzew beschreitet mit seinen Arrangements der Orgelkonzerte op. 4 Nr. 6 und op. 7 Nr. 4-6 einen Weg, der dem Vergleich mit Jacques Loussier durchaus standhält – Respekt und hellwache Kreativität gegenüber der Vorlage führen zu einem Ergebnis, das alle Hörer, die bereit sind, liebgewonnene Hörgewohnheiten beiseite zu lassen, begeistern müsste. Play Handel is a good way to play Handel – diese dritte CD bringt Ragna Schirmers Einspielung von Orgelkonzerten in der künstlerischen Wertung einen Zuwachs von zwei Punkten; die beiden übrigen CDs konnten gegenüber Matthias Kirschnereits Version der Orgelkonzerte op. 4 nicht recht überzeugen.

Detmar Huchting [17.12.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G.F. Händel Concerto F-Dur op. 4 Nr. 5 HWV 293 00:09:06
5 Concerto g-Moll op. 4 Nr. 3 HWV 291 00:10:43
9 Concerto g-Moll op. 4 Nr. 1 HWV 289 00:16:24
13 Concerto A-Dur HWV 296a 00:18:07
17 Concerto F-Dur op. 4 Nr. 4 HWV 292 00:15:15
21 Concerto B-Dur op. 4 Nr. 2 HWV 290 00:10:09
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Concerto B-Dur op. 7 Nr. 1 HWV 306 00:20:25
6 Concerto F-Dur HWV 295 (Der Kuckuck und die Nachtigall) 00:13:50
10 Concerto B-Dur op. 7 Nr. 3 HWV 308 00:12:16
13 Concerto A-Dur op. 7 Nr. 2 HWV 307 00:09:49
CD 3
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Concerto B-Dur op. 4 Nr. 6 HWV 294 00:14:38
4 Concerto g-Moll op. 7 Nr. 5 HWV 310 00:22:40
8 Concerto d-Moll op. 7 Nr. 4 HWV 309 00:13:41
11 Concerto B-Dur op. 7 Nr. 6 HWV 311 00:07:41

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Ragna Schirmer Klavier
Händelfestspielorchester Halle Orchester
Ensemble Dacuore Ensemble
The Strings Ensemble
 
0300554BC;0885470005546

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