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CD-Besprechung

J.S. Bach

Secular Cantatas, Volume 3

J.S. Bach

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 15.08.13

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BIS 2041

1 CD/SACD stereo/surround • 77min • 2012

Dieser dritte Teil von Masaaki Suzukis Einspielung der weltlichen Kantaten aus Johann Sebastian Bachs Feder vereint in einem abwechslungsreichen Programm zwei Geburtstagskantaten mit zwei Hochzeitsmusiken. Durchlauchtster Leopold BWV 173a, eine Huldigungskantate an Leopold von Anhalt-Köthen, entstanden zwischen 1717 und 1723 für die Geburtstagsfeierlichkeiten des Fürsten, eröffnet wirkungsvoll die CD. Der höfisch-galante Charakter des Werkes wird durch den Gattungstitel Serenata und durch die Nähe der meisten Sätze zur Tanzmusik betont – man könnte diese Kantate fast eine Suite mit Gesang nennen, deren tänzerische Sätze von dem Solistenpaar vokal getanzt werden: Menuett, Bourrée, Polonaise. Dass die fade Dichtung von Bachs Musik weit übertroffen wird, kann angesichts zahlreicher weiterer Beispiele hierfür nicht überraschen. Es herrscht eine Atmosphäre gelöster, jedoch auch würdevoller Festesfreude, die Masaaki Suzuki und seine beiden Vokalsolisten, Joanne Lunn und Roderick Williams, bestens einfangen.

Es folgt die Hochzeitskantate Weichet nur, betrübte Schatten BWV 202. Gemessen an der Vielzahl der Einspielungen, ist das Werk ein Lieblingsstück der neuzeitlichen Bach-Gemeinde geworden; bei Bach selbst hat es im Nachhinein keine Rolle mehr gespielt, wie es bei vielen anderen weltlichen Kantaten geschah, deren Musik in Parodien wieder in geistlichen Kantaten auftauchten (s. u. Schwingt freudig euch empor). Hätte nicht Johannes Ringk, im späteren Leben als Organist an St. Marien in Berlin ein weithin geachteter Musiker, als 13-Jähriger diese Hochzeitskantate abgeschrieben, wäre das Werk höchstwahrscheinlich verlorengegangen. Der Textdichter ist ebenso unbekannt wie Entstehungsort und -zeit; gemutmaßt wird Weimar und das Jahr 1718. Angesichts der Abwesenheit einer höfischen Atmosphäre ist zu vermuten, dass die Brautleute, an die sich das Werk richtet, der bürgerlichen Sphäre angehörten. Der Beginn des Ehestandes wird in allegorischen Texten mit dem Aufbruch der Welt vom Winter in den Frühling verglichen, und mit einer Gavotte wird das glückliche Paar in die Hochzeitsnacht verabschiedet.

Schwingt freudig euch empor BWV 36c gehört ebenfalls der bürgerlichen Sphäre an, sie entstand 1725 als Gratulationsmusik und richtet sich an einen „hochverdienten Mann", der durch „unausgesetztes Lehren" in „höchsten Ehren" steht. Diese Kantate fand reichlichen Widerhall in Bachs Werk: 1726 als Geburtstagsmusik Steigt freudig in die Luft BWV 36a für die Gemahlin von Fürst Leopold, etwa 10 Jahre später als Die Freude reget sich BWV 36b für ein Mitglied der Leipziger Juristenfamilie Rivinius. Der gleiche Titel Schwingt freudig euch empor stand am 1. Advent 1726 über der geistlichen Kantate BWV 36 – an diesem ersten Sonntag des neuen Kirchenjahres wurde noch im Gottesdienst Figuralmusik aufgeführt, bevor sie für den Rest der Adventszeit bis zum Weihnachtsfest zu verstummen hatte.

Das Fragment eines Hochzeitsquodlibets BWV 524 beschließt in derb-vergnügter Stimmung diese Folge von Masaaki Suzukis Einspielung Bachs weltlicher Kantaten. Das Werkchen ist von Bachs eigener Hand erhalten, leider unvollständig – Anfang und Ende fehlen. Ein entspannt heiterer Tonfall und zahlreiche handfeste Anspielungen lassen Bachs näheren Familien- oder Freundeskreis als Aufführungsort des Quodlibets wahrscheinlich erscheinen, dessen Schlussfuge leider nach wenigen Takten mit den Worten „Ei, was ist das vor eine schöne Fuge" abbricht – das heutige Publikum hätte auch sie gern genossen!

Masaaki Suzukis Ansatz zur Interpretation des Kantatenwerks von Johann Sebastian Bach ist auf ein weithin positives, wenn nicht begeistertes Echo gestoßen – auch für diese dritte Folge der weltlichen Kantaten wird er allgemeines Lob ernten. Die Sopranistin Joanne Lunn spielt unter den Vokalsolisten die herausragende Rolle – mit ihr verfügt Masaaki Suzuki über eine ebenso erfahrene wie berufene Sängerin für diese Musik. In Weichet nur, betrübte Schatten erwächst ihr in Christine Schäfer kaum bedrohliche Konkurrenz, was freilich an den halsbrecherischen Tempi oder überspannten Akzenten (Arie „Sich üben im Lieben") liegt, mit denen Reinhard Goebel seine Solistin durch die Partitur treibt. Leider ist die Aufnahme mit Greta de Reyghere und dem Ricercar Consort inzwischen aus dem Angebot verschwunden; sie bleibt mustergültig mit ihrer Gestaltung der anmutigen, aber auch der innigen Aspekte des Werkes; Suzuki und Lunn bleiben hier indes nicht weit zurück.

Joanne Lunn und Roderick Williams treffen bei Ton Koopmans Alternativaufnahme der Serenata Durchlauchtster Leopold auf Lisa Larsson und Klaus Mertens (den ich seit langer Zeit besonders hoch schätze, wie ich eingestehen muss): Joanne Lunn ist der etwas scharf timbrierten Lisa Larsson überlegen, und Roderick Williams erweist sich als vorzüglich und in jeder Hinsicht Mertens ebenbürtig: mit warmem Timbre, perfekt geführter Stimme und makelloser Diktion, wie man sie bei einem englischen Muttersprachler selten findet. Suzuki findet den höfischen Ton des Werkes trefflicher als Koopman.

Im vorigen Jahr legte Alexander Ferdinand Grytcholik seine Rekonstruktion von Steigt freudig in die Luft BWV 36a auf CD vor – sie ist musikalisch nahezu deckungsgleich mit dem Schwesterwerk Schwingt freudig euch empor BWV 36c, kann also leicht zum Vergleich dienen. Suzukis Tenor Makoto Sakurada war ein wenig das Sorgenkind der ersten beiden Folgen der weltlichen Kantaten. Hier schlägt er sich durchaus besser, zumal Hans Jörg Mammel in der Vergleichseinspielung etwas zuviel Stimmgewalt entfaltet. Roderick Williams besticht wieder durch seine oben beschriebenen Qualitäten und überzeugt mehr als Carsten Rüger. Grytcholik besetzt auch die Chorstimmen solistisch, in meinen Augen ein entscheidender Vorteil seiner Einspielung. Glücklicherweise agieren Suzukis Ripienisten in so guter Übereinstimmung mit den Solisten, dass man sie kaum bemerkt. Nur, wozu sind sie dann noch da, außer um eine lieb gewordene Tradition zu verteidigen, die immer mehr durch wissenschaftliche Erkenntnis und aufführungspraktische Erfahrung widerlegt wird?

Vergleichsaufnahmen: BWV 173a: Lisa Larsson, Klaus Mertens, Amsterdam Baroque Orchestra & Choir, Ton Koopman, CC 72209 BWV 202: Christine Schäfer, Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel, DG 459 621-2 Greta de Reyghere, Ricercar Consort, RIC 061041 (vergriffen) BWV 36c: Steigt freudig in die Luft BWV 36a, G. S. Otto, Wiebke Lehmkuhl, H. J. Mammel, C. Rüger, Mitteldeutsche Hofmusik, A. F. Grytcholik, ROP 6058 BWV 524: Schlick, Wessel, Prégardien, Mertens, ter Linden, Ton Koopman, CC 72202

Detmar Huchting [15.08.2013]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J.S. Bach Durchlaucht'ster Leopold BWV 173a (Kantate) 00:18:35
9 Weichet nur, betrübte Schatten BWV 202 (Hochzeitskantate) 00:19:53
18 Schwingt freudig euch empor und dringt bis an die Sternen BWV 36c (Kantate) 00:27:35
27 Quodlibet BWV 524 (Kantate) 00:10:46

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Joanne Lunn Sopran
Makoto Sakurada Tenor
Hiroya Aoki Countertenor
Roderick Williams Bariton
Bach Collegium Japan Orchester
Masaaki Suzuki Dirigent
 
2041;7318599920412

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