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CD-Besprechung

Roger Norrington

Bruckner

SWRmusic 93.273

1 CD • 52min • 2010

02.03.2012

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Vor kurzem hatte ich das große Glück, eine wahrhaft grandiose, wenn nicht gar wegweisende Bruckner-Einspielung besprechen zu dürfen: die Aufnahme der „nullten" und ersten Sinfonie mit Mario Venzago und der Tapiola Sinfonietta. Unwiderstehlich war die kammermusikalische Durchsichtigkeit dieser Bruckner-Deutung, mit der Venzago fernab jeglichem Pathos und Weihevollen der Klangsinnlichkeit, dem Dramatischen und Vergeistigten unter besonderer Betonung des Motorischen eine so noch nicht erlebte Frische und Lebendigkeit einhauchte. Umso gespannter war ich, wie sich Roger Norrington mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR Bruckners Sinfonie Nr. 9-d-Moll WAB 109, diesem sperrigen finalen Meisterwerk voller zukunftsweisender Dimensionen in einem Konzertmitschnitt vom Juli 2010 aus der Stuttgarter Liederhalle wohl nähern würde. So viel war schon mal sicher: Der glasklare und vibratolose „Stuttgart-Sound" konnte der Schroffheit, Modernität und den herrlichen Klangstaffelungen dieses Werks nur gut tun.

Ähnlich wie Mario Venzago baut Norrington auf zügige, manchmal vielleicht zu zügige Tempi, auf einen organischen Bewegungsablauf und auf Transparenz, was besonders in dem gespenstischen Scherzo dazu führt, dass manche in vielen anderen Aufnahmen nur vage wahrgenommene Mittelstimmen hier nun in aller Deutlichkeit hervortreten und diesem Satz tatsächlich den Charakter eines bedrohlichen Totentanzes verleihen. Norrington bügelt nichts glatt. In einer Interpretation von stetigem Fluss beleuchtet er jeden Winkel, jede harmonische Reibung und jeden Ansatz zu einer neuen Steigerungswelle dieses zerklüfteten und die Grenzen der Tonalität streifenden Opus. Auch schreckt er nicht davor zurück, die mitunter elementare Gewalt dieser Musik freizusetzen. Nie erliegt er jedoch der Gefahr des übersteigert Pathetischen.

Erfrischend diesseitig, für meinen Geschmack aber etwas zu robust ist seine Lesart dieser Sinfonie, von der gesagt wird, Bruckner habe sie dem lieben Gott gewidmet – was leider immer noch (allzu gerne) zu manch jenseitiger Deutung verleitet. Meines Erachtens das Wichtigste an Norringtons Interpretation ist die Tatsache, dass er gleich „voll da" ist. Wo sich andere Dirigenten Zeit zum Einschwingen nehmen, etwa zu Beginn des feierlichen Adagios oder in den aus der Stille entstehenden Themenbildungen des Kopfsatzes, da setzt Norrington auf Zug und erstickt somit drohend Weihevolles gleich im Keim. Wenn es in meiner Bewertung trotz allem „nur" eine 8 gibt, dann vor allem aus folgendem Grund: Mir fehlt diese elektrisierende und somit eine Vielzahl anderer Einspielungen hinter sich lassende Suggestivkraft, wie sie für mich unter den jüngeren Bruckner-Annäherungen nur Mario Venzago an den Tag legt.

Christof Jetzschke [02.03.2012]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Symphony No. 9 d minor

Interpreten der Einspielung

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