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CD-Besprechung

H. Berlioz

BIS 1 CD/SACD stereo/surround 1800

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 09.02.11

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BIS 1800

1 CD/SACD stereo/surround • 75min • 2010

Hector Berlioz: Das ist die Tür des Pariser Conservatoire, die dem verdutzten Direktor Luigi Cherubini vor der Nase zuknallt; das ist der Benvenuto Cellini, der sämtliche Wertgegenstände einschmilzt, um mit großem Hammerschlag sein neues, rotglühendes Kunstwerk aus der Form zu hauen; das sind aber auch die höheren Chor-Töchter, die beim tausendfältigen Getöse des Tuba mirum in rettende Ohnmacht fallen – und das ist die Haartracht, die aussieht wie die Momentaufnahme eines Vulkanausbruchs ...

Andererseits heißt Hector Berlioz natürlich auch: äußerste Zärtlichkeit wie in den Nuit d’été, suggestive Naturszenen, leidenschaftliche Träumereien und eine Verklärung, die sich irgendwo über den Sternen mit dem nichtkomponierten Paradiso eines Franz Liszt berührt. Diese immense Spannweite gilt es kompromißlos auszuleben, wenn der eruptive Geist, der sich so wieselflink zwischen den Extremen bewegte, wirklich eingefangen werden sollte: unhöflich und unpoliert, salonfein und verbindlich, krachend, berstend, blökend und geifernd, liebevoll, lyrisch, impressionistisch dahinschmelzend – kurzum so, wie man’s leider nur selten und auch im Falle der hier eingespielten Symphonie fantastique nur sehr bedingt zu hören bekommt.

Yannick Nézet-Séguin und die Rotterdamer Philharmoniker haben sich offenbar auf eine weitgehend „klassische” Lesart verständigt, die – siehe oben – nur sehr bedingt funktioniert. Daß es sich bei den Episoden aus dem Leben eines Künstlers um eine instrumentale Oper in fünf Bildern oder Akten handelt und daß somit das Klingende immer auch ein Szenisches sein muß; daß die Mitwirkenden des Orchesters sowohl Kulisse und Beleuchtung als auch Akteure abzugeben haben; und daß unter diesem Anprall einer völlig andern Gattung das sinfonische Gefäß nur kaputtgehen kann – das ist hier, wie in so vielen Aufnahmen, nicht mit der nötigen Rücksichtslosigkeit realisiert. Dabei hat Jean-Charles Hoffelé in seinem komprimiert-scharfsinnigen Einführungstext genau auf diesen bedeutsamen Generalaspekt abgehoben, als er schrieb, daß Berlioz nicht so sehr das Ensemble als vielmehr die einzelnen Stimmen und mehr noch die einzelnen Instrumente sprechen läßt. „Diese Schreibart ist es, die uns durchdringt, bei den Ohren nimmt und uns was zu sehen gibt. Gegen das, was die Moderne bewundert: den Vorrang nämlich des Visuellen im Innersten des Tones – gerade dagegen hatte die Kritik seinerzeit rebelliert.”

In Rotterdam hat man sich wieder einmal für den Vorrang des Schönen entschieden. Das kommt manchen Passagen durchaus zugute: Hinreißend etwa das tiefe, runde Hörnerfundament in der Coda des Kopfsatzes, leuchtend der Augenblick, wenn der Vorhang für den Ball aufgezogen wird, bildhaft plastisch das ferne Paukengewitter der Pastorale. Doch fast überall, wo das Grauen, das blanke Entsetzen, wo schäumende Leidenschaften und blutrünstige Massenhysterie („Kreuziget ihn”) entfesselt sein sollten, geben sich die Darsteller eher dezent, was in der „Marche au supplice” als besonders nachteilig empfunden wird, wo der ganze wütende Dunst des berauschten Pöbels auf den delirierenden Delinquenten niederprasseln müßte, den man da auf seinem Karren zum Schafott schafft. Erst im Finale kippt die Stimmung vernehmlich: Die fixe Idee in der fürwahr hexenhaft umher kobolzenden Es-Klarinette, die Ministrantenschellen des satanischen Rituals und das abgrundtiefe, „hübsch häßliche” Dies irae dreschen doch noch eine Bresche ins Gebäude, das daraufhin polternd zusammensackt.

Dann aber beginnt die lyrische Szene Cléopâtre, und mit dieser beginnt eine Sensation. Auf einmal ist alles da, was eben noch schmerzlich vermißt wurde. Die bockbeinigen Linien, die scheinbar falschen Wendungen, der expressive Aufruhr, beklemmende, erstickende Ostinati, von denen die dahinscheidende Königin ins Totenreich getragen wird: Ein expressives Wunderwerk tut sich vor uns auf von solcher Intensität, daß in wenigen Augenblicken jedweder Groll aufs eben noch Gehörte sich verflüchtigt und einem zwanzigminütigen Staunen weicht. Die Solistin attackiert, leidet, schwelgt, träumt, zieht uns unter tiefblauem Abendhimmel hinab zum Ufer des großen Flusses, in die düstere Pracht eines Tempels, der vergangen ist, befreit sich nach und nach aus den emotionalen Netzen, die sie am Diesseits festhalten – und das Orchester umfängt sie mit seinen reflektierenden und kommentierenden Farben, den ausgekosteten Randbemerkungen und mit genau jener Visualität im Kern der Töne, die jede reale Bühne entbehrlich macht. Dementsprechend zwiefach muß die Benotung ausfallen: eine 7 für die Fantastique, eine 10 für Kleopatra (und das nicht allein, weil sie, wie wir von Miraculix wissen, eine sehr schöne Nase hatte).

Rasmus van Rijn [09.02.2011]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 H. Berlioz Symphonie fantastique op. 14 (Episoden aus dem Leben eines Künstlers) 00:54:30
6 La Mort de Cléopâtre für Sopran und Orchester (Scène lyrique) 00:19:44

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Anna Caterina Antonacci Sopran
Rotterdam Philharmonic Orchestra Orchester
Yannick Nézet-Séguin Dirigent
 
1800;7318599918006

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