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CD-Besprechung

Weihnachten am Münchner Hof

Weihnachten am Münchner Hof

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 16.11.10

OehmsClassics OC 771

1 CD • 70min • 2010

Nach Orlando di Lassos Berufung an den Münchner Hof (1556) sollte höfische Musik den bayerischen Regenten fortan zum wirkungsmächtigen Beweis der eigenen Bedeutung dienen. Auch 150 Jahre später legte der Münchner Hof unter Kurfürst Max Emanuel größten Wert darauf, sich im Glanz renommierter Musiker zu sonnen. Gewiss, mit den großen, noch heute bekannten Komponistennamen konnte sich der Hof zu dieser Zeit nicht schmücken, doch der Name eines Johann Christoph Pez, er war als 23-jähriger für ein paar Jahre Mitglied der Hofkapelle gewesen, dürfte dem Musikliebhaber vielleicht auch heute geläufig sein, mehr jedenfalls als der des Italieners Evaristo Felice Dall'Abacos, der Max Emanuel über einen Zeitraum von 10 Jahren sogar ins Exil nachgefolgt war, ehe er 1715 wieder an den Münchner Hof zurückkehren konnte. Dort diente er fortan bis ins Jahr 1740 auch dem Kurfürsten Karl Albrecht.

Musik dieser beiden Komponisten am Münchner Hof war das Thema für eine neue CD der Hofkapelle München unter der Leitung des Geigers Rüdiger Lotter. Doch es finden sich hier nicht nur Werke der beiden genannten, sondern auch Musik aus dem näheren und ferneren Umfeld, Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber etwa, er war, das ist historisch nachweisbar, einmal am Münchner Hof bei Max Emanuel zu einem Privatkonzert zu Gast gewesen. Oder auch Musik von Giuseppe Torelli, doch da werden die Bezüge gleich schon wesentlich schwächer, er könnte zwischen 1683 und 1684, da war er Violinist in Verona, möglicherweise für ein Jahr den Veroneser Evaristo Felice Dall'Abaco zum Schüler gehabt haben. Und der Lautenist Esaias Reusner schließlich, auf der CD mit einer Passacaglia und drei Weihnachtsliedersätzen vertreten, hat sich nie in München aufgehalten, und auch Johann Sebastian Bach, von dem die Orchestersuite Nr.3 D-Dur BWV 1068 eingespielt wurde, war bekanntlich nie in München.

Reichen also schon diese Gegebenheiten kaum aus, eine Einspielung unter „Musik am Münchner Hofì zu subsumieren, so wird die eigentliche Intention mit dem Zusatz „Weihnachten am Münchner Hof" noch ein wenig unpräziser. Dem Concerto C-Dur op. 5 Nr. 5 von Dall'Abaco fehlt jeglicher weihnachtliche Bezug, auch die bereits genannte Bachsche Orchestersuite D-Dur hat keinerlei solchen Zusammenhang, nur Bibers Sonata Nr. 3 h-Moll Die Geburt Jesu Christi aus dessen Rosenkranzsonaten, das Concerto pastorale von Johann Christoph Pez, und das Concerto grosso g-Moll op.8 Nr. 6 (Weihnachtskonzert) Giuseppe Torellis schaffen neben Esaias Reusners Lautenstücken den gewollten weihnachtlichen Zusammenhang.

Zum Glück lässt sich über die interpretatorische Seite Erfreundlicheres sagen. Einmal davon abgesehen, dass die Aufnahme dramaturgisch nicht ganz geglückt erscheint – am Ende klingt die CD mit zwei intimen Weihnachtsliedsätzen Esaia Reusners aus, die der Lautenist Axel Wolf technisch unbeschwert und tonlich ausgewogen zu spielen versteht – erfreuen die Musiker der Münchner Hofkapelle mit einer eleganten und flexiblen Ensemblekultur; sie vermögen (etwa in Dall’Abacos Concerto C-Dur) den Melodielinien mit intensitätsreicher Zeichnung und biegsamer Ausdruckshaltung nachzuspüren, und sie wissen auf der anderen Seite – beispielsweise in der Darstellung von Bachs dritter Orchestersuite – rhythmisch punktgenau, aber nie mit überzogener Disziplin, sondern immer mit lockerer Hand zu musizieren und so eine unangestrengte Brillanz zu erzeugen. Die Musiker um Lotter verleihen dabei dem tänzerischen Charakter in der Musik – so etwa im Minuet aus Pezë Concerto pastorale – noblen Feinschliff und sie artikulieren Bewegungsmuster sauber und sehr natürlich, geben der Darstellung so eine animierende Agilität.

Die Solisten des Klangkörpers, der Oboist Stefan Schilli und die beiden Blockflötistinnen Eva Fegers und Anne-Suse Enßle agieren ohne jeden Fehl und Tadel, und dies lässt sich auch von Rüdiger Lotter selbst sagen, der Bibers Rosenkranzsonate gestalterisch und klanglich allerdings recht verhalten angeht – man hat das schon wesentlich schärfer und prägnanter gehört. Doch hinter der betont sanft eingekleideten Rundheit des Tons findet sich in der diffizilen Linienführung Rüdiger Lotters dennoch genügend kontrastierende Auffächerung und Präsenz.

Thomas Bopp [16.11.2010]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 E.F. dall' Abaco Concerto C-Dur op. 5 Nr. 5 00:12:09
5 H.I.F.  Biber Sonata Nr. 3 h-Moll (Die Geburt Christi; aus: Die Rosenkranzsonaten – Die fünf freudenhaften Mysterien) 00:06:25
8 J.S. Bach Orchestersuite Nr. 3 D-Dur BWV 1068 00:18:41
13 J.Chr. Pez Concerto Pastorale 00:17:12
20 E. Reusner Passacaglia D-Dur für Laute 00:05:44
21 Nun komm der Heyden Heiland (aus: Neue Lautenfrüchte) 00:01:28
22 G. Torelli Concerto grosso g-Moll op. 8 Nr. 6 (Weihnachtskonzert) 00:05:24
25 E. Reusner Vom Himmel hoch da komm ich her (aus: Neue Lautenfrüchte) 00:01:16
26 In dulci jubilo (aus: Neue Lautenfrüchte) 00:02:02

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Rüdiger Lotter Leitung
Hofkapelle München Ensemble
 
OC 771;4260034867710

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