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CD-Besprechung

DG 477 7456

2 CD • 2h 05min • 2007

17.05.2010

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Wie sein Konkurrent Pietro Mascagni hat sich Ruggiero Leoncavallo nur mit einem einzigen, noch nicht einmal abendfüllenden Werk (I Pagliacci) dauerhaft im internationalen Repertoire behaupten können, wie dieser hat er aber ein reiches, stilistisch vielseitiges Oeuvre hinterlassen, das sich keineswegs unter dem Sammel-Etikett „Verismo“ einordnen lässt. Da gibt es zumal für die deutschen Opernfreunde noch manche Entdeckung zu machen, wie die Ersteinspielung seiner frühen Oper I Medici bei Deutsche Grammophon beweist.

Als 19jähriger Student der Literaturwissenschaft hörte Leoncavallo in Bologna Vorlesungen des Dichters Giosuè Carducci, der ihm die Welt der italienischen Renaissance nahebrachte. Im selben Jahr 1876 machte er hier die persönliche Bekanntschaft von Richard Wagner, der zu einer Aufführung seines Rienzi angereist war. Einige Biographen wollen wissen, dass er zum Meister aus Bayreuth über sein Projekt einer Trilogie „Crepusculum“ (Götterdämmerung) sprach und von diesem ausdrücklich ermutigt worden sei, es auszuführen.

Tatsächlich nahm er es aber, nach abenteuerlichen Wanderjahren, erst ein Jahrzehnt später in Angriff. Der Bariton Victor Maurel, dem er in Paris als Korrepetitor gedient hatte und der jetzt als Verdis erster Jago in Italien ein berühmter Mann war, setzte sich bei dem Verleger Giulio Ricordi für ihn ein. Der sicherte sich die Rechte an I Medici, dem ersten Teil der Trilogie, machte aber keine Anstalten, sie aufzuführen, denn er schätzte die literarischen Talente Leoncavallos weit höher ein als seine musikalischen und wollte ihn vor allem als Librettisten für andere Komponisten wie Puccini gewinnen.

Erst der spektakuläre Erfolg der Pagliacci (1892) ermutigte den Verleger, auch das frühere Werk herauszubringen. Die Oper spielt in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Florenz. Die Handlung: Die einflussreiche Familie Medici wird von den papsttreuen Familien argwöhnisch beobachtet. Es kommt zu einer Verschwörung der Papstanhänger und zum Doppelmordversuch an den Brüdern Giuliano und Lorenzo de Medici in der Kirche Santa Preparata. Dabei wird Giuliano tödlich verletzt, während es Lorenzo gelingt zu entkommen. Mit einer flammenden Rede an das Volk erweckt er den Haß gegen die Mörder und kann sein eigenes Regime festigen. In diese politische Aktion integriert ist die Liebesgeschichte Giulianos mit der lungenkranken Simonetta und gleichzeitig mit deren Freundin Fioretta. Simonetta, die den Geliebten vor den Verschwörern warnen will, trifft ihn bei der Untreue an und fällt daraufhin tot um.

Das Werk fand bei der Uraufführung in Rom (9.11.1893) zwar Anklang beim Publikum, wurde aber von der italienischen Presse einhellig verrissen. Die Kritik sah in Leoncavallos Musik eine unverdauliche Mischung aus Wagner und Meyerbeer. In Berlin, wo die Oper ein Jahr später herauskam, war Wilhelm II. von dem Werk so begeistert, dass er bei dem Komponisten eine große Oper zum Ruhme der Hohenzollern in Auftrag gab: Der Roland von Berlin nach dem Roman von Willibald Alexis. Der Kaiser sah in den Medici „den ganzen Fortschritt der Form Wagners mit dem absoluten italienischen Charakter der Musik vereinigt“. Dieses Urteil wurde von der deutschen Kritik geteilt, allerdings unter negativen Vorzeichen, denn sie sah in dieser deutsch-italienischen Verbindung eine Mesalliance.

Zwar sind Wagners Einflüsse, zumal in der Orchesterbehandlung, offensichtlich und es gibt auch einige direkte Anleihen aus seinen Werken, doch abgesehen davon zeugt die Oper von einem originellen musikdramatischen Talent und einer reichen melodischen Einfallskraft. Die großen Liebesduette mit Simonetta und Fioretta am Ende der ersten beiden Akte gehören zu den stärksten Stücken der italienischen Oper des Fin de siècle, im dritten Akt bewundert man Leoncavallos Geschick der simultanen Szenenführung. Daß sich das Werk nicht durchsetzen konnte, dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass es zu spät kam. 1893 war der Wagnerismo in der italienischen Oper bereits passé und der Name des Komponisten eindeutig mit dem Erfolg seiner veristischen Oper verknüpft. Entmutigt von dem negativen Presse-Echo setzte Leoncavallo die Arbeit an der Trilogie Crespusculum mit den geplanten Folgestücken Gerolamo Savonarola und Cesare Borgia nicht fort.

Da eine Produktion des Hessischen Rundfunks von 1993 nicht, wie ursprünglich geplant, auf Schallplatten veröffentlicht wurde, kommt das Pionier-Verdienst der Deutschen Grammophon zu, die mit dem Zugpferd Plácido Domingo eine Studio-Aufnahme riskierte. Sie realisiert das Werk auf hohem instrumentalen Niveau. Der Dirigent Alberto Veronesi findet die richtige Balance zwischen Grand Opéra und lyrischem Drama, zwischen musikalischem Alfresco und filigraner Detailarbeit. Domingo, der im Herbst seiner Karriere einen zweiten stimmlichen Frühling zu erleben scheint, bleibt dem jugendlichen Heißsporn Giuliano nichts an Temperament und tenoraler Sinnlichkeit schuldig. Carlos Álvarez gibt mit imposantem Bariton den Volkstribunen Lorenzo. Leider sind die weiblichen Protagonisten nicht ebenbürtig. Daniela Dessìs abgesungener Sopran ist für die fragile Simonetta eine glatte Fehlbesetzung und auch Renata Lamanda als Fioretta macht wenig Freude: ein neuer Name, aber eine bereits alte Stimme.

Trotz dieser Einschränkungen ist die Aufnahme dazu angetan, nicht nur das Werk selbst, sondern auch den Komponisten Leoncavallo in ein neues Licht zu rücken, und sie macht neugierig auf eine szenische Realisierung des Stückes.

[17.05.2010]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ruggero Leoncavallo
1I Medici (Azione storica in quattro atti)

Interpreten der Einspielung

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