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CD-Besprechung

Georg Friedrich Händel

Apollo e Dafne

Georg Friedrich Händel

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 24.03.10

Klassik Heute
Empfehlung

Avi-music 8553200

1 CD • 56min • 2009

1703 traf der Gian Gastone De’ Medici, homosexueller und unglücklich verheirateter Spross des alten Fürstengeschlechts und mit seinem Kammerdiener und Geliebten Giuliano Dami rastlos kreuz und quer durch Europa auf Reisen, in Hamburg ein; die reiche Hansestadt an der Elbe war zu Beginn des 18. Jahrhunderts die zweitgrößte Stadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und ein bedeutendes Kulturzentrum. Hier traf er den 18-jährigen Händel, der seit kurzem Geiger im Orchester der Hamburger Oper war und auch als glänzender Virtuose auf Orgel und Cembalo von sich reden machte. Gian Gastone blickte den gut aussehenden jungen Musiker mit wohlgefälligen Augen an und zeigte ihm italienische Musikalien, die er in seinem Gepäck mit sich führte. Händel wiederum war durch die solide Ausbildung bei seinem Hallenser Lehrer Friedrich Wilhelm Zachow gut mit den Meisterwerken der italienischen Schule vertraut und äußerte sich wenig schmeichelhaft über die fürstlichen Musikschätze. Gian Gastone scheint Georg Friedrich sein keckes Mundwerk nicht übel genommen zu haben, denn er lud ihn ein, sich zur Reise nach Italien seinem Gefolge anzuschließen. Händel indessen lehnte ab und bewies so erstmals den Sinn für Unabhängigkeit, der ihn sein ganzes Leben hindurch kennzeichnen sollte. Obwohl eine Reise in das Mutterland der Musik teuer war und Händel es ganz ohne Zweifel kennen lernen wollte, hatte er doch keinesfalls im Sinn, sein dortiges Entrée im Gefolge eines Fürsten zu machen und obendrein noch zu riskieren, als Mignon, also „Schätzchen“, eines Prinzen betrachtet zu werden, dessen Vorliebe für junge Männer allgemein bekannt war.

Händel blieb noch in Hamburg, machte sich hier als Opernkomponist einen Namen und verdiente sein Geld auch als Cembalolehrer der guten Gesellschaft der Hansestadt; erst 1706 brach er nach Italien auf, die teuren Reisekosten konnte er jetzt aus eigener Tasche bezahlen. Seine Oper Die verwandelte Daphne ging nach seinem Weggang aus Hamburg erfolgreich über die Bühne des Opernhauses am Gänsemarkt. Leider ist die Musik zu diesem Werk verlorengegangen, lediglich zwei Orchestersuiten sind erhalten geblieben.

Italien wurde zur Stätte großer Triumphe: In Florenz, Rom und Venedig riss man sich um Händel, der wegen seiner eindrucksvollen Statur bald den Beinamen Il Sassone erhielt und seine zahlreichen Bewunderer erweiterten diesen zu Il caro Sassone. Die Arbeit an der Kantate Apollo e Dafne begann Händel noch in Italien, bevor er im Februar 1710 nach Deutschland zurückreiste, um beim Kurfürsten von Hannover die Kapellmeisterstelle anzutreten. Im Sommer 1710 schloss er die Komposition ab, im Februar 1711 erklang das Werk vermutlich zum ersten Mal in London, wo Händel anlässlich der Geburtstagsfeierlichkeiten von Königin Anne musizierte. Die Majestät war begeistert und äußerte den Wunsch, Händel häufiger in ihrem Gefolge zu sehen; einen weiteren Grund für eine Übersiedlung nach London liefert der Hamburger Freund und Musikschriftsteller Johann Mattheson in erfrischend direkter Diktion: „In Italien und Frankreich ist was zu hören und zu lernen, in England was zu verdienen.“ Das merkantile England kam Händels Drang nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit entgegen, und so verlegte er 1712 seinen Wohnsitz für immer auf die Insel.

Bernhard Forck, Leiter des Händelfestspielorchesters Halle, stellt auf dieser CD die Kantate Apollo e Dafne den beiden Suiten aus der verschollenen Daphne-Oper zusammen. Und am Ende erklingt noch ein Concerto grosso aus dem 1739 veröffentlichten Opus 6, eine Hommage an den großen Corelli, der dieser Musikgattung die Richtung gewiesen hatte und mit dem Händel als junger Mann in Italien zusammen musiziert hatte. So bindet das Programm dieser CD sehr schön die beiden Studienphasen im Leben des jungen Händel zusammen: Hamburg, wo es ihm bei seiner Ankunft nach Matthesons Urteil noch an dramatischer Versiertheit fehlte (Händel komponiere „sehr lange, lange Arien und schier unendliche Kantaten“, schrieb der auch als Opernsänger und -komponist erfahrene Mattheson), und Italien, wo er besonders in Rom das Kantatenschreiben lernte, da in der ewigen Stadt damals Opern verboten waren – ihr Genuss wurde bei den Liebhabern dramatischer Musik durch die Kurzform der Kantate ersetzt.

Die beiden jungen Sänger, die in der vorliegenden Aufnahme den göttlichen Stalker und sein erstarrendes Opfer darstellen, gehören zu den jungen Talenten, die ihre gründliche Ausbildung jetzt in vielversprechende Karrieren ummünzen. Myrsini Margariti, Griechin von Geburt, ist schon während des Studiums am Salzburger Mozarteum erfolgreich auf Opernbühnen in Salzburg, Gotha und Coburg aufgetreten und wurde 2006 nach ihrem Abschluss ins Ensemble des Opernhauses in Halle engagiert. Nikolay Borchev begann bereits mit 16 Jahren eine Gesangsausbildung am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium, setzte später seine Studien an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin fort, wurde 2003 Mitglied des jungen Ensembles der Bayerischen Staatsoper in München und hat seither eine internationale Laufbahn als Lyrischer Bariton einschlagen können; sein Repertoire weist die beeindruckende Spanne von Monteverdi bis zu Pärt auf. Beide Sänger verfügen über informative Homepages, und Freunde von you tube werden dort eine ansprechende Vorstellung dieser Produktion mit Ausführungen von Bernhard Forck finden. Bernhard Forck, langjähriger Konzertmeister bei der Akademie für Alte Musik Berlin, leitet seine erste CD mit dem Händefestspielorchester Halle mit Schwung und Einfühlsamkeit. So erreicht er die goldene Mitte zwischen überforschem Auftritt und zögerlicher Authentizitätsbangigkeit, die heute als Skylla und Charybdis den Genuss von Einspielungen Alter Musik bedrohen.

Fazit: Ein höchst gelungenes Händel-Porträt, das trotz der Riesendiskographie des caro Sassone alles andere als überflüssig erscheint!

Detmar Huchting [24.03.2010]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G.F. Händel Suite B-Dur HWV 352 (aus: Die verwandelte Daphne HWV 4) 00:03:32
5 Apollo e Dafne HWV 122 (La terra è liberata, dramatische Kantate)
9 Suite G-Dur HWV 353 (aus: Die verwandelte Daphne HWV 4) 00:03:47
27 Concerto grosso a-Moll op. 6 Nr. 4 HWV 322 00:10:46

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Nikolay Borchev Bariton
Myrsini Margariti Sopran
Händelfestspielorchester Halle Orchester
Bernhard Forck Dirigent
 
8553200;4260085532001

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