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CD-Besprechung

Hommage à Steuermann

Hommage à Steuermann

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 02.03.10

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Tacet 186

2 CD • 1h 32min • [P] 2009

Hier handelt es sich um eine der sonderbarsten, problematischsten, in manchen Teilen auch anregendsten Editionen der letzten Monate oder auch Jahre. Da sind zunächst die Schönberg-Aufnahmen des verdienstvollen, im Leben und in der Kunst nicht eben angepassten Pianisten Eduard Steuermann zu begrüßen, die Alfred Brendel auf der CD-Rückseite in Erinnerung ruft. Und nicht nur das: er begrüßt die Veröffentlichung mit folgenden begeisterten Worten: „Wie schön, dass Steuermanns Aufnahme der Klavierstücke endlich wieder verfügbar ist; sie ist der klassische Maßstab für die Interpretationen dieser Stücke.“

In allen Ehren, was der kluge, verehrte Brendel – auch in Richtung der Haase/Tacet-CDs – zu Papier bringt und publizieren lässt, – aber was um Himmels Willen ist „der klassische Maßstab“? Ist es Brendel, der den „klassischen Maßstab“ bestimmt – kraft seiner unbestrittenen Autorität, kraft seiner unendlichen Verdienste um das Musikleben allgemein? Natürlich wird sich ein Künstler des hochwertig Verbindlichen wie Brendel nie und nimmer mit einer Einspielung der Schönberg-Klavierstücke von Glenn Gould anfreunden können, vielleicht schon eher mit der Aufnahme von Pollini. Aber für viele Pianisten – wenn sie über ihre Vorlieben gefragt werden – haben die Alten den Vorrang (Schnabel, Edwin und Annie Fischer, Horszowski, Backhaus). Aber nicht nur Brendels lobende Unterschrift ist auf der Rückseite dieser Tacet-Doppel-CD abgedruckt, sondern auch eine enthusiastische Bemerkung Theodor W. Adornos, der sich in bitteren Tönen über die Missachtung von Steuermanns Kunst äußert: „Es werden sich einmal alle deshalb so genieren, wie man heute sich geniert, dass man van Gogh oder Modigliani verhungern ließ.“

Ich weiß nicht, ob Steuermann verhungert ist, aber mein leider nur kurzfristiger Lehrer an der Frankfurter Universität Adorno hat hier – wiederum kraft seiner unbestrittenen Autorität – voll aus dem Subjektiven und in aller Kürze des Bewertens aus dem großen Topf des Unbeweisbaren geschöpft. Er bezog sich auf die „ungeheuer originelle Produktion Steuermanns“, die in der Öffentlichkeit „kalte Schultern“ gefunden hätte. In dieser Hinsicht möchte ich dem insgesamt verehrten Adorno nachträglich ins Stammbuch schreiben: wie vielen „ungeheuer originellen“ Produktionen hat der gute, für das Musikdenken des 20. Jahrhunderts unbestritten wichtige Denker, die kalte Schulter gezeigt.

Ich empfinde die Schönberg-Aufnahmen Steuermanns als lebendig, eher fließend, weniger analytisch punktend, im Vergleich zu Gould fast schon romantisierend, genauer: entschärfend im Klang- und Bewegungsverlauf. Aber – lieber Alfred Brendel! – mit der Bezeichnung „klassischer Maßstab“ kann ich in diesem Zusammenhang nichts anfangen.

Auf der zweiten CD ist eine fünfteilige „Suite“ aus der schöpferischen Werkstatt Steuermanns und einige Bearbeitungen des Pianisten für zwei und drei Klaviere dokumentiert. Thomas Hell bemüht sich rechtschaffen um die weitgehend in englischer Sprache bezeichneten Sätze (Prelude, Melody etwa). Aber diese in den Jahren 1949 bis 1951 entstandenen Miniaturen sind allenfalls Sammlerstücke, sind Kleinigkeiten für Goldgräber des Ausgefallenen, auf Spurensuche spezialisierte Kundschaft. Gänzlich problematisch, weil wenig brillant und schon gar nicht sensationell für Bearbeitungs-Fans sind die Steuermann-Adaptionen populärer Stücke für zwei und drei Ausführende. Zwei dieser krampfhaften Klaviervermehrungen Steuermanns legen den Verdacht nahe, es handelte sich ausschließlich um Beschäftigungstherapie.

Eine Nebenbemerkung sei erlaubt, weil die Tacet-Redaktion ja – wie beschrieben – nicht gerade zurückhaltend mit Zitaten ist. In dieser Hinsicht wäre es durchaus fällig gewesen, darauf hinzuweisen, dass die Schönberg-Aufzeichnungen aus der Schallplattensammlung von Peter Seidle (Hördt bzw. Karlsruhe) stammen.

Vergleichsaufnahmen: Gould (Sony 52664), Kraus (BMU 1503), Pollini (DG 423 249-2), Rittner (MDG 904 1593-6), op. 11: Litwin Stefan (Telos Music TLS 084), Gould (CBC Records PSCD 20306), Larcher (ECM 465 136-2), Fountain (EMI 574164 2), P.Hill (Naxos 8.553870), Uchida (Great Pianists Philips 456 982-2).

Peter Cossé † [02.03.2010]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Schönberg Drei Klavierstücke op. 11 00:13:12
4 Sechs kleine Klavierstücke op. 19 00:04:41
10 Fünf Klavierstücke op. 23 00:10:00
15 Suite op. 25 für Klavier 00:14:20
22 Klavierstück op. 33a 00:02:10
23 Klavierstück op. 33b 00:03:28
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 E. Steuermann Suite 00:17:28
6 Toccata für 3 Klaviere (orig. Francis Poulenc) 00:03:00
7 Themen aus Die Fledermaus für 2 Klaviere (orig. Johann Strauß) 00:17:28
8 Wohin? für 3 Klaviere (orig. Franz Schubert aus Die schöne Müllerin) 00:02:48
9 Perpetuum mobile für 2 Klaviere (orig. Johann Strauß op. 257) 00:01:55

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Thomas T. Hell Klavier
Eduard Steuermann Klavier
Erika Haase Klavier
Carmen Piazzini Klavier
Ulrike Moortgat-Pick Klavier
 
186;4009850018605

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