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CD-Besprechung

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 3 d-Moll (Wagner-Sinfonie)

OehmsClassics 1 CD OC 624

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 4

Klangqualität:
Klangqualität: 6

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 5

Besprechung: 05.12.07

OehmsClassics OC 624

1 CD • 69min • 2006

Auch diese neue Einspielung der Erstfassung einer frühen Bruckner-Sinfonie zeigt, daß Simone Young an ihrem Bruckner-Verständnis und ihrer Darstellungskunst dieser komplexen Werke noch erheblich zu arbeiten hat. Wie bereits in der zweiten Sinfonie (Oehms OC 614) wimmelt es auch hier von Temposchwankungen und Rubati: Der erste Satz (Bruckner: “Gemäßigt; misterioso”, was immerhin einem Allegro moderato entspricht) beginnt um gut ein Viertel langsamer als er endet; dabei wäre die Einhaltung des Grundzeitmaßes bei Bruckner eine Conditio sine qua non. Der Satz beginnt klebrig, entfaltet die beiden Eingangsthemen mit hohlem Pathos. Die Streicherfigurationen zu Beginn sind wie Brei; keine Spur von Binnen-Differenzierung – etwa der völlig unhörbare, wichtige Kanon der beiden Violingruppen. Das “Tempo I” bei T. 79 (Tr. 1, 2’53) ist schon etwas zügiger, nahezu Stillstand aber herrscht wieder in der Gesangsperiode (T. 135; 4’43), die Schlußperiode hingegen (T. 205; 7’09) ist gut ein Viertel rascher als der Anfang. Wohlgemerkt: Bruckner schreibt nirgends eine Abweichung vom Hauptzeitmaß vor! Durch solche Mißgriffe zerfällt der Satz völlig ins Episodische – was umso ärgerlicher ist, als Michael Lewin in seinem Booklet-Text zu Recht auf die bedeutende Vorbildfunktion von Beethovens neunter auf Bruckners dritte Sinfonie hinweist. Einen derartig rhapsodischen Interpretations-Ansatz würde aber im Kopfsatz von Beethovens Neunter heute wohl kaum jemand hinnehmen!

Auch die übrigen Sätze kranken unter Extremen – langsame Stellen werden bei Young zu langsam, schnelle zu schnell: Der zweite Satz beginnt ausgesprochen lahm, schleppt sich nur allmählich etwas voran. Die Gesangsperiode (T. 33, Tr. 2, 3’05) ist ein mehr als zögerliches Andante, mit unerträglich breit werdenden, nicht in der Partitur verzeichneten Ritardandi. Das Scherzo ist genau jenen Hauch zu rasch, der aus Bruckners “ziemlich schnell” ein “schnell” macht. Zumindest das Trio ist korrekt im gleichen Tempo genommen (Tr. 3, 2’14). Allerdings ist der attacca-Übergang vom Scherzo ins Trio falsch geschnitten und um genau einen Takt zu lang. Und das Finale – ach! Der Satz beginnt in einem Affenzahn; Frau Young verkennt die Temporelation (Scherzo zu Finale: Achtel = Achtel, wie die Hemiolen im Scherzo, T. 13–16, zeigen). Die berühmte Gesangsperiode, wo laut Bruckner Polka und Choral übereinanderliegen, betont hier geradezu unerträglich den Choral und verleugnet die Polka – Bruckner schreibt “etwas langsamer”, bei Simone Young ist das “bedeutend langsamer”. Wieder stören eigenmächtige Ritardandi, die dem Abschnitt Mahler-artige Larmoyanz verleihen. Natürlich ist unter solchen Voraussetzungen in der Schlußperiode Bruckners “Erstes Zeitmaß” völlig unmöglich (Tr. 4, 4’25). Das Tempo von Frau Young liegt in der Mitte dazwischen, trifft aber ironischerweise das eigentlich Gemeinte genau – nur hätte auch das Hauptthema im gleichen Tempo gespielt werden müssen. Das wird dann besonders evident zu Beginn der Durchführung, in der ab T. 310 das Hauptthema wiederkehrt und bei Frau Young natürlich erheblich schneller ist, obwohl Bruckner wiederum keinen Tempowechsel angibt (7’52).

Und so ist schon von den Tempi her die gesamte Architektur der Sinfonie in dieser Darbietung ein Zerrbild der Partitur – unentschieden auch in der Musizierhaltung, irgendwo zwischen der Post-Furtwänglerschen “Zu-Spät-Romantik” und Norringtons heftig vorantreibenden Ausbrüchen in seiner EMI-Einspielung mit den London Classical Players: Simone Young löst sich von Bruckners Spielanweisungen, macht mit dem Werk, was sie will, und – scheitert. Ein schlüssiges Konzept läßt sich nicht erkennen. Das Orchester selbst verfällt in den typischen "Bruckner-Modus": Viel Sostenuto, oftmals heftigstes Vibrato, kaum Deklamation in den an sich beredten Themen. Erfreulich zu bemerken ist lediglich, daß die Bläser zumindest weitaus besser zusammenspielen als in der Aufnahme der Zweiten. Das Klangbild ist von großer dynamischer Breite, aber ausgesprochen schwammig; die Streicher wirken bar jeglicher Raum-Perspektive, insbesondere, wenn sie von den wummernden Pauken und halligen Bässen zugedeckt werden wie Flammen mit Lösch-Schaum. Der Mehrkanal-Modus bringt eine nur unwesentliche Verbesserung.

Dr. Benjamin G. Cohrs [05.12.2007]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Bruckner Sinfonie Nr. 3 d-Moll (Wagner-Sinfonie)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Philharmoniker Hamburg Orchester
Simone Young Dirigent
 
OC 624;4260034866249

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