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CD-Besprechung

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 2 c-Moll WAB 102

OehmsClassics 1 SACD OC 614

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 5

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Besprechung: 16.05.07

OehmsClassics OC 614

1 SACD • 71min • 2006

Mit Spannung wurde in der „Bruckner-Gemeinde“ dieser Live-Mitschnitt der Zweiten Sinfonie in der Erstfassung 1872 erwartet, in der Ausgabe von William Carragan (die Partitur ist 2005 in der Bruckner-Gesamtausgabe erschienen). Allerdings ist dies bereits die dritte Einspielung dieser Version, an welcher der Herausgeber seit 20 Jahren gearbeitet hat und die Anfang der 90er Jahre schon Kurt Eichhorn und das Bruckner Orchester Linz sowie das Irische Nationalorchester unter Georg Tintner (Naxos 8.554006) vorgelegt hatten. Mit missionarischem Eifer hat sich nun die australische Dirigentin Simone Young, Opernchefin in Hamburg, der Frühfassungen Bruckners angenommen, die sie, wie Pressemeldungen zu entnehmen war, in Zukunft noch weit öfter aufführen möchte. Doch sei vorweg genommen, daß sie bedauerlicherweise bei der Darstellung von der gleichen falschen Prämisse ausgeht wie der Herausgeber der Partitur: Der frühe, experimentierfreudige Sturm-und-Drang-Komponist wird wieder einmal durch die Brille des weihevollen Spätstils betrachtet.

Das beginnt schon bei der Partitur-Neuausgabe (ISMN M-50025-180-4). Daher sei hier ein kurzer Ausflug in die Quellengeschichte erlaubt: Bruckner beendete sein Autograph der zweiten Sinfonie 1872 (Mus. Hs. 19474 der Österr. Nationalbibliothek). Noch während der Arbeit ließ er Satz für Satz eine Abschrift herstellen (Mus. Hs. 6035). Sie enthält Bruckners zahlreiche Umarbeitungen und diente 1892 auch als Stichvorlage für den Erstdruck. Herausgeber Carragan wählte nun merkwürdigerweise diese Abschrift als Hauptquelle beider Versionen, nicht die Autographe, wie aus seinem Vorwort hervorgeht. Noch schlimmer: Er hat bereits in die früheste Version von 1872 eigenmächtig etliche Zutaten Bruckners eingefügt, die aus dem zwanzig Jahre späteren Erstdruck stammen. Dies betrifft insbesondere ergänzte Artikulationen und Tempoangaben, die zum Teil den ursprünglichen Notaten Bruckners diametral entgegengesetzt sind. Dieses einer Urtext-Ausgabe nicht unbedingt angemessene Verfahren gibt noch im Nachhinein dem früheren Editionsleiter Leopold Nowak (gest. 1991) Recht, der sich aus gutem Grund bemühte, die unterschiedlichen Arbeitsstadien der Sinfonien streng zu trennen. Doch nicht genug: Herausgeber Carragan wagte es in seinen Anmerkungen sogar noch, für die zweiten Themen im Kopfsatz und Finale ein verlangsamtes Tempo vorzuschlagen, da das „durchaus dem Stil der Brucknerschen Symphonien“ entspreche und ihnen angeblich „eine eigene Anmut und Eleganz“ verleihe – ungeachtet der Tatsache, daß Bruckner bei seinen wenigstens vier Umarbeitungen der zweiten Sinfonie (einschließlich etlicher Tempomodifikationen) ausgerechnet diese zweite Themengruppe aber niemals langsamer bezeichnete. (In den Ecksätzen anderer seiner Sinfonien finden sich solche Verlangsamungen zwar durchaus, jedoch nicht generell. Wenn Bruckner ein langsameres Tempo wollte, hat er es ausdrücklich so bezeichnet!)

Simone Young folgt nun in ihrer Lesart nicht nur den herausgeberischen Ergänzungen; sie gestattet sich etliche weitere Verzögerungen, Verbreiterungen und Beschleunigungen. Auch die Temporelationen der Sätze untereinander werden nicht beachtet, Bruckners Wurzeln im strengen Tactus-Prinzip der Wiener Klassik somit ignoriert. Der erste Satz verliert auf diese Weise fast völlig seinen Allegro-Charakter, und die an sich echt Brucknerische Polka (Tr. 1, ca. 2’05) klingt wie ein wehmütiges Schubert-Lied. Anstatt der eigentlich unüberhörbaren Auseinandersetzung Bruckners mit Beethoven (dieser Kopfsatz ist ein dramatisches Gegenstück zu dem der Eroica) ist anstelle von rhythmisch im Kleinen stark pointierter Bewegungszüge so etwas wie pseudoreligiöser Monumentalkitsch zu hören. Dabei läßt Simone Young an sich durchaus schwungvoll und beredt musizieren, doch durch beständiges Sostenuto-Spiel bleibt die Wirkung der Phrasierung merkwürdig oberflächlich. Hinzu kommt ein intensives Vibrato, das die Steigerungen und Tutti-Partien regelrecht rauschend werden läßt. Dieser süßlich-süffige Klang wird noch durch Kunsthall verstärkt. (Die Hamburger Laeiszhalle klingt live trockener und präsenter.) Da hilft auch die Orchesteraufstellung mit antiphonalen Geigen wenig: Die zweiten Geigen sind rechts nur schwer zu verorten, und der Klang schiebt sich oft zu undifferenziertem Brei zusammen. Etliche wichtige Ereignisse gehen verloren – beispielsweise schon das triolische Trompeten-Motiv, das erstmals in T. 20 auftaucht (Tr. 1, ca. 0’40), von Bruckner mit „forte“ bezeichnet ist und eigentlich wie ein mahnender Zeigefinger durchdringen sollte. Hier ist es fast unhörbar. Der beständige Drang zum Aufblühen des Klanges macht es dem Orchester natürlich unmöglich, rasch zurück ins piano zu kommen; dadurch gehen wichtige Kontrastwirkungen auf kleinem Raum verloren.

Das Scherzo kommt ebenfalls derb daher, es fehlt der tänzerische Gestus, die Delikatesse. Auch das eigentlich ätherisch-luftige Trio klingt ausgesprochen irdisch. Geradezu unerträglich langsam ist dann das in Achteln genommene Adagio, ungeachtet Bruckners Vorgabe „etwas bewegt“. Hier wirken sich auch die von Carragan aus dem Erstdruck ergänzten Legato-Bogen besonders verheerend aus, denn die Vorliebe Bruckners – in seinen Frühwerken – für nervig-markiges Streicherspiel an der Saite bleibt hier auf der Strecke. Der Satz ufert aus und verliert sich in schönen Einzelheiten; der große Bogen will sich nicht einstellen. Nur der feurige, rasante Beginn des Finales trifft den richtigen Charakter. Doch kaum ist das Hauptthema durchgerauscht, gibt es schon wieder ein großes ritardando (Tr. 4, ca. 1’20), das in keiner Quelle steht, und wiederum ist die zweite Themengruppe erheblich langsamer – obwohl eigentlich bei einem Blick in die Partitur jeder sehen müßte, daß die charakteristische Begleitfigur in schwingenden Vierteln die Bewegung des Hauptthemas fortsetzt. Natürlich heißt das nicht, das die ganze Sinfonie in einem einzigen Tempo durchgezogen werden soll, aber Bruckners wenige Hinweise für Abweichungen vom durchzuhaltenden Grundzeitmaß (dies drückt er in den Frühfassungen mit dem Wort „rubato“ aus), seine wenigen Verzögerungen und Beschleunigungen, oft mit dem Zusatz „etwas“, reichen für eine differenzierte Wiedergabe völlig aus.

Die Hamburger Philharmoniker folgen ihrer Dirigentin meist bereitwillig; die Spielkultur der Streicher – sieht man von dem Dauer-Espressivo ab, das den Hörer rasch ermüdet – ist freilich besser als die der Bläser. Sehr oft sind beispielsweise gemeinsam ansetzende Akkorde der Bläser wackelig, und auch die Intonation läßt hie und da zu wünschen übrig. Insgesamt halte ich diese Aufnahme für etwas besser gelungen als die Tintner-Einspielung. Am besten scheint mir die in Deutschland vergriffene Aufnahme unter Kurt Eichhorn (Camerata Tokyo). Wer einmal einen anderen Eindruck von der zweiten Sinfonie bekommen möchte, sei nachdrücklich auf die differenzierte, schöne Einspielung der Version 1877 der Wiener Symphoniker unter Carlo Maria Giulini verwiesen, die jüngst bei Testament neu aufgelegt wurde (CD SBT 1210). Eine Referenz-Aufnahme der Urfassung steht weiter aus – zumal der Klang dieser SACD im Surround-Modus nur wenig weiter aufgefächert als in herkömmlichem Stereo wirkt.

Dr. Benjamin G. Cohrs [16.05.2007]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Bruckner Sinfonie Nr. 2 c-Moll WAB 102 01:11:22

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Philharmoniker Hamburg Orchester
Simone Young Dirigent
 
OC 614;4260034866140

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