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CD-Besprechung

Georg Friedrich Händel: Solomon HWV 67 (Auschschnitte)

Naxos 2 CD 8.557574-75

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 17.08.06

Naxos 8.557574-75

2 CD • 2h 40min • 2004

In seinem ebenso engagierten wie informativen Begleittext zu seiner Einspielung von Händels Oratorium Solomon führt Joachim Carlos Martini dem heutigen Hörer einen Aspekt von Händels Oratorienschaffen vor Augen, der für einen Zeitgenossen unserer Tage zwar durchaus überraschend sein mag, wie er bei einigem Nachdenken aber auch absolut stringent erscheint: Mit seinen Oratorien öffnete Händel den Kosmos seines dramatischen Schaffens einem sehr viel weiteren Publikum, als er mit seinen Opern, deren Genuss einem exklusiven Kreis von Adligen und wohlhabenden Bürgern vorbehalten war, hatte erreichen können. Was Martini nicht ausführt: So wird auch die Sorge der kirchlichen Obrigkeit verständlich, die Händels Oratorien kritisch gegenüberstand, da sie durch die dramatische Fassung biblischer Geschichten eine Profanierung des heiligen Buches befürchtete (und insgeheim wohl auch um den Alleinvertretungsanspruch der Geistlichkeit bangte, die biblische Botschaft auszulegen). Seiner Musik ein neues Publikum zu erschließen wird für Händel unzweifelhaft eine starke Motivation gewesen sein, wenn auch seine Suche nach neuen Wegen musikalischer Dramatik äußerlich durch geschäftliche Schwierigkeiten seiner Opernunternehmung bestimmt gewesen ist, und die Neuschöpfung des geistlichen Oratoriums aus dem Geist seiner an Affekten und Emotionen so reichen Opern für den tiefgläubigen Händel sicher auch ein religiöses Anliegen war. Martinis Betrachtungen zeigen eindrucksvoll, dass Händel es in London mit einem gesellschaftlichen Entwicklungsstand zu tun hatte, der auf dem Weg zur modernen Gesellschaft unserer Tage weit vorangekommen war. Kollege Bach befand sich in Leipzig in der misslichen Lage mit einer „wunderlichen Obrigkeit“ zurechtzukommen zu müssen, die sein musikalisches Autonomiestreben – hierin war Bach genauso selbstbewusst wie Händel! – immer wieder mit den Mitteln provinziell-zünftigen Obrigkeitsdenkens auf ihr Maß zurechtzustutzen bestrebt war.

Vergleicht man Martinis Live-Einspielung des Solomon vom 30. Mai 2004 aus der Basilika des Klosters Eberbach im Rheingau mit Paul McCreeshs Studio-Version vom August und September 1998, dann muss man sich den fundamentalen Unterschied vor Augen halten, der eine Live-Aufnahme von einer Studioproduktion unterscheidet: Spontaneität steht gegen sorgfältige Abgewogenheit aller Parameter von Interpretation und Ausführung. Dieser fundamentale Unterschied deckt sich im vorliegenden Fall auf verblüffenden Weise mit den Charakteristiken der Leiter der beiden Aufnahmen als Interpreten: McCreesh leistet mit großer Sorgfalt und spürbarem eigenen Duktus einen Beitrag zur englischen Händel-Tradition der letzten 50 Jahre, die auf Raymond Leppard gründet und durch Christopher Hogwood mit dem Idiom des historischen Instrumentarium bereichert wurde. Martini benutzt ebenfalls alte Instrumente, tritt allerdings als Interpret mit größerer Verve auf, was nach Ansicht des Rezensenten nicht allein dem Unterschied Live-/Studio-Einspielung geschuldet ist, sondern der persönlichen Verschiedenheit beider Ensembleleiter entspricht.

McCreesh besetzt den Solomon mit dem Altus Andreas Scholl, Martini wählte die polnische Mezzosopranistin Ewa Wolak für die Rolle, die an interpretatorischer Intensität nicht hinter ihrem weltberühmten Kollegen zurücksteht; mancher wird das warme Timbre der Frauenstimme vorziehen, zumal Wolak diese „Hosenrolle“ bestens ausfüllt. Als Königin von Saba präsentiert Martini Elisabeth Scholl, die Schwester des Protagisten der „Konkurrenzaufnahme“. Frau Scholl ist der eigentliche Star von Martinis Version: Mit stimmlicher Virtuosität und interpretatorischer Souveränität, die sich vor den Leistungen des Bruders nicht zu verstecken brauchen, ist sie ihrer Kollegin Inger Dam-Jensen bei McCreesh eindeutig überlegen. Martinis Tenor Knut Schoch hat gegenüber Paul Agnew einen schweren Stand, ist der Engländer doch durch die berückende Schönheit seiner Stimme und seine virtuose Meisterschaft im englischen und französischen Barockrepertoire für seine Generation gewissermaßen eine „Referenzbesetzung“. Doch auch Schoch hat bemerkenswerte sängerische Fähigkeiten und eine außergewöhnliche Stimme, gelegentliche Intonationstrübungen muss man angesichts der Live-Situation in Kauf nehmen, Tenorpartien sind eben doch immer wieder sängerischer Ausnahmezustand.

Fazit: Allein schon wegen des Mitwirkens jeweils der beiden Geschwister Andreas und Elisabeth Scholl in den beiden Aufnahmen muss man eigentlich beide Einspielungen besitzen, und im vergleichenden Hören wird man die verschiedenen Ansätze der beiden Ensembleleiter (bei vergleichbaren Voraussetzungen) als zwei einander bereichernde Facetten der Händel-Interpretation empfinden.

Vergleichsaufnahme:Andreas Scholl, Inger Dam-Jensen, Paul Agnew u. a. , Gabrieli Consort & Players, Paul McCreesh (Leitung), DG Archiv 459 688-2.

Detmar Huchting [17.08.2006]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G.F. Händel Solomon HWV 67 (Auschschnitte)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Ewa Wolak Solomon - Mezzosopran
Elisabeth Scholl Solomons Gemahlin - Sopran
Nicola Wemyss Königin von Saba - Sopran
Knut Schoch Zadok - Tenor
Matthias Vieweg Levit - Baß
Junge Kantorei Chor
Barockorchester Frankfurt Orchester
Joachim Carlos Martini Dirigent
 
8.557574-75;0747313257423

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