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CD-Besprechung

harmonia mundi HMC 901901

1 CD • 57min • 2005

21.11.2005

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Diese neue Bruckner-Aufnahme unter Kent Nagano ist um einiges besser gelungen als seine über weite Strecken monochrome, in den Tempi inkonsistente Produktion der Urfassung der Dritten (HMC 901817). Die meisten Klippen der vertrackten Sinfonie – die Habakuk Traber in seinem vorzüglichen Booklet-Text aus gutem Grund “Die Verkannte” nennt – umschifft Nagano geschickt: Die Tempo-Verhältnisse im ersten Satz sind weitgehend schlüssig, insbesondere der Übergang in das als “Langsamer” bezeichnete Gesangsthema (Tr. 1, 1’49, wo Dirigenten leicht in eine Falle tappen, wenn sie nicht merken, daß die Viertel des ersten Themas den Triolenvierteln des zweiten Themas entsprechen sollen) sowie die Beibehaltung dieses Tempos für die Schlußperiode (4’35). Allerdings traut sich auch Nagano nicht, bezüglich des Tempos vom ersten Thema auf die Partitur zu vertrauen, die dafür ein lokales, schnelleres Rahmentempo vorsieht. Sonst hätte Bruckner nicht die Reprise des Hauptthemas mit “Tempo wie anfangs” bezeichnet (8’58), vorbereitet durch ein Accelerando und Diminuendo, und auch in der Coda wären laut Partitur die letzten 17 Takte im “Tempo wie anfangs” zu nehmen. Nagano gleicht nun diese Kontraste auf übliche Weise aus, indem er das Tempo des Hauptthemas unmerklich dem des zweiten Themas annähert, anstelle des fraglichen Accelerando bereits früher das Tempo beschleunigt (ab 8’30) und auch in der Coda auf den Tempowechsel verzichtet. Eine Vorstellung von der Schwungkraft dieses Hauptthemas kann man bekommen, wenn man sich zum Vergleich das im Gestus recht ähnliche Anfangsthema der Italienischen Sinfonie von Mendelssohn in Erinnerung ruft. Auch der Anfang des Adagio ist etwas rasch (die Viertel sollten den ganzen Takten des späteren Scherzo entsprechen), doch findet der Satz bald zu stimmungsvoller Ruhe. Das Finale ist angemessen zügig und kämpferisch, doch die übliche, konventionelle Verlangsamung des Tempos der Gesangsperiode (Tr. 4, 1’42) will nicht einleuchten: Es handelt sich um eine Polka, und Bruckner verzeichnet zunächst noch keinen Tempowechsel; nur der Mittelteil mit dem Tristan-Zitat (2’19) wäre der Partitur nach “langsamer” zu nehmen.

Das Orchester spielt tadellos und mit hohem Einsatz. Schade nur, daß der Klang der Produktion wiederum so obertonarm und farblos ist; ein bißchen mehr Körnung, Brillanz und Wärme hätten dem Stück gut getan. Atmosphärisch ist die in vielem ähnlich angelegte Interpretation von Celibidache und den Münchner Philharmonikern (Live-Mitschnitt: EMI 5 56694 2) ungleich spannender und dichter. Sehr einnehmend wirkt freilich die (nicht einmal von Celibidache verwendete) Berücksichtigung der im 19. Jahrhundert ausnahmslos üblichen antiphonalen Aufstellung der Violinen, wie sie Bruckner von den Wiener Philharmonikern her kannte und für Aufführungen seiner Werke voraussetzte. Dadurch lösen sich viele der heiklen Balance-Probleme des Werkes; die Faktur klingt hier stets durchsichtig. Alles in allem also eine der besseren Einspielungen der Sechsten, vermittelnd zwischen eingeschliffenen Fehlern konventioneller Tradition und Aspekten historischer Korrektheit. Die Innenseite des Booklets bezeichnet das Faksimile auf dem Cover als “Beginn des Finales”, es handelt sich jedoch um eine Wiedergabe des Autographs der letzten Seite des ersten Satzes (Takte 359–369).

Dr. Benjamin G. Cohrs [21.11.2005]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Sinfonie Nr. 6 A-Dur WAB 106

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