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CD-Besprechung

K. Weill

Naxos 1 CD 8.557481

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 5

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Besprechung: 22.09.05

Naxos 8.557481

1 CD • 74min • 2004

In mehrerer Hinsicht problematisch ist diese neue Produktion mit den beiden Sinfonien, die Kurt Weill 1921 und 1933/4 komponierte. Schon der hier zugrundeliegende Notentext verfälscht Weills eigentliche Absichten, denn der Herausgeber David Drew leistete sich fundamentale Schnitzer, wie der Musikwissenschaftler und Dirigent Anthony Beaumont bei einem Vergleich der Partituren mit den Manuskripten bemerkte. In der erst 1956 posthum uraufgeführten ersten Sinfonie hat Drew eigenmächtig Dissonanzen abgemildert und die Instrumentation verändert; er konnte offenbar Weills Handschrift nicht richtig lesen und gab etliche Spielanweisungen und Tempoangaben des Manuskripts falsch wieder. Besonders problematisch ist sein Vorschlag, die Sinfonie sollte mindestens mit etwa 50 Streichern und verdoppelten Hörnern aufgeführt werden, obwohl Weill in der Regel für kleine Besetzungen schrieb und die erste Sinfonie mit wenigen Holzbläsern und nur vier Blechbläsern auskommt. Das Resultat ist ein dicker Klang, bei dem viele Details des Werkes auf der Strecke bleiben. Das kann man auch in dieser Einspielung hören, zumal Marin Alsop ausgesprochen behäbig und spannungsarm musizieren läßt – ein opulenter, wenig differenzierter, dumpfer Orchesterklang ist das Resultat.

Auch die zweite Sinfonie erklingt hier nicht so, wie es Weill beabsichtigt hatte. Auf Wunsch des Dirigenten der Uraufführung, Bruno Walter, hatte er nämlich im zweiten und dritten Satz weitere Schlagzeugpartien hinzugefügt, die Drew jedoch in seine Ausgabe nicht mit aufgenommen hat, obwohl Weill selbst immerhin in einem Brief an Lotte Lenya nach der Generalprobe zur Uraufführung am 11. Oktober 1934 bemerkt hatte, die Sinfonie klänge nun ganz fantastisch. Natürlich kann man Marin Alsop und dem Schott-Verlag nicht den Vorwurf machen, altbekanntes Aufführungsmaterial verwendet zu haben. Andererseits ist unter Weill-Kennern diese Problematik durchaus bekannt; die Neue Kurt Weill Gesamtausgabe wurde eben aufgrund der editorischen Probleme mit den alten Ausgaben ins Leben gerufen. Die dringend erforderliche kritische Neuausgabe der Sinfonien liegt bisher noch nicht vor, doch es wäre ein Gebot der Sorgfalt, in Zweifelsfällen die erhaltenen Originalquellen zu prüfen. Auch Claudio Abbado war sich seinerzeit nicht zu schade, für seine Gesamteinspielung der Schubert-Sinfonien die bekannten Ausgaben noch einmal aufgrund der Manuskripte korrigieren zu lassen...

Ärgerlicher ist jedoch, wie kraftlos auch die zweite Sinfonie bei Marin Alsop daherkommt. Mariss Jansons und die Berliner Philharmoniker haben eindrucksvoll gezeigt, was noch aus der problematischen Drew-Edition des Werkes herauszuholen ist – mit einer scharf konturierten, brillanten Live-Aufnahme von faszinierend-mitreißendem Drive aus dem Jahr 1997 (EMI 5 56573 2). Bei Marin Alsop klingt das Allegro molto (Tr. 1, 1’41) nach der allzu zurückhaltenden Einleitung trotz des angeschlagenen Tempos statisch und treibt nicht nach vorn, die Musik kommt nie wirklich zum Brodeln. Der zweite Satz wird larmoyant verschleppt, und das an sich quecksilbrige Finale bleibt insgesamt blaß und eindimensional. Aufgrund der Streicher-Übermacht hört man die Holzbläser nur in den solistischen Passagen oder über trockenen Begleitfiguren. Es ist eine solide musizierte, nie aufregende Produktion. Wer die Sinfonien so hören möchte, wie sie komponiert wurden, muß sich noch bis 2006 gedulden. Dann erscheint bei Chandos eine Neueinspielung mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Anthony Beaumont, der erstmals überhaupt den Originalzustand des Manuskripts wieder hergestellt und im Jahr 2004 für den Schott-Verlag umfangreiche Corrigenda-Listen der Drew-Ausgaben angefertigt hat, damit seine Forschungsergebnisse unabhängig von einer kritischen Neuausgabe der Sinfonien im Rahmen der Weill-Gesamtausgabe bereits jetzt für die Musizierpraxis zur Verfügung stehen.

Dr. Benjamin G. Cohrs [22.09.2005]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 K.  Weill Sinfonie Nr. 2 (Sinfonische Fantasie)
2 Sinfonie Nr. 1
3 Lady in the Dark – Symphonic Nocturne (Konzertsuite)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Bournemouth Symphony Orchestra Orchester
Marin Alsop Dirigent
 
8.557481;0747313248124

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