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CD-Besprechung

The Art of the Viola

The Art of the Viola

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 6

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 25.01.05

Naxos 8.557606

1 CD • 64min • 2004

Nach der Klarinette und dem Horn widmet sich Naxos in seiner Reihe „Philharmonic Soloists“ nun der Viola. Heinrich Koll, seines Zeichens Stimmführer der Wiener Philharmoniker und Mitglied des Philharmonischen Quartetts, stellt in fünf sehr unterschiedlichen Beispielen sowie einem spannend geschriebenen und sehr informativen Booklettext die Bandbreite der Viola vor. Sogar einige der unvermeidlichen Bratschenwitze finden sich darin, wobei Koll nicht mit augenzwinkernder Selbstironie spart.

Im Gegensatz zu den bereits erschienenen Editionen greift diese CD musikgeschichtlich weiter aus, freilich ohne die konservative ästhetische Haltung des Wiener Paradeorchesters anzukratzen. Mit der Bearbeitung einer Händel’schen Passacaglia durch Johan Halvorsen (1864-1935) findet sich auch ein Werk des Barock im Programm, freilich durch die Brille des 19. Jahrhunderts betrachtet. Wie skeptisch Koll der Originalklangbewegung gegenübersteht, wird zudem durch seine Aussage im Beiheft deutlich: „Und wenn man Halvorsens Werk hört, wird der Verdacht nicht geringer, daß die Zeiten für Ausübende und Zuhörer früher freudvoller waren.“

Das 20. Jahrhundert ist mit zwei Werken vertreten, Brittens Lachrymae op. 48 und Hindemiths erstem Bratschenwerk, der Sonate op. 11 Nr. 4, entstanden 1918. Daß Hindemiths Stück, immerhin das umfangreichste in dieser Edition, auf dem Cover fehlt, ist ein Schönheitsfehler, interpretatorisch braucht sich diese Interpretation nämlich nicht zu verstecken. Als erstes sei Kolls Ton erwähnt, samtig weich und dennoch sehr markant, der in allen Lagen iß und Charakter besitzt. Interessant ist der Vergleich mit der Aufnahme von Kim Kashkashian und Robert Levin (ECM New Series 1330). Denn wo Kashkashian und Levin mehr die atmosphärischen, impressionistischen Seiten dieses Werkes hervorheben, wird bei Koll und seiner Partnerin am Klavier, mehr der in diesem Frühwerk bereits angelegte spätere Hindemith mit seinen klanglichen Härten und seiner stark linear orientierten Klangsprache deutlich. Schade, dass Inui hinsichtlich ihres Anschlages nicht die Sensibilität von Levin besitzt.

Mit Beethovens Duett in Es-Dur mit zwei obligaten Augengläsern folgt ein zweisätziges Stück Hausmusik voll kauzigem Spielwitz. Koll und sein Partner am Violoncello, Milan Karanovic, spielen dieses unkomplizierte Werk mit viel hörbarer Freude. Daß zudem aufgezeigt wird, mit welcher formalen Akribie Beethoven auch in scheinbare Nebenwerke zu Papier brachte, ist ein schöner Mehrwert dieser spritzigen Interpretation.

Weniger gelungen sind dagegen Schumanns Märchenerzählungen op. 132. Den kurz vor Ausbruch seiner Geisteskrankheit entstandenen vier Sätzen fehlt es an der Herausarbeitung der Kontraste, welche zwischen unverhüllter Aggressivität und tiefer Melancholie schwanken. Koll, Inui und Peter Schmidl (siehe auch die Klarinetten-CD dieser Naxos-Reihe) spielen weich und gesanglich, insgesamt jedoch zu zahm und dynamisch zu flach. Was bleibt, ist ein Stück romantischer Kammermusik, nicht jedoch das Zeugnis einer in Musik übersetzten Lebenskrise.

Was die folgende Händel-Bearbeitung angeht: wohl kaum jemand spielt heute Barockmusik so – es sei denn, sie wurde im 19. Jahrhundert komponiert. Koll und seine Tochter Alexandra an der Violine schöpfen aus dem Vollen. Mit breitem Strich und viel Vibrato wird hier deutlich, wie sehr die Auffassung des 19. Jahrhunderts hinsichtlich der Spielkultur des Barock von der historischen Realität abwich.

Den Abschluss dieser interessanten CD bildet das anspruchsvollste der vorgestellten Werke, Benjamin Brittens LachrymaeReflections on a Song of John Dowland für Viola und Klavier. Die Interpretation dieses raffinierten Variationensatzes, in dem Britten erst nach und nach das Ausgangsthema enthüllt, beginnt atmosphärisch dicht und geheimnisvoll, um in der Folge ein Kaleidoskop an klanglichen Schattierungen freizulegen. Das Zusammenspiel ist in allen zwischen säuselnder Stille und markiger Schwere pendelnden Variationen gelungen.

Weniger befriedigend ist der Klang dieser CD. Werden die Instrumente bei den Streicherduos noch in transparenter und schlüssiger Raumaufteilung wiedergegeben, so klingen die klavierbesetzten Werke zu dicht und zudem zerrissen. Das Stereopanorama schiebt die Viola zu sehr auf die linke Seite, das Klavier befindet sich mehr auf der rechten. Ein schlüssiger Gesamtklang will sich nicht einstellen.

Insgesamt ist diese CD trotzdem mehr als ein klingendes Nachschlagewerk für Bratschisten. Sie präsentiert eines der am wenigsten wahrgenommenen Instrumente des europäischen Kulturraumes, ohne das unsere Klanglandschaft sich jedoch wohl anders entwickelt hätte.

Robert Spoula [25.01.2005]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 P. Hindemith Sonate F-Dur op. 11 Nr. 4 für Viola und Klavier
2 L.v. Beethoven Duo Es-Dur op. 11 Nr. 4 für Viola und Violoncello
3 R. Schumann Märchenerzählungen op. 132 für Klarinette, Viola und Klavier
4 G.F. Händel Passacaglia (Bearb. für Violine und Viola oder Violoncello)
5 B. Britten Lachrymae op. 48 (Reflections on a song by Dowland)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Heinrich Koll Viola
Madoka Inui Klavier
Peter Schmidt Klarinette
Alexandra Koll Violine
Milan Karanovic Violoncello
 
8.557606;0747313260621

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