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CD-Besprechung

Mendelssohn • Schumann

Renaud Capuçon

EMI 5 45663 2

1 CD • 58min • 2003

28.10.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 6
Klangqualität:
Klangqualität: 5
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Die Werke Robert Schumanns von 1853 – darunter das Violinkonzert – sind bis heute umstritten. Es ist in der Musikgeschichte singulär, dass die gesamte Jahresproduktion eines Komponisten wahlweise als „uninspiriert“, „künstlerisch bedeutungslos“ oder gar als „erstes Resultat der späteren Geisteskrankheit“ abgetan wurde. Das haben nicht zuletzt Clara Schumann, Joseph Joachim und Johannes Brahms mit zu verantworten, wie Michael Struck-Schloen in seiner 1984 erschienenen Dissertation „Die umstrittenen späten Instrumentalwerke Schumanns“ aufgezeigt hat. So „ging das Bemühen Clara Schumanns und ihrer Freude offenbar dahin, dass potentiell strittige Werke aus dem Jahr vor Krankheitsbeginn aus dem Blickpunkt des öffentlichen Interesses herausgehalten wurden.“ Clara ging sogar so weit, Anfang 1893 fünf Romanzen für Violoncello und Klavier Schumanns von 1853 zu verbrennen, „da sie befürchtete, sie würden nach ihrem Tode herausgegeben werden“, wie Johannes Brahms gleich darauf an den Wiener Kritiker Richard Heuberger schrieb.

Von einer differenzierten Rezeption der selten zu hörenden Spätwerke Schumanns ist man auch 20 Jahre nach Struck-Schloens Dissertation weit entfernt – offenbar besonders im französichen Sprachraum. Davon zeugt bereits Philippe Mougeots Booklet-Text dieser Neuproduktion, der dem kühnen, bis heute kaum verstandenen Violinkonzert arroganterweise „immerhin mehr als Gleichgültigkeit“ zubilligt... Unverständlich ist mir auch, warum Daniel Harding – den ich als stets gut vorbereiteten und auch vorzüglichen Schumann-Könner kennengelernt habe – ausgerechnet zu jener Partitur des Konzertes griff, die Hindemith und Schünemann in den Dreißiger Jahren bearbeitet haben. Wenn er gute Gründe dafür hatte, so werden sie im Beiheft nicht genannt und sind in der Einspielung selbst nicht hörbar. Einer solchen romantisierenden Bearbeitung hier nun mit Ideen und Kenntnissen der Aufführungspraxis zu Zeiten Schumanns (reduziertes Vibrato, beredte Phrasierung, kleine Besetzung) beikommen zu wollen, ergibt im Endergebnis geradezu eine Travestie des Konzerts, wenn man das Original kennt.

Der Solist Renaud Capuçon – über den man im Spar-Beiheft ebensowenig erfährt wie über den Dirigenten und sein Orchester – spielt beide Konzerte, wie sie vielleicht auch Virtuosen der vierziger Jahre gespielt haben würden: mit erheblichem Vibrato und völlig an der Violintradition von Joseph Joachim vorbei, für den das Werk immerhin geschrieben worden war. Joachim rechnete übrigens noch mit einer einigermaßen reinen Intonation, die in Berlin auch zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch unterrichtet wurde, bis sie durch die Violinschule von Carl Flesch 1923 ins Wanken geriet und bald zugunsten einer an das Klavier angenäherten Intonation verschwand – kein Wunder, meinte doch Flesch, es käme nicht so sehr darauf an, rein zu intonieren, als darauf, den Eindruck zu erwecken, man würde rein intonieren. Das Vibrato diente folglich alsbald und bis heute zur perfekten Verschleierung des Unvermögens von Streichern zur harmonisch reinen Intonation. Schade, daß Orchester und Solisten heutzutage nicht die Zeit und Mühe auf sich nehmen, an solchen Dingen zu arbeiten; Ausnahmen wie das RSO Stuttgart, daß auch seine Intonationsfähigkeiten durch das von Roger Norrington geforderte non vibrato erweitern mußte, bestätigen die Regel.

Das rauhe, volle Timbre von Capuçons Geigenton ist zwar durchaus beeindruckend, doch sein Musizieren wirkt ungeachtet der kompetenten Spieltechnik insgesamt eigenartig störrisch. Weitaus überzeugender ist das Engagement von Daniel Harding, der seinem Mahler Chamber Orchestra immer neue Steigerungen und musikantische, den Hörer einnehmende Gesten abverlangt. Allerdings habe ich den Eindruck, das Orchester habe insgesamt noch nicht zu seinem wahren pianissimo gefunden. Der Klang ist unnatürlich, scharf, sehr direkt und wirkt eigenartigerweise eher vertikal als horizontal gestaffelt. Die Vorzüge der glücklich gewählten traditionellen Orchesteraufstellung Mendelssohns im Gewandhaus mit im Raum klar ortbaren Streichinstrumenten (erste Violinen – Celli – Violen – zweite Violinen) werden durch die direkte Abnahme und den klumpigen Gesamtklang stark reduziert. Der Solist wird klanglich so abgebildet, daß sein Instrument auf der gleichen Ebene mit den Streichinstrumenten zu sein scheint. Ein Hörer haben, der in der ersten Reihe in der Mitte sitzt, dürfte einen ähnlichen Eindruck haben, wenn der Solist direkt vor ihm steht, während das Orchester auf einem Podium sitzt. Und kommen die vielen, oft störenden Atemgeräusche an Phrasen-Anfängen vom Dirigenten oder vom Solisten?

Dr. Benjamin G. Cohrs [28.10.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Felix Mendelssohn Bartholdy
1Konzert e-Moll op. 64 für Violine und Orchester
Robert Schumann
2Konzert d-Moll WoO 1 für Violine und Orchester

Interpreten der Einspielung

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