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CD-Besprechung

Hungaroton HCD 32013

1 CD • 68min • 2002

22.04.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 6
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Der Ungar Sándor Veress wird heute vor allem als eines der wichtigsten Bindeglieder der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Der 1907 geborene Schüler von Bartók und Kodály, der unter anderem György Ligeti und György Kurtág unterrichtete, war aber auch eine starke künstlerische Persönlichkeit, die sich ebenso wie Bartók und Kodály mit den folkloristischen Wurzeln der Musik Ungarns beschäftigte.

Die vorliegende CD zeugt davon. Zudem präsentiert sie ein sehr weites Spektrum aus Veress’ musikalischem Leben, zwischen dem frühesten und dem spätesten der hier vorgestellten Werke liegen nicht weniger als 69 Jahre. Das führt naturgemäß zu einer Zerrissenheit, die durch die offensichtlich zufällige Reihenfolge der Werke noch verstärkt wird. Über letztere, und auch, warum in die Werkschau von Veress noch ein frühes Werk von Arthur Honegger gemischt wurde, schweigt sich das Booklet aus.

Wer nicht die vorgegebene Reihenfolge wählt, sondern die insgesamt fünf Werke aus jeweils einem Jahrzehnt chronologisch hört, dem offenbart sich die erwähnte Zerrissenheit auf andere, sinnvolle Weise, nämlich als der Übergang einer noch stark vom 19. Jahrhundert geprägten Klangsprache in die (beinahe) Gegenwart.

So gesehen beginnt diese CD also mit einer Musik, die zu Beginn entfernt an Brahms’ dritte Sinfonie denken lässt. Das noch ganz im tonalen Raum verbleibende, 1924 entstandene Trio in b-Moll wird vom Trio Takács-Nagy (dem ehemaligen Primus des Takács-Quartetts), Rosenfeld und Várjon mit viel emotionaler Schwere und nicht ohne Pathos musiziert. Eine durch ihre volksmusikalischen Wurzeln ebenfalls noch tonale Welt betreten die über 20 Jahre später geschriebenen Canti Ceremissi – Volkslieder nach Transkriptionen von Kodály, bei denen Veress eine Klavierstimme unter das Original setzte. Katalin Halmai singt die zum Teil recht traurigen Texte mit viel Hingabe und Tiefe. Ihr kraftvolles, leicht dunkel gefärbtes Timbre paart sich mit großen dynamischen Reserven sowie einer klaren Deklamation und gibt diesen Liedern, die durch ihre Mischung aus luzider Gesangslinie und stimmungsvoller Klavierbegleitung an die Volksliedbearbeitungen Ravels erinnern, eine geheimnisvolle, von stillem Fernweh getränkte Bedeutung.

Eine ganz andere Welt, die stellenweise an die Mikropolyphonie Ligetis erinnert, betritt das Klaviertrio aus dem Jahre 1963. Die lineare Satztechnik im ersten, die dichten, fast clusterartigen Satzballungen im zweiten, vor allem aber die ebenso eckige wie tänzerische Rhythmik im dritten Satz zeugen von der Entwicklung, die Veress’ Musik inzwischen durchgemacht hat. Das Trio Takács-Nagy, Rosenfeld und Várjon gestaltet diese Musik mit ebenso großer Konzentration wie Spielfreude. Die spröde Satztechnik wird vor allem im dritten Satz zum Mittel einer seltsam heiteren Musik. Es wirkt, als habe sich Schönbergs Konstruktivismus hier mit Schostakowitschs Sarkasmus gepaart.

Die seltene Besetzung Klarinette, Violine und Violoncello ist in der Introduzione e Coda aus dem Jahre 1972 zu hören, einer flächigen, größtenteils sehr ruhigen Musik. Die drei Musiker agieren mit hoher Sensibilität und viel Gefühl für die Nuancen des Leisen. In der Coda, wo die Töne plötzlich aus einem Traum erwacht zu sein scheinen, flieht die von einer gespenstischen inneren Motorik getriebene Musik regelrecht ihrem Ende entgegen.

Den chronologischen Abschluss bildet das 1983 aus Anlass des 25. Jahrestages der Hinrichtung von Imre Nagy und Pál Maléter 1956 entstandene Duo für Viola und Kontrabass. Diese vom ungarischen Emigrantenverein Dies Academicus Hungarius Academiensis aus Anlass seiner 3. Konferenz in Auftrag gegebene Trauermusik atmet durch die dunklen, fahlen Klangfarben und den kargen Satz eine Aura der Leere und der Hoffnungslosigkeit. Claudio Veress (ein Nachkomme des Komponisten? – das Beiheft weiß über die Interpreten nichts zu sagen) und Zsolt Fejérváry spielen diese Musik mit der persönlichen Intensität eines intimen Zwiegespräches, in welches man als Hörer nur aus einer gewissen Distanz hineinhört. Gegen Ende lassen Veress und Fejérváry die Musik gleichsam in die feuchte Stille eines Grabes hinwegsickern.

Die Klangqualität dieser Aufnahme ist etwas flach, gibt die Instrumente aber gut wieder. Probleme bereitet mir hingegen die Covergestaltung. Zwar wird im Booklet auf den Zusammenhang zwischen dem 1683 entstandenen Gemälde Et in Arcadia ego von Nicolas Poussin und dem Klaviertrio aus dem Jahre 1963 hingewiesen, dennoch passen Cover- und Musikästhetik überhaupt nicht zusammen.

Robert Spoula [22.04.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Sándor Veress
1Klaviertrio (Drei Gemälde, 1963)
2Klaviertrio b-Moll (1924)
Arthur Honegger
3Klaviertrio f-Moll (1914)
Sándor Veress
4Canti Ceremissi – Volkslieder für Singstimme und Klavier (1945)
5Memento für Viola und Kontrabaß (1983)
6Introduzione e Coda für Klarinette, Violine und Violoncello (1972)

Interpreten der Einspielung

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