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CD-Besprechung

R. Schumann

Teldec 2 CD 2564 61179-2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 11.03.04

Teldec 2564 61179-2

2 CD • 2h 20min • 2003

Diese Neueinspielung der vier numerierten Schumann-Sinfonien in ihren Letztfassungen ist in verschiedener Hinsicht sehr hörenswert, hinterläßt bei mir aber einen zwiespältigen Eindruck. Musikalisches Ausdrucksvermögen mag eine Sache der Begabung, des Geschmacks und der Erfahrung sein, aber meines Erachtens ist auch eine Auseinandersetzung mit den Determinanten einer Komposition unabdingbar – mit dem, was heute „historische Informiertheit“ genannt wird. Und da wundert mich doch, wie wenig sich manche Künstler – zum Beispiel Daniel Barenboim – offenbar dafür zu interessieren scheinen. Das betrifft nicht einmal so sehr die Grundhaltung, den sogenannten „Interpretationsansatz“: Es ist durchaus reizvoll, wie Barenboim diese Sinfonien mit der Freiheit und Klangvorstellung eines am Klavier Gestaltenden angeht. Da gibt es geschmackvoll angelegte Rubati, Temporückungen, viele wirkungsvolle Effekte und Ergänzungen in der Dynamik. Andererseits offenbart sich beim Hören mit der Partitur auch immer wieder ein grundlegendes Unverständnis, was die Musiziervorgaben der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angeht – die Roger Norrington jüngst in seinen Einführungen zu dem phänomenalen neuen Zyklus der Beethoven-Sinfonien mit seinem RSO Stuttgart eindringlich und anschaulich erläutert hat.

Dies betrifft insbesondere die Charaktergebung durch Tempowahl und die Gewichtung der Noten in ihren Gruppierungen. Viele sogenannte romantische Komponisten waren dem Ideal der „Klangrede“ noch in natürlicher Weise verpflichtet: Franz Liszt etwa gestaltete in seiner Dante-Sinfonie (1855) das Anfangsthema der Bläser so, dass es sich mit den in der Partitur aus gutem Grund abgedruckten Worten Dantes „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate“ unterlegen ließ; er phrasierte diese Musik genau im Tonfall der Worte und unterstützte diese „Beredtheit“ durch genaue Angaben zur Artikulation der einzelnen Noten. Man kann an der Art, wie und dass überhaupt Komponisten des 19. Jahrhunderts spieltechnische Angaben in ihren Werke machten, also erkennen, dass die Selbstverständlichkeit der „Klangrede“ bereits im Abklingen war: Sie sahen sich nämlich genötigt, den Ausführenden immer mehr Details vorzuschreiben.

Umgekehrt kann man davon ausgehen, dass zuvor die Komponisten viele Dinge nicht in ihre Noten schrieben, da sie noch von einer korrekten Ausführung ausgehen, diese bei den Musikern voraussetzen konnten. Schumann hat beispielsweise das Eröffnungsthema seiner Frühlings-Sinfonie 1841 nicht so akribisch bezeichnet wie Liszt, doch ist es, wie namhafte Schumann-Forscher nachgewiesen haben, ebenfalls textierbar – mit einer Zeile aus dem Gedicht von Adolph Böttger, das ihn nach eigener Auskunft zu dem Werk inspiriert hat: „O wende, wende Deinen Lauf: Im Tale blüht der Frühling auf!“

Die Semantik dieses musikalischen Mottos ist nicht weniger konzis als das von Liszts Dante-Sinfonie. Jeder Interpret, der in der Klangrede zu Hause ist, würde den Charakter solcher Themen treffen, auch wenn er die unterlegten Textzitate nicht kennt. Wenn jedoch diese Dimension als unwichtig angesehen wird, fällt das Resultat sicher ähnlich aus wie bei Barenboim: Der Tonfall der Phrase wird dem subjektiven „Gestaltungswillen“ unterworfen und klingt dann, wenn man nicht zufällig das Richtige trifft, gerade so, als wenn man den obigen Satz mit falschen Betonungen deklamiert. Dies ist umso eigenartiger, da viele Dirigenten auch mit Sängern arbeiten und in der Oper eine falsche Deklamation nie durchgehen lassen würden. Viele solcher beredten Passagen werden dadurch ihrer Wirkung beraubt. Diese Unsensibilität gegenüber der Rhetorik hat im Gegenteil sogar oft die Konsequenz, dass die gern von Kritikern beschworenen „großen Bögen“ eher zerschlagen werden, denn da, wo die Schwere-Wirkungen von Phrasen aufgehoben werden, wachsen klangliche Mauern und verhindern beispielsweise das Schwingen der Musik über mehrere Takte hinweg.

Ein gutes Beispiel dafür ist der erste Satz der vierten Sinfonie (CD II, Tr. 6, insbesondere ab 6’14): Das Allegro wirkt ungemein fest, weil die meisten Töne gleich stark betont werden (wenn nicht gerade die Anweisungen Schumanns ausdrücklich dagegen sprechen), anstatt die Abschlussnoten von Phrasen zurückzunehmen; viele Sechzehntel wirken wie automatisiert herunter gedroschen. Und wer in der Romanze dieser Sinfonie die kleinen Noten der Punktierungen nicht triolisch nimmt, wie es die Triolen des Themas und das spätere Aufgreifen der Einleitungs-Achtel des Kopfsatzes nahelegen, ignoriert zumindest die Meinung zahlreicher namhafter Forscher wie auch Dirigenten (vergleiche CD II, Tr. 7, z.B. 0’42) und demonstriert eine falsch verstandene Werktreue.

Ein solches Nicht-Wissen lässt sich mit dem Hinweis auf die subjektive Gestaltungshoheit einer Künstlernatur meiner Meinung nach nicht entschuldigen. Auch das Einhalten bestimmter Vorgaben, mit denen der Komponist selbst rechnete – selbst dann, wenn er sie nicht immer ausdrücklich notierte –, lässt dem Interpreten noch einen breiten Spielraum. Ich kann mich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass viele konservative Interpreten nur deshalb Erkenntnisse der informierten Aufführungspraxis ignorieren, weil sie sich nicht zuletzt auch hinsichtlich eigener Defizite bloßgestellt fühlen. So etwas mag dann zu derartigen Tempo-Eigenmächtigkeiten führen, wie Barenboim sie hier Schumanns Musik aussetzt – vielen Metronomangaben des Komponisten diametral entgegen gesetzt.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht insbesondere die vierte Sinfonie, die mich in der hier vorgelegten Einspielung am wenigsten überzeugt: Zäh schleppen sich die Einleitung zum ersten Satz, die Romanze und das Trio im Scherzo dahin – fast wie eine Celibidache-Imitation, ohne dass dessen durchdringende Gesamtschau des Werkes, dessen Gespür für das richtige Tempo im Verhältnis zur Größe des Klangkörpers und zur Beschaffenheit der räumlichen Umgebung erreicht würde. Die erste Sinfonie wirkt ähnlich bedenklich, wenn auch nicht ganz so freizügig in den Details – wobei das merklich gebremste Finale allzu teutonisch, etwa Klemperer-ähnlich – herüberkommt. Am meisten überzeugt mich Barenboim mit seiner stringenten Darstellung der zweiten Sinfonie – also ausgerechnet bei der von vielen als besonders problematisch bezeichneten Sinfonie – und der „Rheinischen“, wo er sich erfreulicherweise nicht scheut, die Brüche und manche regelrecht groteske Details bis zum Letzten auszureizen.

Besonders positiv finde ich auch, dass Barenboim sein Orchester in der traditionellen Sitzordnung des Gewandhausorchesters aufstellen ließ, für das diese Werke im Wesentlichen komponiert worden waren. Das löst viele Balance-Probleme überzeugend und legt auch die durchbrochene, kontrapunktisch immer wieder dichte Faktur des Streichersatzes frei. Man nimmt die Dialoge der beiden Violingruppen links und rechts hier deutlich wahr. Wohltuend für das Ohr ist auch die Austarierung der Instrumental-Gruppen: Die Blechbläser sind hier sehr zurückhaltend in den Gesamtklang eingebettet; das hat heutzutage schon fast Seltenheitswert. Das Klangbild gründet auf den Streichern – die mit dem Vibrato erfreulich zurückhaltend sind –, läßt aber stets die Holzbläser zu ihrem Recht kommen. Die Plastizität der Aufnahme macht es sogar möglich, beim Verschmelzen von Blas- und Streichinstrumenten (z. B. Flöte gemeinsam mit der Violine; Klarinette mit dem Cello etc.) die beteiligten Partner jeweils räumlich zu verorten, die Gesamt-Farbe aber trotzdem als solche wahrzunehmen.

Leider ist der Gesamtklang vor allem im Bassbereich recht stumpf, die Feinabstufung der Lautstärkegrade insbesondere von mezzoforte an aufwärts lässt zu wünschen übrig, und die dumpfen fortissimo-Tutti dröhnen mitunter. Im Ganzen eine musikalisch zwar deutlich überdurchschnittliche Einspielung mit vielen Meriten und Schönheiten, aber zumindest von meiner Seite auch mit Fragezeichen.

Dr. Benjamin G. Cohrs [11.03.2004]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 R. Schumann Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 (Frühlingssinfonie)
2 Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61
3 Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 (Rheinische)
4 Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Staatskapelle Berlin Orchester
Daniel Barenboim Dirigent
 
2564 61179-2;0825646117925

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