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CD-Besprechung

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109

RCA 2 CD/SACD surround 82876 54332 2

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 27.08.03

Klassik Heute
Empfehlung

RCA 82876 54332 2

2 CD/SACD surround • 2h 11min • 2002

Eine Bruckner-Produktion der Sonderklasse legt Nikolaus Harnoncourt zum Einstand bei seiner neuen CD-Firma RCA/BMG vor: Die Wiener Philharmoniker spielen unter seiner Leitung Anton Bruckners 9. Sinfonie auf noch nie dagewesene Art und Weise. Im Rahmen dieses Live-Mitschnitts von den Salzburger Festspielen (August 2002) hatte Harnoncourt nämlich in einem Gesprächskonzert auch jene ,Dokumentation des Finale-Fragments‘ erneut aufgeführt, die John A. Phillips im Musikwissenschaftlichen Verlag Wien vorgelegt hat und die der Dirigent bereits 1999 in Wien uraufgeführt hatte. Diese Partitur dokumentiert den erhaltenen Letztstand des ursprünglich wohl fertig komponierten, aber nicht abschließend instrumentierten Finalsatzes, dessen Manuskripte nach Bruckners Tod von Andenkenjägern in alle Winde verstreut wurden und die heute in Teilen verloren sind. Dementsprechend bleiben in dieser für Werkstattkonzerte konzipierten, unfertig belassenen Partitur fünf Lücken, die zur Erläuterung durch einen Sprecher oder den Dirigenten genutzt werden sollen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Schallplatte wurden also die fertiggestellten drei Sätze der Neunten mit dem erhaltenen Rest des Finales in seriös wissenschaftlicher Aufarbeitung kombiniert – bis zum Abbruch der Partitur immerhin 526 Takte Musik von Bruckner selbst. Es ist gut, dass die 35-minütige Dokumentation sowohl in deutscher wie auch in englischer Sprache aufgenommen wurde und deshalb auch dem internationalen Markt zur Verfügung steht – und zwar nicht, wie oft üblich, als ,Bonus-CD‘, sondern als integraler Bestandteil des Konzepts. Hier scheint ein sachgerechtes Denken, wie es einige kleinere Labels – beispielsweise Telarc in Gestalt der Mahler-Projekte von Benjamin Zander – bereits seit Jahren pflegen, endlich auch Einzug bei den ,Majors‘ gefunden zu haben.

Nikolaus Harnoncourt plädiert nachdrücklich für Bruckners kühnes, eigenes Konzept eines vierten Satzes, der bisher weitgehend ignoriert wurde. Der langjährige Pionier der Aufführungspraxis, dessen weltbekanntes Concentus musicus Wien in diesem Jahr sein fünfzigstes Bestehen feiert, ist ohnehin für die gründliche Vorbereitung seiner Projekte bekannt. Auch hier berücksichtigt er den allerneuesten Forschungsstand, der im Falle der neunten Sinfonie seit 1994 in verschiedenen Veröffentlichungen des Musikforschers John Alan Phillips und des Dirigenten Benjamin-Gunnar Cohrs im Rahmen der Bruckner-Gesamtausgabe dokumentiert ist. So verwendete Harnoncourt selbstverständlich die Partitur der kritischen Neuausgabe des 1. bis 3. Satzes, die Cohrs im Jahr 2001 vorlegt hatte und die Irrtümer früherer Ausgaben korrigiert. Der Herausgeber konnte für diese Produktion dankenswerterweise auch als Booklet-Autor gewonnen werden. Die Zusammenarbeit von Musikforschung, Musikausübung und Produktionsfirma ist also vorbildlich und richtungsweisend. Das Beiheft ist mit Musikbeispielen und Faksimili reich ausgestattet und liefert sogar jene 52 Takte Coda-Skizzen nach, die Harnoncourt sich leider nicht entschließen konnte aufzuführen, wohl weil sie nicht mehr in Partitur vorhanden sind.

Die Aufführung der neunten Sinfonie (1.-3. Satz) bewegt sich im Spannungsfeld der langjährigen Erfahrung der Wiener Philharmoniker einerseits, des beredt artikulierten Musizierstils von Harnoncourt andererseits. Die Sinfonie klingt deutlich durchhörbarer als in vielen anderen Einspielungen. Ein wenig von dieser Durchsichtigkeit mag auch auf das Konto der Neuausgabe gehen, die an einer Stelle im ersten Satz sogar mit ein paar neu entdeckten Tönen der Pauke aufwartet (CD II, Tr. 1, 12’38). Harnoncourt bringt Bruckners Musik zum Schwingen, ohne die große Linie aus den Augen zu verlieren. Die Tempi sind vergleichsweise zügig, aber nicht gehetzt. Manchmal irritiert Harnoncourts Lesart, wenn man die Partitur heranzieht. Stellen wie der Übergang zur Wiederkehr des Hauptthemas im ersten Satz (CD II, Tr. 1, nach 13’55) können sicher live einmal verwackeln, wie hier zu hören. Unangebracht wirkt aber der lange Einschnitt im dritten Satz vor Beginn der letzten Steigerung, der hier die Wirkung einer nicht in der Partitur stehenden Generalpause hat (CD II, Tr. 3, 16’54) – wenn es sich nicht um einen Schnittfehler handelt.

Lobenswert ist die Inititative der Wiener Philharmoniker für den vierten Satz. Man hört der Produktion mitunter an, daß bei diesem Satz noch keine Spielerfahrung besteht, wie Harnoncourt in seinen mitreißenden Ausführungen auch erklärt. Manches in der Musik scheint dem Orchester wenig zu sagen – das todesnahe, doppelt punktierte Seitenthema beispielsweise, das die Violinen spannungslos herunterspielen (CD I, Tr. 2, nach 2’45). Der Vergleich mit der Partitur ergibt auch manch falschen Ton (z.B. CD I, Tr. 2, Trompeten, ca. 2’12). Dennoch ist die Wichtigkeit dieser Produktion nicht hoch genug einzuschätzen. Sie gehört als Referenz-Einspielung in jede Bruckner-Sammlung – nicht zuletzt, weil auch der Klang fabelhaft ist. Die Neunte (CD II) wurde in Direct-Stream-Digital- und Multikanal-Technik eingespielt und ist als Super-Audio-CD erschienen. Sie kann sowohl auf normalen CD-Spielern wie auch auf DACD- und SACD-Surround-Anlagen wiedergegeben werden.

Dr. Sören Meyer-Eller [27.08.2003]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Bruckner Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Wiener Philharmoniker Orchester
Nikolaus Harnoncourt Dirigent
 
82876 54332 2;0828765433228

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