Georg Philipp Telemann
Sieg der Schönheit
Akademie für Alte Musik Berlin • Michael Hofstetter
cpo 555 693-2
2 CD • 2h 36min • 2024
16.04.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Georg Philipp Telemann trat 1721 die Stelle des Director Musices der Stadt Hamburg und Kantor am Johanneum an. Damit war der Workaholic jedoch nicht ausgelastet, sodass er ein Jahr später auch die Leitung der „Oper am Gänsemarkt“ übernahm. Als Debütwerk in dieser neuen Rolle, die er bis 1738 bekleiden sollte, wählte er Triumph der Schönheit auf ein Libretto von Christian Heinrich Postel (1658-1705), in dem die Eroberung Roms des Jahres 455 durch die Vandalen den Hintergrund für komplexe Liebesverwirrungen abgibt. Dass dieses äußerst abwechslungsreiche und farbige Werk erst jetzt eingespielt wurde – und dies exzellent – liegt an seiner komplexen Überlieferungsgeschichte.
Prunkvolles Intendantendebüt
Da bereits andere Opern Telemanns in Hamburg aufgeführt worden waren, musste das erste für das offizielle Debüt in der Hansestadt bestimmte Werk selbstverständlich besonders prunkvoll sein. So benötigt das Werk 10 Solisten, darunter 1 Tenor, 3 Baritone, 1 Bass, was es von Händels Bevorzugung der hohen Stimmen deutlich unterscheidet. Kastraten waren nämlich in lutherischen Landen verpönt und wohl auch außerdem zu teuer. Das Orchester ist mit 3 Blockflöten, 2 Querflöten, 2 Oboen, 2 Fagotten, 2 Trompeten, 2 Hörnern, Pauken und Streichern üppiger als in London üblich besetzt und bietet so ausreichend Farben für den Klangmaler Telemann.
Leider ist die originale Partitur nicht erhalten, Telemann veröffentlichte nur die schönsten Arien in reduzierter Besetzung. Woher er die Zeit nahm die Kupferplatten eigenhändig zu stechen, bleibt sein Geheimnis. Allerdings existiert eine Abschrift, die für die Aufführung in Braunschweig 1728 eingerichtet wurde, wobei die Stimmumfänge der Rezitative und Arien durch Transposition auf das dortige Ensemble angepasst werden mussten. Wie stark die dortigen Hofmusiker – darunter Carl Heinrich Graun – in die Substanz eingriffen, ist im Nachherein nicht mehr exakt zu ermitteln.
Revue der Liebe und Gewalt
In der vorliegenden Fassung hat Sieg der Schönheit den Charakter einer barocken Revue mit reichlich Action. Wir haben: eine große Schlacht zu Beginn, 3 Fechtszenen und 4 Liebespaare, die nach mehr oder weniger großen Widerständen zueinander finden. Kaiserin Eudoxia will zunächst keine dritte Ehe mit Gensericus, dem Vandalenkönig Geiserich eingehen. Ihre Tochter Pulcheria (historisch: Eudocia) liebt Honoricus (Hunerich), den vandalischen Kronprinzen. Der findet sie aber erst begehrenswert, als sie sich ihm als ihr angeblicher Zwillingsbruder Formosus nähert. Pulcherias jüngere Schwester Placidia ist mit Olybrios verbandelt, wird aber vom adligen Vandalen Helmiges begehrt, der sie in einem Duell mit Olybrios zwar gewonnen hat, schließlich jedoch die raffinierte kaiserliche Dienerin Melito abbekommt. Turpino, der Diener Hunerichs kommentiert das Geschehen als Vorläufer des Leporello höchst witzig von der Seitenlinie, bekommt aber – wie auch der überzeugte Single General Trasimundus – keine Schöne ab. Das Ganze wird von Balletteinlagen zusätzlich abgerundet. Das flammende Inferno mit einstürzender Stadtmauer, sowie mehrere Szenenwechsel pro Akt fordern die Bühnentechnik.
Wer im Libretto mitliest, was absolut zu empfehlen ist, kann sich zudem an den unterschiedlichen Sprachebenen der Barockpoesie von gestelztem schlesischen Prunkstil der Standespersonen à la Lohenstein bis zur Umgangssprache Turpinos amüsieren, wobei heute manches unfreiwillig komisch wirkt.
Affektgewitter
Hinsichtlich der musikalischen Umsetzung sind neben der überaus phantasievollen Instrumentation, die zahlreichen Duette prägend, die man in der italienischen Tradition eher aus weltlichen Kantaten gewohnt ist. Ebenso originell die Ariosi, die steigernd auf die nachfolgende Arie hinführen. Wenn zwei Protagonisten im Rezitativ dasselbe fühlen, singen sie es auch gemeinsam.
Telemann beherrscht hier sowohl das tragische Genre (CD I,12 Siciliano, II,6 Gebet Rat) ambivalente Stimmungen mit raschen Dur-Moll-Wechseln (II,14) als auch Komisches in den drei Arien des Turpino. Berührend die „Sterbeszene“ von Pulcheria/Formosus (III, 22) im dritten Akt. Insgesamt eine höchst gelungene Mischung aus melodramatischen italienischen Elementen und in den von Tanzformen inspirierten dem Französischen zuneigenden Arien.
Höchstklassige Interpretation
Michael Hofstätter, die Akademie für Alte Musik Berlin und das durchweg zumindest gut agierende Sängerensemble lassen die drei Stunden Spielzeit wie im Fluge vergehen. Alle Pulte sind brillant besetzt und man hört geradezu die Lust mit der hier gestaltet wird.
Unter den Sängerinnen gebührt Pulcheria Anna Willerding mit ihrem runden, technisch elegant geführten lyrischem Sopran die Palme. Dicht verfolgt wird sie hierin von Emilie Renard als Melito mit sicher geführtem lyrischen Mezzo. Sumhae Jun ist als Soprano leggiero mit der großen Rachearie der Placidia (II, 4) definitiv überfordert, klingt jedoch angenehm, wenn man sie nicht zum Forcieren zwingt. Honoricus, der Counter Terry Wey wirkt zu Beginn recht blass, hat jedoch in seiner „Verzweiflungsszene“ (III, 24.25) höchst anrührende Momente.
Ludwig Obst kämpft als Helmiges mit der für einen hohen lyrischen Tenor unbequemen tiefen Tessitura, macht aber das Beste daraus, indem er die Verzierungen der Da Capos höher legt und so mit dem Pfund seiner unverspannt-kopfigen Höhe und seiner vorzüglichen Geläufigkeit punkten kann. Gerade die melancholischen Momente gelingen ihm besonders schön. Der fast heldenbaritonale Marko Pantelic kämpft als Olybrios mit der verschnörkelten Sprache, was ihm Probleme bei der Phrasierung langer Legato-Bögen bereitet. Das musikalische Material ließe durchaus mehr Balsam zu. Dominik Königer ist für den Kriegerkönig Gensericus – dem man ein paar seiner Soli strich – eine Spur zu hell und schlank timbriert, mischt sich dafür aber hervorragend mit seiner Eudoxia in den Duetten.
Dietrich Henschel, Bassbariton mit fulminanter Höhe, dürfte als witzig-lüsterner Turpino wohl den größten Applaus eingeheimst haben. Dass er seine derb-komische Rolle ohne jegliches Outrieren mit rein sängerischen Mitteln gestaltet, ehrt ihn besonders.
Johannes Stermann überzeugt in der ziemlich zusammengestrichenen Rolle des Trasimundus.
Präsentation
Das Booklet, für das der Herausgeber des Werks in der Telemann-Gesamtausgabe, Wolfgang Hirschmann, gewonnen werden konnte überzeugt mit wichtigen Hintergrundinformationen zur Werkgeschichte. Die Aufnahmetechnik hätte die Sänger gerade in den Duetten etwas besser ausbalancieren können. Gut, der Download-Link zum vollständigen Libretto, das sich auf dem Tablet wesentlich angenehmer liest als in 8-Punkt-Schrift im Beiheft.
Fazit: Wer sich bei Händels Sopran-Alt-Orgien zu langweilen pflegt, sollte womöglich zu Telemann greifen. Ich habe mich bei meinen zwei kompletten Hördurchgängen nie übersättigt gefühlt. Daher eine ganz große Empfehlung für drei Stunden Entertainment am Stück!
Thomas Baack [16.04.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Georg Philipp Telemann | ||
| 1 | Sieg der Schönheit TWV 21:10 (Singspiel in drei Akten) | 02:56:04 |
Interpreten der Einspielung
- Lydia Teuscher (Eudoxia - Sopran)
- Sunhae Im (Placidia - Sopran)
- Anna Willerding (Pulcheria - Sopran)
- Emilie Renard (Melite - Mezzosopran)
- Marco Pantelić (Olybrius - Bariton)
- Dominik Köninger (Gensericus - Bariton)
- Terry Wey (Honoricus - Countertenor)
- Ludwig Obst (Helmiges - Tenor)
- Johannes Stermann (Trasimundus - Baß)
- Dietrich Henschel (Turpino - Bariton)
- Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester)
- Michael Hofstetter (Dirigent)
