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ARD-Musikwettbewerb

Sängerfest

Semifinale im Fach Gesang beim 70. ARD-Musikwettbewerb

Von allen Sparten erfreute sich das Fach Gesang beim ARD-Musikwettbewerb der größten Beliebtheit. Von den 384 Sängern, die ihre Videos eingesandt hatten, wurden 72 nach München zum Live-Vortrag eingeladen, davon erreichten acht das Semifinale. Für alle Teilnehmer stand dabei das Pflichtstück Wait von Isabel Munrdy auf dem Plan. Es ist eine „Vocalise du Concours“ in vier Sätzen für Singstimme solo, die sich – was den Umfang mit gut anderthalb Oktaven anbelangt – durchaus sängerfreundlich gibt. Sie besteht aus Wortfetzen, Glissandi, dezidiert abzusprechenden Verschlusslauten (t,b,p), Tonwiederholungen, etwas Mikrointervallik und vor allem aus schwer zu treffenden Sprüngen. Es gelangten davon nur die Teile 1, 2 und 4 zur Aufführung, da die Teilnehmer sich auf zwei Sätze beschränken mussten. Die Aufgabe selbst ist keinesfalls undankbar, denn man kann entweder gestenreich eine Geschichte erzählen oder mit den Prachttönen des eigenen Timbres in allen dynamischen Abstufungen prunken, was beides einen etwas freieren Umgang mit dem Notentext bedingt. Oder man versucht, das Notierte möglichst genau umzusetzen.

Lubov Karetnikova (Lettland/USA) gelang eine frische und trotzdem beseelte Interpretation der Adler-Arie aus der Schöpfung. Ob das – mir zunächst recht schnell erscheinende – Vibrato durch die anfängliche Nervosität bedingt war oder technisches Mittel für die nötige Lockerheit der kurzen Triller, klärte sich im zweiten Stück. In Tschaikowskys Arioso der Yolantha war diese nämlich wie weggeblasen. Karetnikova sang die Musik der blinden Fürstentochter mit innigstem Ausdruck und edelster Linienbildung im Legato, die von einem wundervoll gefluteten hohen A gekrönt wurde. Sie nutzte das Pflichtstück zur Demonstration mannigfaltiger Klangfarben.

Stefan Astakhov (Deutschland) gefiel in der Arie des Posa aus Don Carlo durchaus mit großen Atembögen, einem sauberen Triller, und einigen eleganten Messa-di-Voce-Effekten. Leider versucht er durch Erweiterung des Rachenraums, die Stimme reifer klingen zu lassen, als sie eigentlich ist. Damit beraubt er sich einerseits der Tragfähigkeit seines durchaus voluminösen Instruments im Raum, andererseits wird dadurch die Textartikulation unpräzise, was den Effekt der Korngold-Arie aus der Toten Stadt minderte. Viele gestische Effekte – besonders die mit weit zurückgelehntem Oberkörper – wirkten in den Arien aufgesetzt, erschienen für eine lebendige Wiedergabe von Wait jedoch geradezu ideal.

Julia Grüter (Deutschland) wählte für „Erwach, Frohlocke“ aus dem Messias ein sehr sportliches Tempo, was zu Holperern in den langen Koloraturpassagen führte. Die Auszierungen im Da Capo hätten luxuriöser gewirkt, wäre das Tempo um 10% ruhiger gewesen, wie es sich für einen lyrischen Sopran, der nicht als Koloratursoubrette vorsingt, ziemen würde. Warum dann der Mittelteil erheblich langsamer genommen wurde, verstehe ich nicht. Eigentlich hat Händel das bereits auskomponiert. Die Micaëla-Arie aus Carmen gelang ordentlich. Hier irritierte jedoch die Mimik, die eher zu den „Entweihten Göttern“ Ortruds gepasst hätte. Auch war aufgrund der eingedunkelten Klanggebung vom Text nicht viel zu verstehen. Dass sie über sehr schöne Farben verfügen kann, zeigte sie dann im Pflichtstück.

Valerie Eickhoff (Deutschland) bestach als einziger lyrischer Mezzo im Feld mit einer höchst elegant dargebotenen Chanson des Pagen Stéphano aus Gounods Romeo. Da perlten die Sechzehnteltriolen mit der Leichtigkeit, die nur einer Stimme zu eigen ist, die perfekt auf dem Atem liegt. Das sichert Tragfähigkeit sowie Textverständnis und macht jedes Druckmanöver überflüssig. Dass noch ein Rest von Überspannung vorhanden ist, zeigte die zu oft gekräuselte Stirn. Die Arie des Sextus aus Titus von Mozart offenbarte eine noch schlanke, jedoch trotzdem tragfähige Tiefe. Die fokussierte Stimmführung ermöglicht es ihr, den Klang zu spinnen und dadurch in großen Phrasen zu musizieren. Dies zeigte sich auch in der souveränen Wiedergabe des Pflichtstücks.

5 Soprane, 2 Baritone und ein Mezzo

Anastasiya Taratorkina (Deutschland/Russland) bot ein überzeugendes Musterbeispiel vokaler Virtuosität. Wer es sich leisten kann, das hohe As, mit dem das Lied der Roxana aus Szymanowskis König Roger anhebt, einfach aus der leeren Luft zu greifen, ist eine Virtuosa reinsten Wassers. Hinzu kam eine blitzsaubere Intonation der exotisierenden Skalen und eine edle Bildung der einfachen Linien. Das war jedoch noch nichts gegen die wundervolle Interpretation des „Piangero“ aus Händels Caesar. Hochtöne ins zaubrische Pianissimo zurückgenommen, eloquente Verzierungen im Da Capo, gestochene Koloraturen im Mittelteil. Eine Sternstunde, denn besser kann man es nicht machen! Auch das Wait war durchaus kurzweilig.

Axelle Fanyo (Frankreich) betrat mit der stattlichen Erscheinung einer Jessye Norman die Bühne, so dass man eine gleichermaßen voluminöse Stimme erwartete. Diese Erwartung täuschte jedoch erheblich. Die Micaëla-Arie war zwar hinsichtlich der Textartikulation die beste Version des Abends, jedoch kamen das hohe B und H eher schrill daher, was dem gebetsartigen Schluss zuwiderläuft. Ebensowenig überzeugte mich das Lamento der Dido aus Purcells Dido and Aeneas. Hier ersetzen histrionische Gesten keinesfalls einen wirklich tragischen Klang und eine solide Verzierungstechnik. Das Pflichtstück wurde recht brav buchstabiert.

Jeongmeen Ahn (Südkorea) startete seinen Vortrag mit der Bravourarie des Argante aus Rinaldo von Händel. Er demonstrierte, wie man mit einer perfekt fokussierten Stimme über ein Orchester mit obligaten Trompeten hinüberkommt. Allerdings trickste er bei seinem Koloraturfeuerwerk recht ausgiebig mit Aspirationen, was man aber als Charakterisierung durchgehen lassen mag, da die Skalen im Mittelteil zeigten, dass er es auch ohne kann. Wundervoll im Legato dann die Jeletzki-Arie aus Pique Dame von Tschaikowsky mit einem meisterlich in die Linie eingebundenen hohen G. Was aber noch mehr erstaunte, war, wie idiomatisch Ahn den russischen Text behandelte, von dem jedes Wort zu verstehen war. Er machte am meisten aus dem Pflichtstück, das er als einziger auswendig vortrug und damit den größten Applaus für das Werk erntete.

Iida Antola (Finnland) glänzte mit einer brillant vorgetragenen Felsen-Arie der Fiordiligi aus Mozarts Cosi. Sie dunkelt die Stimme allerdings gern etwas ab, was ihrem Piano die Resonanz nimmt. Die mörderischen Sprünge und die Koloraturen wurden hingegen bravourös bewältigt. Sie erfasste den Gebetscharakter der Micaëla-Arie von allen Sängerinnen am besten, sollte jedoch bei gehaltenen Hochtönen – die klanglich von außerordentlicher Schönheit waren – aufpassen, dass ihr Unterkiefervibrato nicht noch stärker wird. Kontrollieren und eventuell einen Gang zurückschalten! Ihr gelang ebenfalls eine höchst überzeugende Wiedergabe von Wait.

Matthias Foremny und das Münchner Rundfunkorchester stellten sich perfekt auf die unterschiedlichen Sängertemperamente und die mannigfaltigen Besetzungsanforderungen (für Szymanowski 2 Harfen, Klavier und Celesta) ein und wurden dafür intensiv beklatscht.

Für das Finale sind diesmal 5 Teilnehmer nominiert. Stefan Astakhov, Axelle Fanyo und leider auch Lubov Karetnikova – hier hätte ich definitiv eher auf Julia Grüter verzichten können – hatten gestern Abend ihren letzten Auftritt beim Wettbewerb.

Thomas Baack (10.09.2021)

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