Willkommen bei Klassik heute

Klassik Heute Bücher CDs SACDs Feuilleton Künstler Termine  

AGBs | Impressum | Sitemap | Kontakt | Seite drucken

Klassik Heute Feuilleton

Interview

Freitag, 24. Mai 2013
Klassik Heute - Hörführer

Flöte spielen ist leicht...

James Galway

Vor genau 25 Jahren gab er seine sichere Position als Soloflötist bei den Berliner Philharmonikern zugunsten einer Solokarriere auf. Bereuen mußte James Galway, der inzwischen einer der weltweit bekanntesten Flötisten ist, seine Entscheidung nie. Seine Diskographie ist mittlerweile schier unüberschaubar und seine Konzerte sind nahezu überall ausverkauft, wie auf seiner Deutschland-Tournee im Frühjahr festzustellen war.

Die Lehrjahre des seit Jahrzehnten erfolgreichen Musikers führten nach seiner Ausbildung am Royal College of Music in London, der Guildhall School of Music sowie am Pariser Conservatoire zunächst an das Royal Shakespeare Theatre in Stratford-on-Avon, das Sadler's Wells Theatre und schließlich als Soloflötist an die Londoner Covent Garden Opera. Nach kurzer Zeit beim London Symphony Orchestra und schließlich beim Royal Philharmonic Orchestra holte ihn 1969 Herbert von Karajan nach Berlin. Mit dieser breiten Basis an Orchester-Erfahrung war ein gutes Fundament für die Solistenkarriere gelegt. Neben zahlreichen Uraufführungen von Werken, die ihm gewidmet sind, kehrt Galway aber auch gern zum Kernrepertoire für sein Instrument zurück. »KLASSIK HEUTE« traf ihn in nach einem Konzert in Hamburg.

»KLASSIK HEUTE«: Während Ihrer Tournee mit dem Württembergischen Kammerorchester spielten Sie unter anderem das G-Dur-Konzert von Johann Joachim Quantz. Haben Sie seine Anweisungen aus dem Traktat ,Über die wahre Art, die flûte traversière zu spielen' befolgt?

‹ James Galway: Natürlich, haben Sie das nicht im langsamen Satz gehört? (singt ein paar Takte des Arioso). Jörg Faerber weiß nie, was abends von mir kommt, weil ich in jedem Konzert die Verzierungen anders spiele.

Ist es für Sie schwer, sich einem Dirigenten unterzuordnen? Sie dirigieren mittlerweile ja selbst sehr oft...

‹ Da habe ich bei Faerber überhaupt kein Problem. Aber wenn man ein paar Mal erlebt hat, daß ein sogenannter ,großer' Dirigent soviel mit seinem Schostakowitsch zu tun hat, daß er es nicht für nötig hält, ein Mozart-Flötenkonzert zu lernen, dann denke ich, sollte ich lieber selbst dirigieren. Dagegen mache ich mit Leuten, die von der Barockmusik herkommen, wie Roger Norrington, sehr positive Erfahrungen. Unter seiner Leitung habe ich mit dem Boston Symphony Orchestra das Violinkonzert von Khatschaturian gespielt, das ich für Flöte transkribiert habe.

Wie ist Ihre Einstellung zur historisch informierten Aufführungspraxis?

‹ Wenn Bach oder Vivaldi gehört hätten, wie sauber und klar Triller und Verzierungen auf einer modernen Querflöte gespielt werden können, würden sie die auch für ihre Musik benutzt haben. Natürlich sind manche Triller auf der modernen Querflöte nahezu unspielbar; denken Sie an die Triosonate aus dem ,Musikalischen Opfer'. Die ist so wahnsinnig schwer, als ob man Paganinis ,Capricen' für die Flöte arrangieren würde. Und was die Stimmtonhöhe betrifft: Für das Zusammenspiel mit Monika Huggett und Sarah Cunningham, die auf Originalinstrumenten - Barockgeige und Viola da Gamba - musizieren, habe ich mir extra eine H-Flöte bauen lassen.

Mit den zwei Perkussionisten vom Safri-Duo waren Sie auf einer Tournee, bei der man Sie zuweilen auch hinter dem Schlagzeug erleben konnte. Was halten Sie von zeitgenössischer Musik?

‹ Ich habe Konzerte für mich in Auftrag gegeben und uraufgeführt. In der letzten Zeit habe ich unter anderem Kompositionen von Lowell Liebermann und Lorin Maazel aus der Taufe gehoben. Allerdings halte ich nichts von ,Experimentalmusik'. Die sollte von ihren Komponisten selbst gespielt werden!

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kontakt mit der Querflöte?

‹ Eigentlich hat alles angefangen mit dem Spielen von Bing-Crosby-Hits. Damals trafen wir Kinder uns nachmittags und haben lustvoll ,I'm Dreaming Of A White Christmas' geflötet.

Wie wichtig ist das Material einer Querflöte für die Nuancierung eines Klangs?

‹ Ob Gold mit Platinkopfstück oder Silber vergoldet: darüber gibt es verschiedene Meinungen. Die Flöte, die ich gegenwärtig spiele, besteht aus 24-karätigem Gold. Gerade in langsamen Sätzen bei Vivaldi geht der runde Klang dieses Instruments sehr in Richtung Holzflöte.

Seit vielen Jahren haben Sie einen Exklusiv-Vertrag bei BMG; viele Ihrer Platten sind preisgekrönt und hielten sich lange in den oberen Plätzen der Klassik-Charts. Wer entscheidet, was Sie aufnehmen?

‹ Meine Stücke suche ich immer selbst aus. Irgendwann hatte ich einmal die Idee, alle Bach-Sonaten aufzunehmen. Der damalige Produzent kam allerdings nicht mit mir klar. Dabei spielten keineswegs musikalische Parameter, wie Phrasierung oder Artikulation, eine Rolle. Er bemängelte die Art meiner Interpretation und meinte, hier handele es sich schließlich um Musik von Bach und nicht von Henry Mancini. Mein Argument dagegen war, wenn Fischer-Dieskau Schubert singe, dann klinge es dennoch immer wie Fischer-Dieskau. Deshalb habe auch ich das Recht wie James Galway zu klingen - egal, was ich spiele. Später habe ich diese Sonaten noch einmal aufgenommen, gemeinsam mit Sarah Cunningham. Es wurde ein großer Erfolg.

Ihre neueste CD trägt die Widmung ,Hommage à Rampal'....

‹ Sie enthält unter anderem Flötenkonzerte von De-vienne, die auch Jean Pierre Rampal oft gespielt hat. Aufgenommen hatte ich sie bereits vor längerer Zeit. Mittlerweile ist Rampal gestorben, und ich dachte, daß diese CD ein schöner Anlaß sei, ihn zu ehren.

Von welchen Künstlerpersönlichkeiten haben Sie im Laufe Ihrer Karriere weitere wichtige Anregungen erhalten?

‹ Die besten Vorbilder waren für mich Sängerinnen wie die Callas. Ich habe zum Beispiel durch Arrangements von Opernarien gelernt, ein gutes Legato zu spielen. Und ein Vorbild, was die Virtuosität betrifft, war für mich immer Jascha Heifetz.

Sieben Jahre haben Sie unter Karajan als Solo-Flötist bei den Berliner Philharmonikern gespielt. Wie wichtig war diese Erfahrung für Sie?

‹ Durch die unglaublich effiziente Probenarbeit Karajans habe ich gelernt, täglich, wirklich jeden Tag, zu üben. Egal, wie gut ich ein Stück auch immer beherrschte. Üben ist nun mal das Wichtigste in unserem Beruf. Es ist doch immer eine neue Akustik, ein neues Licht, ein anderes Publikum, mit dem wir konfrontiert werden.

120 Konzertauftritte haben Sie damals, am Beginn Ihrer Solokarriere, absolviert. Wie lange hält man ein solches Tempo durch? Inzwischen sind 25 Jahre vergangen und Sie haben eine Herzoperation hinter sich...

‹ Eine Arterie war blockiert und ich war ein guter Kandidat für einen Infarkt. Ich absolviere jetzt sehr viel weniger Auftritte. Man sollte auch mal ,nein' sagen.

Haben Sie für junge Kollegen auch Tips gegen Lampenfieber parat?

‹ Aufhören, einen anderen Beruf suchen! Nein, im Ernst: Natürlich war ich früher auch nervös. Aber Erfahrung bringt Sicherheit mit sich. Wenn jemand Lampenfieber hat, sollte er sein Instrument 150prozentig beherrschen. Denn Lampenfieber mindert die Leistung sowieso schon um fünfzig Prozent. Übrigens ist es so leicht, Flöte zu spielen. Nicht schwerer als das Bedienen einer Schreibmaschine.

Das scheint sich in England auch schon herumgesprochen zu haben. Die Fortbildungseinrichtung ,flutewise', deren Präsident Sie sind, hat einen enormen Zulauf.

‹ In ,flutewise' kommen Kinder - inzwischen auch Erwachsene - zusammen, um Flöte zu erlernen. Die Kinder, deren Instrumente übrigens durch Spenden finanziert werden, musizieren auf sehr hohem Niveau. Ich halte die Aktivitäten, die wir in ,flutewise' anbieten und darüber hinaus jede musikalische Grundausbildung gerade heute für ungeheuer wichtig. Ich selbst bin mit 14 von der Schule abgegangen; ich durfte keine lange Schulausbildung genießen. Aber meine musikalische Erfahrung, davon bin ich überzeugt, hat mir in allen Bereichen des Lebens weitergeholfen. Wer weiß wie eine musikalische Struktur mit Hauptthema, Nebenthema, Entwicklung verläuft, hat es mit Sicherheit auch leichter im Erfassen von nicht-musikalischen Strukturen!

Gibt es etwas, was Ihnen an Ihrem Beruf mißfällt?

‹ Ich hasse es, wenn für manche Menschen das Musizieren nur noch ,Dienst tun' bedeutet. Deshalb ist es so schön, mit Orchestern wie den Wienern oder den Berlinern zu arbeiten, weil dort die Leute wirklich in der Musik aufgehen.

Was lieben Sie am meisten an Ihrem Beruf?

‹ Die göttliche Inspiration, die von Haydn und Mozart zu mir gekommen ist, und daß ich diese Inspiration - nur durch ein Stück Papier - erleben kann!

Auswahldiskographie

James Galway plays Bach: Suite Nr. 2,

Konzert für Flöte, Violine, Cembalo.

RCA 09026-60900-2

James Galway plays Bach: Triosonaten Vol.1.

RCA 09026-62700-4

James Galway plays Danzi; mit Sabine Meyer (Klarinette), Württembergisches Kammerorchester, Jörg Faerber.

RCA 09026-61976-2

Mercadante: Konzerte für Flöte und Orchester; I Solisti Veneti, Claudio Scimone.

RCA 09026-61447-2

Mozart: Konzerte für Flöte und Harfe KV 313, KV314, KV315, KV299 u.a.; Marisa Robles (Harfe), Chamber Orchestra of Europe.

Read Seal 7861-2-RC

Mozart: Konzert für Flöte und Cembalo;

London Symphony Orchestra, Michael Tilson Thomas.

Red Seal 09026-61789-2

Quantz: Vier Konzerte für Flöte und Orchester; Württembergisches Kammerorchester

Jörg Faerber.

RCA RD 60247

Un-Break My Heart - Crossover .

BMG 09026-63553-2

Galway und Coulter: Legends

(Keltische Melodien).

BMG 09026-68776-2

James und Jeanne Galway -

Hommage à Rampal.

BMG 09026-63701-2

Dagmar Zurek, 1.10.2001

zum Seitenanfang

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Konzert-Tipp

Anzeigen

Buch-Tipp

Noten

© Klassik-Treff.GmbH