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Besprechung CDArriaga

Arriaga

Complete String Quartets
Cuarteto Quiroga

Cobra Records COBRA 0101

1 CD • 77min • 2025

09.06.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

1826 wenige Tage vor seinem 20. Geburtstag an einer Lungenerkrankung (vermutlich Tuberkulose) verstorben, ist der spanische Komponist Juan Crisóstomo de Arriaga erst im Laufe des 20. Jahrhunderts und noch einmal verstärkt im Laufe der letzten vier Dekaden gewissermaßen wiederentdeckt worden. Zusammen mit seiner einzigen Sinfonie sind es seine drei Streichquartette, die das Zentrum seines in absoluten Zahlen naturgemäß eher schmalen Œuvres bilden – ein Zyklus, der in seinen Pariser Jahren (wohin er im November 1821 gezogen war, um u.a. bei Fétis zu studieren) entstand und 1824 als einziges seiner Werke zu Lebzeiten im Druck erschien. Auf der vorliegenden Neuerscheinung widmet sich das spanische Cuarteto Quiroga dieser mittlerweile durchaus gern (ein-)gespielten Quartetttrias.

Deutsche Quartetttradition und italienische Oper

Was die drei Quartette so attraktiv macht, ist nicht zuletzt die gekonnte Verschmelzung einer ganzen Reihe verschiedener Einflüsse, die einen jungen Komponisten Anfang der 1820er Jahre beschäftigen konnten: die Quartetttradition von Mozart und Haydn, der (eher frühe, also speziell op. 18, aber auch bis hin zur Pastorale, siehe den 2. Satz des Quartetts Nr. 3) Beethoven einerseits, italienische Oper und Belcanto andererseits, sicherlich auch die aufkommende Frühromantik etwa eines Louis Spohr, der ja seinerseits ein höchst produktiver Komponist von Quartetten war. Und so finden sich in diesen drei Quartetten ausgefeilte polyphone Abschnitte ebenso wie Koloraturen suggerierendes Passagenwerk, das damals populäre Genre des „Quatuor brillant“ spielt eine gewisse Rolle, aber nicht durchgängig – zumal sich Arriaga intensiv dafür interessiert, die vier Stimmen miteinander dialogisieren zu lassen. Und schließlich ist hier und da auch spanisches Kolorit zu vernehmen, namentlich im Trio des Menuetts des Quartetts Nr. 1 mit seinen Gitarrenassoziationen.

Sangliches Melos und fein nuancierte Modulationen

Bei alledem besitzt Arriaga eine natürliche Gabe für ein sangliches, oft genug höchst einprägsames Melos, und insbesondere auch für gewandte Modulationen reich an Schattierungen und feinen Nuancen, weswegen Arriaga immer wieder gerne mit Schubert verglichen wird. Dies ergibt in summa drei sehr schöne, ungemein attraktive Quartette (vielleicht mit dem dritten als Primus inter pares), und allein dies ist Grund genug für die mittlerweile durchaus vorhandene Popularität dieser Werke. Ob man dann wirklich in die absoluten Superlative einstimmen mag, die Cibrán Sierra Vázquez, zweite Geigerin des Quartetts, im Begleitheft anstößt, ist eine andere Sache, und man könnte hier, um in der Zeit zu bleiben, nicht nur den im Text genannten Mendelssohn nennen, sondern etwa auch Norbert Burgmüller oder etwas später – und erstaunlicherweise so gut wie nie genannt, wenn es um musikalische Frühbegabungen geht – Max Bruch, der bereits mit 14 Jahren ein bemerkenswertes Streichquartett komponiert hat; dies jedoch nur am Rande und gewiss nicht im Sinne eines Wettbewerbs.

Die Lust an Kontrasten

Die Lesarten des Cuarteto Quiroga sind einerseits Ergebnis einer langjährigen Beschäftigung mit diesen drei Werken, andererseits deutlich geprägt von der sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis. Letztlich sind es Interpretationen, die ganz wesentlich vom Moment her gedacht sind, die also den großen Bogen, den musikalischen Fluss, der expressiv geschärften Geste, dem Augenblick unterordnen. Eine Eigenart von Arriagas Musik ist durchaus ihre Lust an Kontrasten (nachzuvollziehen nicht zuletzt angesichts der Dynamikvorschriften), und diese betont das Cuarteto Quiroga aufs Schärfste. Dies geht oftmals mit Tempounterschieden einher, leise Passagen also tendenziell langsamer, laute mit Attacke und straffem Rhythmus, oft bemerkenswert virtuos, obwohl teilweise eigentlich fast schon grob. Gerne markiert das Quartett das Ende eines Abschnitts, manchmal auch nur einer Phrase mit einem ausgiebigen Ritardando oder eine ornamental geprägte Passage mit reichlich Rubato. Vibrato setzt das Ensemble sparsam ein, lange Notenwerte werden oft stark eingekürzt (vgl. das Hauptthema des 2. Satzes des Quartetts Nr. 1), speziell bei Wiederholungen begegnet man oft eigenen Verzierungen, Varianten oder kleinen Kadenzen. Was bei diesem Ansatz entschieden zu kurz kommt, ist der (melodische) Fluss der Musik, ihre Anmut, ihre (von Fétis gerühmte) Eleganz. Der Kopfsatz des Quartetts Nr. 2 etwa wird von den Quirogas faktisch in mehreren Tempi genommen, was zusammen mit den vielen Ritardandi und ausgiebig zelebrierten Fermaten in der Totalen episodisch wirkt, und bei der Rasanz, mit der das Hauptthema gleich zu Beginn präsentiert wird, verpufft am Ende der Effekt der Stretta. Man beachte auch die Forte-Passage im Finale des Quartetts Nr. 1 ab Takt 36, wo eine stärkere Differenzierung das Melos der Musik wesentlich deutlicher zum Vorschein kommen ließe. In gewisser Hinsicht stellt diese Einspielung einen Gegenpol zur viel wärmeren, runderen Lesart des Voces-Quartetts dar (MDG / 1985), die mich insgesamt erheblich mehr überzeugt.

Holger Sambale [09.06.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Juan Crisóstomo de Arriaga
1Streichquartett Nr. 1 d-Moll 00:26:11
5Streichquartett Nr. 2 A-Dur 00:25:00
9Streichquartett Nr. 3 Es-Dur 00:25:40

Interpreten der Einspielung

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