Schillers Pathos und Verdis Patriotismus vereint
Verdi-Schiller-Zyklus : „Johanna d’Arc“
- Anhaltisches Theater Dessau
- Verdi-Schiller-Zyklus : „Johanna d’Arc“
- Inszenierung: Johannes Felsenstein
- Ausstattung : Stefan Rieckhoff
- Musikalische Leitung: Golo Berg
- Chöre: Markus Oppeneiger
Der Opernabend mit Giuseppe Verdis Johanna d`Arc war nach Don Karlos die Fortsetzung des Verdi-Schiller-Zyklus, bei dem aus Anlaß des 200. Todestages des Dichters am 9. Mai 2005 die vier Opern des Komponisten nach Dramenvorlagen Friedrich Schillers aufgeführt werden. Die Aufführung vermittelt eine besondere Erfahrung, nämlich die Erkenntnis, daß das „Dienen“ am Werk besser ist, als das „Sich -Profilieren“ auf dessen Kosten. Das mag in einer Zeit, der Neu- und Umdeutungen der Opern bis zu deren „Unkenntlichkeit“ (oft auch wider die Musik) nicht opportun sein. Daß diese „Werktreue" auf beglückende Art und Weise nach Don Karlos auch die Neuinszenierung des Dramma lirico Johanna d‘ Arc durch Johannes Felsenstein zu einem großen Erfolg werden läßt ist der Tatsache zu vedanken, daß auch diese neue deutsche Textfassung des Regisseurs sich ganz nah am Schillerschen Original orientiert. Viele Gesangstexte sind original aus Schillers romantischer Tragödie Die Jungfrau von Orléans. Verdis effektvolle, leidenschaftliche Musik harmoniert mit dem Schillerschen Geist der romantischen Dichtung. Trotz der Tatsache, daß in Verdis Oper die handelnden Personen von 25 auf 5 reduziert sind, die schicksalhafte Vaterfigur des Thibaut d‘Arc aufgewertet und Johanna in tiefer Liebe zu Karl VII, entflammt, der diese Liebe nicht erwidert und Johanna nur für seine Ziele benutzt (im Schillerschen Werk ist es der englische Offizier Lionel), ist diese Oper ein Beispiel für die tiefe Seelenverwandtschaft von Verdi und Schiller. Und hier liegt, wie schon bei seiner Karlos-Inszenierung für Johannes Felsenstein der gemeinsame Nenner für sein Konzept. Er erzählt die Geschichte der Jungfrau, die durch himmlische Stimmen zur Befreiung Frankreichs aufgerufen wird, durch ihre Liebe zu Karl VII. in einen tiefen menschlichen Konflikt gerät und im Kampf für Frankreich auf dem Schlachtfeld stirbt, ganz aus der Romantik von Dichtung und Musik mit ihrem ambivalenten Verhältnis von Mensch und Natur heraus. Und doch wirft er dabei Fragen nach der Wirkung dieser Schillerschen Figur in der Gegenwart zwischen Irritation, Faszination und Rätselhaftigkeit auf. Johannes Felsenstein gibt dieser Johanna in ihrer weichen, mädchenhaften fast scheuen Art der ersten Erscheinung inmitten der Natur als Schäferin (und ihrer Rückverwandlung nach dem Tode als naturhaftes Wesen vor einem großen Marienbild), unterstützt durch Verdis Musik nach und nach das Profil einer „Gotteskriegerin“, die mit der unbändigen Kraft ihres Glaubens, Härte gegen andere und vor allem gegen sich selbst, für Aufruhr sorgt. Dabei gelingt Felsenstein im Wechsel großer, emotional beeindruckender szenischer Tablaus von Schlachtgetümmel eines „soggetto belico“, jubelnden Menschenmassen beim Empfang von Johanna nach siegreicher Schlacht und der Krönung von Karl VII. in beeindruckender Szenografie und intimen, fast kammerspielartig inszenierten Szenen der tragischen Hauptfigur, vor allem in ihren leidenschaftlichen Auseinadersetzungen mit dem Vater Thibaut d'Arc und dem Sich-Zurücksehnen der in Liebe entbrannten Jungfrau in ihre Naturwelt großes und ergreifendes, nie aber sentimales Musiktheater. Für den imposanten Wechsel der Schauplätze und Stimmungen hat Stefan Rieckhoff mit den Grundelementen der Bühne aus Don Karlos eine Bühnenästhetik entworfen, die mit symbolkräftigen Bildern in Anlehnung an Motive aus der Kunst der Romantik (Caspar David Friedrich, Moritz von Schwind, Philip Otto Runge, Friedrich Schinkel u.a) Schauplätze von großer suggestiver Wirkung markiert.. Das Natur-Mensch-Verhältnis, das Visionäre der Mission Johannas in deren irrationaler Verklärung wird dadurch auch emotional nachvollziehbar. Johannes Felsenstein versagt sich nicht, dem hier noch deutlichen Verdischen Impetus der Grand Opera nachzugehen, wenn er nach der Huldigung für die siegreiche Heldin inmitten der Krönungsfeierlichkeiten vor der Silhouette der Kathedrale von Reims den Krieg symbolisch durch das riesige Schlachtengemälde „Odoardo o Gildippe“ von Johann Friedrich Overbeck in seiner martialischen Symbolik hineinbrechen läßt, die Kathedrale in sich zusammenfällt und mit leidenschaftlichem Pathos Johanna die Menschen aus ihrer Lethargie und Verzweiflung zum Kampf aufruft. Musikalisch bleiben bei der Aufführung kaum Wünsche offen. GMD Golo Berg läßt die Anhaltische Philharmonie mit Drive und stark forcierten Tempi spielen, findet aber vor allem in den lyrischen Szenen auch verhaltene Töne. Das Martialische der Schlachtszenen (mit Banda und Kanonendonner) stellt er mit viel Tutti in den Bläsern heraus. Opernchor und Extrachor (Einstudierung: Markus Oppeneiger) singen und spielen mit großen Einsatz, präzise und ausdrucksvoll in der vokalen Artikulation. Da ist im beherzten Spiel (auch der Statisterie) ein ergriffenes Dastehen nie ein bloßes Herumstehen. Johannes Felsensteins Choreografie der Massenszenen ist wieder einmal von beeindruckender Präzision. Iordanka Derilova, die schon in Don Karlos als Elisabeth von Valois zutiefst beeindruckte, meistert mit sängerischer Bravour, souverän in den Lyrismen und kraftvoll in den dramatischen Ausbrüchen mit viel Italianatà die anspruchsvolle Partie der Johanna ohne eine einzige Intonationstrübung. Ausdrucksvoll ist ihr Spiel, vor allem in ihren Zweifeln an ihrem göttlichen Auftrag und der unerfüllten Liebe zu Karl VII., den Pieter Roux mit wohlklingend-timbrierter Stimme und schöner Phrasierung sang, aber im Spiel vielleicht etwas zu zurückhaltend agierte. Grandios in der musikalischen Ausformung seiner Partie überzeugte Ludmil Kuntschew als Thibaut d'Arc. Menschlich berührend sein ergreifendes Spiel in Sorge um die von ihm verratene Tochter. Konstantin Arguirov als Talbot und Nikola David als Adjudant des Königs, hielten stimmlich kräftig mit. Nach Don Karlos zeigt die Inszenierung von Johanna d'Arc auf beeindruckende Art und Weise erneut die Leistungsfähigkeit des Anhaltischen Theaters Dessau. Auf den nächsten „schillerschen“ Verdi (Die Räuber) darf man sehr gespannt sein.
Herbert Henning, 2.11.2004