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Klassik Heute Feuilleton

Interview

Donnerstag, 11. März 2010
Klassik Heute - Hörführer

Inspiration und Erfahrung

Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard

Die wichtigen Werke des klassisch-romantischen Repertoires spielt er natürlich auch, wird etwa im Juni in Graz mit Nikolaus Harnoncourt Beethovens Klavierkonzerte interpretieren. Aber das Besondere an Pierre-Laurent Aimard ist sein leidenschaftlicher Einsatz für die zeitgenössische Musik, die er nicht nur auf dem Konzertpodium, sondern auch in Workshops dem Publikum nahezubringen versucht.

Olivier Messiaen war für ihn die große Vaterfigur, Pierre Boulez für viele Jahre eine Art Mentor. Bei Teldec hat Aimard vor kurzem Messiaens Zyklus Vingt Regards sur L’enfant-Jesu eingespielt, der in diesem Monat veröffentlicht wird. Aus diesem Anlaß hat sich Ekkehard Pluta für »Klassik heute« in Berlin mit dem Pianisten unterhalten.

Klassik heute: Herr Aimard, Sie haben Messiaen im Alter von zwölf Jahren kennengelernt. Wie kam es zu dieser Begegnung?

Pierre-Laurent Aimard: Yvonne Loriod, seine Frau, hatte mich in einem Wettbewerb in Lyon gehört und mich eingeladen, zu seiner Klasse nach Paris zu kommen. Es war ein großes Glück für mich, mit beiden in engeren Kontakt zu kommen, ich wurde wie ein Adoptivkind für sie. Ich hatte viele Gelegenheiten, Messiaens Proben zu hören, seine Kurse zu besuchen oder mit ihm zu arbeiten. Ich wurde auch auf Tourneen mitgenommen. Sein Stil war meine musikalische Muttersprache.

Sie haben schon als Kind öffentlich konzertiert?

Ich habe schon mit neun Jahren ein paar Konzerte gegeben, aber danach nicht mehr, richtig begonnen habe ich erst mit 15, 16, 17... Und auch als ich 20 war, habe ich aufgepaßt, nicht zu viel Konzerte zu geben, um mir Zeit zu nehmen für eine gesunde Entwicklung, also für eine gründlichere Ausbildung, in der Hoffnung, dann ein reicheres Leben als Musiker zu führen.

Sie haben sich schon sehr früh auf zeitgenössische Musik konzentriert?

Ja, das war immer für mich eine Priorität, schon vom Geschmack her. Ich war schon in früher Jugend magnetisch angezogen von der zeitgenössischen Musik, die ich in Lyon hören konnte. Später merkte ich, daß sich nur sehr wenig Leute damit beschäftigten. Und ich dachte mir, es macht schon Sinn, möglichst viel in dieser Richtung zu lernen und hohe Qualität zu erreichen. Denn die erste Voraussetzung für den Interpreten von zeitgenössischer Musik ist ein enger Kontakt zu den heutigen Schöpfern. Er kann uns künstlerische Nahrung und einen Sinn für das geben, was lebendig ist in der Musik und in die Zukunft weist. Ich meine, wenn man sich nur mit traditionellem Repertoire beschäftigt und in einem abgesteckten Rahmen agiert, kann man als Interpret nicht so sinnvoll agieren.

Hat Messiaen mit Ihnen über die außermusikalischen Inhalte seiner Musik gesprochen?

Ja. Er hat immer von seinem Glauben gesprochen, mit ganz einfachen Worten, ganz offen und strahlend. Für manche Leute war er vielleicht naiv, ganz verloren in der großen Stadt, aber ich fand es immer unglaublich anrührend, wie er mit sich selbst im Reinen war. Vielleicht war er gerade deshalb ein so bedeutender Pädagoge, denn er hat sich ganz geöffnet für jeden Menschen, auch für einen kleinen Knaben wie mich damals, und er hat die Seele von jedem Menschen respektiert.

Wenn Sie seine Musik spielen, versuchen Sie dann vor allem den Kompositionsvorgang nachzuvollziehen, oder auch das Erlebnis der Persönlichkeit von Messiaen im Vortrag zu vermitteln?

Ich glaube, beides ist wichtig. Man muß nur aufpassen, nicht die Anekdote zur Interpretation zu machen. Wenn man einen Komponisten sehr gut kennengelernt hat, muß man einen Filter benützen, um dahinterzukommen, was wirklich essentiell ist. Aber wenn man erlebt hat, wie er gehört, erklärt und analysiert hat, wenn man weiß, was er gelesen und wovon er gesprochen hat, dann hilft einem das bei der Interpretation ungeheuer.

Wie sehen Sie die Bedeutung Messiaens innerhalb der Tradition französischer Musik?

Es gibt sicher eine große Tradition der ,Farben‘, die von Berlioz über Debussy und Ravel bis zu den Komponisten von heute reicht, zu Messiaen und den Mitgliedern der ,Groupe itinéraire‘ in Paris. Messiaen hat die Tradition irgendwo systematisiert. Er hat zum Beispiel manchmal nur mit der Farbe gearbeitet, und er war damit beschäftigt, die Farben zu kombinieren und den Zusammenhang mit einem gegebenen harmonischen System zu finden, so daß er das, was er sah, zum Klingen bringen konnte.

Und wie sehen Sie seine Stellung innerhalb der zeitgenössischen Musik?

Ich glaube, die ist vielseitig. Er hat mit seiner Arbeit am reinen Rhythmus viele Türen aufgestoßen, aber ich glaube auch, daß er der Prophet von aller Neuen Musik war, die sich vorzugsweise mit Farben beschäftigt. Doch wenn man ihn in einem größeren Kontext beobachtet, hat er religiöse Musik geschrieben in einer Epoche, wo das nicht en vogue war, hat danach in den 50er Jahren, als alle abstrakt komponierten, mit seinen Vogelgesängen naturalistische Musik geschaffen, er hat Etüden geschrieben, die den Weg zu Innovationen gewiesen haben, auch wenn er selbst diese Etüden nicht zu seinen besten Stücken rechnete. Er hat sehr viele Richtungen aufgezeigt und ist trotzdem immer unabhängig geblieben. Seine Unabhängigkeit ist beispielhaft.

Was ist das besondere an den ,Vingt Regards‘?

Über den Inhalt zu sprechen, ist immer schwer, weil das Mysterium der Musik dadurch oft zerstört wird. Es war der längste große religiöse Zyklus während dieser Periode – 1944 –, und das Merkwürdige ist, daß so ein Werk von Glauben, von Licht und von völliger Positivität am Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden ist. Was die klavieristische Seite angeht: ,Vingt Regards‘ folgt dem Zyklus ,Visions de l’Amen‘, der Yvonne Loriod gewidmet ist. Messiaen lernte sie 1942 kennen, verliebte sich in sie und schrieb diesen Zyklus für zwei Pianisten. Und das Interessante: Das zweite Klavier, das er selbst spielte, ist in seinem früheren Stil gehalten – organistisch, kompakt, sehr harmonisch, kräftig. Das erste Klavier dagegen, Yvonne Loriods Part, wird in ganz anderer Art behandelt – brilliant, virtuos, funkelnd, das ganze Kaleidoskop, das man vom späteren Messiaen kennt, das aber zu dieser Zeit durch das Spiel der geliebten Interpretin Yvonne Loriod inspiriert wurde. Und in ,Vingt Regards‘, ein Jahr später, werden diese zwei Dimensionen in der Komposition zur Synthese gebracht, und das gibt dem Werk eine unglaublich breite Strahlung vom Instrument her.

Ekkehard Pluta, 1.3.2000

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