Anna Gourari – Pianistin mit spielerischem Ernst
Durch kontinuierliche Arbeit hat sich Anna Gourari in den letzten Jahren einen Namen gemacht. Fleiß und der unbedingte Wille zum Erfolg führten die vielbeschäftigte junge Pianistin zu einer beeindruckenden Reihe von Auftritten – unter anderem bei zahlreichen sommerlichen Festivals. Ihre Einspielungen weisen sie als eine Künstlerin aus, die pianistisch einiges zu sagen hat. Ein – neben vielen Konzertauftritten – voller Aufnahmeplan spricht eine eigene Sprache. Doch bis auf weiteres scheint nach dem Verkauf ihres Plattenlabels Koch Classics an Universal Music zumindest ihre Plattenkarriere eher ungewiß, was von diesen unter anderem sehr interessanten Vorhaben letztendlich realisiert und seinen Weg in die Plattenläden finden wird, steht noch in den Sternen. Einen großen „Hit“ – sofern man das Auftauchen dieser Einspielung in den Charts als Meßlatte für Erfolg zugrunde legt – konnte Anna Gourari zuletzt mit Ihrer Aufnahme von Beethovens drittem Klavierkonzert verbuchen, das sie mit Beethovens Pathétique und den c-Moll-Variationen koppelte.
KLASSIK HEUTE: Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Repertoire aufzunehmen?
Anna Gourari: Die Beethoven-Aufnahme kam nur durch den Film The Invincible von Werner Herzog zustande. Sonst würde ich so ein Programm bestimmt nicht aufnehmen. Das dritte Klavierkonzert von Beethoven mit der Pathétique zu koppeln, war die Idee der Plattenfirma. Da die CD als Begleitung zum Film gedacht war und sie auch einem breiten Publikum zugänglich sein sollte, war die Pathétique wohl eine gute Wahl. Und die 32 Variationen passen – wie ich finde – ganz gut dazu. Sie sind auch in c-Moll wie das Klavierkonzert.
Worum geht es in dem Film?
Es geht in dem Film um den Zweiten Weltkrieg, bzw. die Zeit davor. Ich spiele darin eine junge Carbaret-Pianistin, die von einer Karriere als Konzertpianistin träumt. Sie träumt davon, einmal das dritte Klavierkonzert von Beethoven zu spielen. Die Frau, die ich spiele, ist mit dem Besitzer des Cabarets liiert, aber er schlägt sie, mißhandelt sie, und sie hält alles aus, weil sie kein Zuhause hat, aus der Tschechoslowakei geflohen ist. Die Frau verliebt sich dann in einen aus Polen stammenden jüdischen Schmied, aber sie finden nicht zusammen. Die Frau, die ich spiele, ist immer zwischen zwei Männern hin und hergerissen und entscheidet sich zu nichts. Die Frau hat wirklich gelebt. Sie wanderte nach Amerika aus und überlebte auch den Krieg. Beide Männer kommen in der Geschichte um.
Wie ist es Ihnen denn als „Schauspielerin“ ergangen? Ist es nicht schwierig für eine Pianistin, plötzlich als Schauspielerin zu agieren?
Nein, das ist nicht schwierig. Sie werden angezogen, müssen einen bestimmten Text sagen. Und wenn Sie sich selbst spielen müssen, ist das kein Problem. Werner Herzog wollte keine Schauspielerei, er wollte mich ganz natürlich, so wie ich bin.
Sie haben sich also selbst gespielt?
Werner Herzog meint, ich habe mich selbst gespielt, ja. Ich bin da nicht ganz seiner Meinung. Als schwierig empfand ich nur die Szenen, in denen ich Gefühle zeigen mußte, die nicht vorhanden waren.
Sie sind ja eine sehr beschäftigte, junge Pianistin. Schallplattenaufnahmen, Konzerttermine… Wie schafft man es da zeitlich, sich so ein Drehbuch noch anzueignen?
Text zu lernen ist nicht annähernd so schwierig, wie ein Klavierkonzert zu lernen. Man kann die Szene hundertmal wiederholen, eine Szene dauert zwei, drei Minuten, es gab Leute, die mit mir den Text übten, die mir sagten, welches Wort ich betonen mußte. Es ist eine riesige Menschenmenge, die einen betreut und einen anzieht, auszieht, schminkt, bedient…
Würden Sie es wieder machen?
Ja. Werner Herzog ist als Mensch ein Koloß. Er ist ein Mensch, der die anderen nur insofern wahrnimmt, als sie für sein Projekt nützlich sind. Er ist ein Schöpfer, der sein Werk vollbringt, egal, was die anderen darüber denken. Was die Presse über ihn schreibt, das interessiert ihn alles nicht. Also ich finde es unverschämt, wie die deutsche Presse mit ihm umgeht. Er ist ein deutscher Regisseur, egal wo er lebt, was er macht. Er lebt zwar in Amerika, aber er ist jemand, der Deutschland überall populär macht. Er ist ein Deutscher und er ist wirklich auch ein sehr deutscher Typ. Er ist ein Intellektueller, ein total progressiver Mensch. Er bringt für die deutsche Kultur eine Menge und er wird hier so sehr kritisiert. Das finde ich schade. Dieser Film wurde in Deutschland so schlecht rezensiert, in jedem anderen Land wurde er gut besprochen. Selbst wenn der Film vielleicht nicht das ist, was die Leute sich erwartet haben, kann das noch keiner absehen, welchen Platz er in der Filmgeschichte einnehmen wird. Aber es ist ein Film von ihm und er sollte mit Respekt behandelt werden.
Was ich an ihm bewundere ist: er macht etwas, er hat es gemacht. Fertig. Jetzt macht er etwas anderes. Es interessiert ihn nicht. Er läßt es nicht an sich heran. Ich finde es bewundernswert, wieviel Kraft er hat.
Was hat es Ihnen persönlich gebracht, diesen Film gemacht zu haben?
Für mich hat es insofern sehr viel gebracht, als ich eine andere Branche kennengelernt habe. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die nichts mit Musik zu tun haben, und trotzdem unglaublich interessant sind, ich habe ein anderes Denken kennengelernt, eine andere Weltanschauung. Menschen, die die Musiker sogar mit einer bestimmten Skepsis ansehen. Ich habe in vielen Dingen eine ganz andere Perspektive bekommen. Ich sehe den eigenen Beruf auch ganz anders an, weil ich z.B. für diese Menschen gespielt habe und das war zum Teil zum ersten Mal, daß sie live gesehen haben, wie jemand Bach spielt. Sie waren so begeistert, manche haben sogar geweint. Ich habe nicht gedacht, daß so etwas möglich ist.
Es waren also bei den Dreharbeiten zwei Welten, die sich begegneten…
Ja, zwei Welten. Ich war gleichzeitig während der Dreharbeiten auf Tournee, ich habe beide Dinge parallel gemacht. Ich habe geglaubt, ich schaffe es nicht. Aber ich habe es geschafft, und ich habe – glaube ich – selten so entspannt Klavier gespielt, weil ich das vielleicht auch nicht sehr ernst genommen habe, weil die Spannung in den Konzerten vielleicht auch weg war, weil ich gedacht habe, es gibt noch vieles, was überhaupt nichts mit Musik zu tun hat und ich muß mich nicht so drauf konzentrieren. Zu denken: ,Du mußt es schaffen, du mußt es toll machen’, setzt einen unheimlich unter Druck, und dieser Druck war weg. Und für mich ist es ja enorm schwierig, weil ich ja mit fünf Jahren angefangen habe, Klavier zu spielen und nie etwas anderes gemacht habe. Insofern war es für mich einmal etwas ganz anderes und auch sehr gut für meine Psyche.
Ist im Moment ein Aufnahmeprojekt in Arbeit?
Ich bin gerade dabei, eine neue Scriabin-Platte einzuspielen. Ich nehme die dritte Klaviersonate auf, die Fantasie op. 28 und kleinere Stücke. Dazu spiele ich die Chaconne von Sofia Gubaidulina.
Sie haben vor einiger Zeit auch die Scherzi von Chopin eingespielt. Warum ausgerechnet die Scherzi?
Ich finde, das sind ganz tolle Stücke. Es gibt zwar einige Aufnahmen von den Scherzi, aber ich war mit keiner einzigen Aufnahme so recht einverstanden. Ich habe gedacht, ich kann die Scherzi sehr gut spielen. Es war mir ein Bedürfnis, ein sehr tief empfundener Wunsch von mir, diese Werke einzuspielen und ich glaube, man hört das der Aufnahme auch an. Ich habe auch sehr gute Kritiken dafür bekommen.
Verschaffen Sie sich grundsätzlich einen Überblick über die Situation auf dem Plattenmarkt, wenn Sie ein neues Plattenprojekt angehen und orientieren Sie sich auch an historischen Aufnahmen?
Ich habe mir sehr vieles angehört, aber nicht nur in Bezug auf diese Aufnahme, sondern ich höre insgesamt ziemlich viel. Ich finde das sehr bereichernd, wenn man sieht, was die anderen machen oder gemacht haben. Es ist auch schön, die historischen Aufnahmen zu hören, bei denen die technische Perfektion nun wirklich nicht die Hauptsache war, sondern die Musik im Vordergrund stand. Das gefällt mir persönlich viel besser als eine perfekte Platte, die menschlich nichts ausdrückt, oder nur sehr wenig Aussagekraft besitzt.
Sie sind ja durchaus auch der Musik des 20. Jahrhunderts zugeneigt.
Ja, das kann man so sagen. Wir haben auch in diesem Jahr eine andere Platte geplant mit moderner Musik, und zwar eine ganze CD mit Werken von Rodion Schtschedrin. Er hat eine ganze Menge Klaviermusik geschrieben, die hier leider so gut wie gar nicht bekannt ist, aber das ist wirklich tolle Musik. Er hat auch sehr viele Klavierkonzerte geschrieben, Solostücke und Klaviersonaten. Ich werde einige dieser Werke einspielen und die CD soll dann zu seinem Geburtstag im Dezember 2002 rauskommen, wenn Rodion Schtschedrin 70 Jahre alt wird.
Sie haben ziemlich viel vor. Wie ist so ein großes Pensum zu schaffen?
Ja, ich weiß noch nicht, ob das alles so klappen wird. Und dazwischen ist noch eine Aufnahme geplant. Das wird das e-Moll-Konzert von Chopin sein und dazu eine der Klaviersonaten.
Mit wem nehmen Sie das Klavierkonzert auf?
Mit Iván Fischer und seinem Festivalorchester aus Budapest. Das wird eine Live-Aufnahme sein, also ein Konzertmitschnitt. Das ist spannend. Ich finde diese Art von Aufnahmen viel schöner als Studioproduktionen, obwohl ich auch gerne im Studio arbeite. Aber ich finde Platten, die live aufgenommen wurden, viel interessanter. Das wird meine erste Platte sein, die ich live produziere.
Josef Manhart, 2.12.2002