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Buchbesprechung

Bärenreiter Verlag
ISBN 3-7618-1347-3 Kassel, 1998

Karl-Heinz Göttert/Eckhard Isenberg
Orgelführer Deutschland

265 S.

29,95 €

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3-7618-1347-3

Diese Neuerscheinung ist eine höchst originelle Beschreibung des Instrumentes Orgel und seines weiten Umfeldes. Zunächst glaubt man eher, einen Reiseführer zu lesen, der das Land – mit Übersichtskarte – in sechs Orgelprovinzen aufgliedert; in jeder werden ca. zwölf besonders bemerkenswerte Instrumente ausgemacht, die plastisch und ausführlich besprochen werden, insgesamt 72 Orgeln. Mit sehr guten Fotos wird nicht gespart; das Besondere an ihnen ist der Versuch, so weit wie möglich auch den Raum mit einzubeziehen, der den Klang ja modelliert. Schon die Auswahl der Instrumente ist den beiden Autoren (beide als Kirchenmusiker tätig) erstaunlich gut gelungen. Die ältesten wie die allerneuesten umrahmen eine stilistische Vielfalt, die auch den Fachmann überrascht und erfreut. Die großen Werke des Barock imponieren hier ebenso wie die der Romantik, und man muß staunen, wie viele bedeutende Instrumente in unseren Tagen gebaut werden. Die St. Marienorgel zu Flensburg führt den Reigen an, Kevelaer, Weingarten und Görlitz (mit der neu erstandenen Sonnenorgel) markieren die Grenzgebiete. Die Kapitel über Mecklenburg, Brandenburg sowie Sachsen und Thüringen interessieren besonders, weil die Entwicklung in diesen Gebieten vielfach weniger bekannt ist.

Vorzüglich gelungen ist vor allem die scheinbar lockere Verbindung mit dem unentbehrlichen Fachwissen. Nirgends erhebt dies einen belehrenden Zeigefinger – einfach erfrischend gekonnt. Schon die Überschriften zeigen dies an: Musen unter sich, Kilometergeld für einen Organisten (Freiburg) oder Legendenbildung in der Orgelbewegung. Natürlich ist dem Ganzen ein Kapitel über Aufbau und Funktion vorangestellt. Diese Grundkenntnisse werden nun in jeder Orgelbeschreibung Zug um Zug erweitert durch Sachgebiete, die das jeweilige Instrument speziell anbietet. So wird das heikle Gebiet der Restaurationen verschiedentlich erörtert, die Orgelbauer Silbermann und Cavaillé-Coll werden porträtiert und ihr Stil charakterisiert, die Geheimnisse der Mensurgestaltung werden ebenso angesprochen wie die Saalorgeln in Stadthallen und Konzertsälen, kein Teilsektor wird dabei ausgelassen. So wird, über das ganze Buch verteilt, ein erstaunlicher Wissensstand erreicht: eine pädagogische Meisterleistung der Verfasser. Fachsimpelei und knochentrockene Belehrung werden aufgebrochen zugunsten allgemeinverständlicher kluger Kommentare, die zudem noch reizvoll zu lesen sind. Aufs Ganze erschreckend zu lesen sind die enormen Verluste an wertvollen Substanzen. So endet ein diesbezüglicher historischer Abriß mit dem Motto „Orgeln brauchen Frieden“. Großzügigerweise werden die Dispositionen aller besprochenen Instrumente im Anhang mitgeteilt.

Auf dem schmalen Grat zwischen Orgeljournalismus und Fachstudium stellt der Orgelführer Deutschland einen Glücksfall dar. Bedenkt man, daß noch viele Instrumente gleicher Qualität wie die hier beschriebenen existieren und täglich klingen, teilt sich jedem Leser die Gewißheit mit, daß Orgeln auch in unserer Zeit eine große Zukunft haben!

Dieter Weiss (1.11.1998)

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