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CD-Besprechung

Richard Strauss Die Orchesterlieder

Richard Strauss<br />Die Orchesterlieder

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 01.04.00

Nightingale Classics NC 000072-2

3 CD • 3h 17min • 1998/99

Mit Ausnahme der berühmten Vier letzten Lieder zählen Richard Strauss' Kompositionen für Gesang mit Orchesterbegleitung zu den Raritäten des Konzertrepertoires. Dabei finden sich darunter so merkwürdige Tongebilde wie die schwelgerisch orchestrierten Hölderlin-Hymnen aus dem Jahr 1921, die Gesänge für tiefe Baßstimme op. 51 (1902-1906) oder das nahezu uferlose, an Schönbergs Erwartung gemahnende Klanggemälde Notturno (1899, nach Worten Richard Dehmels) - alles Werke, die eine neuerliche Ergänzung des anscheinend kaum zu erfassenden Kapitels "Der unbekannte Richard Strauss" darstellen. Bei den 47 Stücken dieser erstmals vollständigen und chronologisch auf drei CDs versammelten Edition - insofern ist das Etikett "World premiere" gerechtfertigt - handelt es sich zum Teil um originale Werke für Gesangsstimme und Orchester, teils aber auch (und dies in der Überzahl) um Instrumentationen von Klavierliedern, die der Komponist selbst - zumeist lange Zeit nach ihrer Entstehung - vorgenommen hat. In fünf Fällen stammen die Bearbeitungen von fremder Hand: Robert Heger (Zueignung, Allerseelen, Traum durch die Dämmerung), Leopold Wenninger (Heimkehr) und Felix Mottl (Ständchen) sind die Schöpfer jener Orchesterfassungen, die bereits zu wiederholten Malen auf Schallplatten eingespielt worden sind. Eines der bekanntesten, wenn nicht überhaupt das populärste aller Strauss-Lieder leitet die Sammlung ein: Zueignung. Auf die auch heute noch oft benützte Orchestrierung des Liedes durch Robert Heger (mit der Strauss nicht zufrieden war) folgt die variierte Fassung dieses Liedes, die Strauss im Jahr 1940 der Sängerin Viorica Ursuleac gewidmet hat und in deren Text er eine kleine Huldigung an die verehrte Sängerin (Du wunderbare Helena) eingeflochten hat. Abgesehen von den Lied-Klassikern wie Cäcilie, Morgen u.a. enthält die Sammlung viele Stücke, die weit entfernt vom Tagesgebrauch liegen. Allerdings muß zugegeben werden, daß ein so grandioser Wurf, wie dies der Zyklus der sehnsuchts- und todesverklärten Vier letzten Lieder darstellt, unter diesen weniger bekannten Werken nicht zu finden ist, daß darin Schwulst und überladene Emphase mitunter zu bedrohlichen Ausmaßen heranwuchern.

Die Nightingale-Edition zeichnet sich durch kenntnisreiche und liebevolle Präsentation aus, der Kommentar (deutsch-englisch), den der Dirigent Friedrich Haider verfaßt hat, ist von beispielhafter Akkuratesse und Ausführlichkeit, jedes Lied wird genau beschrieben, alle Daten zu Entstehung, Bearbeitung, Uraufführung, zur ersten Interpretation, sind korrekt dokumentiert. Die Künstlernamen, die da als Widmungsträger auftauchen (sie reichen von den Wagnersängern Heinrich Vogl und Rosa Sucher über Paul Knüpfer bis zu Elisabeth Schumann und Maria Jeritza) geben das Bild einer imposanten Kulturepoche wieder. Daß sich auch ein gewisser Dr. Joseph Goebbels in dieser Ehrengalerie befindet, wird freilich ein unauslöschlicher Makel im Künstlerbildnis des genialen Musikers bleiben.

Sieben Sänger, vier Damen und drei Herren, wurden mit der Ausführung der zumeist unerhört anspruchsvollen Gesangsstücke betraut. Kurt Moll läßt seinen warmtönenden Baß für die beiden Lieder Das Thal und Der Einsame verströmen, Bo Skovhus trägt drei Lieder für mittlere Stimmlage vor (Hymnus, Pilgers Morgenlied und Nächtlicher Gang, das letztgenannte Lied stellt sogar eine veritable Erst-Einspielung dar), der Tenor Peter Straka ist mit sieben Werken für hohe Stimme (darunter Das Rosenband) gut vertreten. Sie alle sind mit vorbildlicher Intensität am Werk. Mit der Weiblichkeit gibt es freilich Probleme, von denen nur die hervorragende Sopranistin Adrianne Pieczonka bewahrt bleibt. Diese hochbegabte Sängerin besitzt den richtigen fülligen, weit ausschwingenden Strauss-Ton, da leuchten und prangen die Farben der Jugend und des Lebens. Es war richtig organisiert, ihr den Hauptteil des Konzerts (damit auch die Vier letzten Lieder) zu überlassen. Sie ist auch die einzige in ihrem Kolleginnenkreis, die sich um klare Artikulation bemüht. Doch die anderen - eine pure Katastrophe! Judith Howath, offenbar eine Ungarin, läßt eine gut klingende Sopranstimme vernehmen, aber ihr Gesang besteht bloß aus Vokalisen, die mit Kauderwelsch vermischt werden. Kein Wunder, daß sich der Sinn der Worte (etwa bei den gedankentiefen Hölderlin-Liedern) auf diese Weise nicht mitteilen kann. Nicht viel anders steht es mit der vermutlich aus Bulgarien stammenden Mezzosopranistin Petja Petrova, der das umfangreiche Notturno anvertraut wurde. (Mutmaßungen über die Künstler sind erforderlich, da im Booklet keine biographischen Angaben enthalten sind.) Sprachliche Mängel - darin besteht der wunde Punkt dieser sonst so sehr um Sorgfalt bemühten Produktion. Selbst die Operndiva Gruberova (hier mit elf Nummern vertreten) läßt eine erstaunliche Nachlässigkeit der Aussprache erkennen. Die eiserne (auch eisige) Koloratur-Lady, zugleich so etwas wie die Hausherrin bei Nightingale, war nie eine ideale Liedersängerin. Ihre zerstückelnde Gesangsweise, in der die Töne so seltsam hin und her schlüpfen und sich an den Enden oft zu stacheligen Gebilden verformen, läßt sich mit den weiträumigen Aufschwüngen der Strauss-Musik nicht leicht in Einklang bringen. Einzig bei dem Zerbinetta-verwandten Lied Amor befindet sie sich auf der richtigen vokalen Schiene. Erstaunlich, daß Edita Gruberova bei der Freundlichen Vision eine kühne Geschlechtsumwandlung vornimmt: "Und ich geh mit einem, der mich lieb hat." Will man das wirklich so exakt wissen?

Eine mehr als repektgebietende Leistung vollbringt das Orchestre Philharmonique de Nice, das mit ausladendem Klang und inbrünstiger Wärme das stabile Fundament für die Gesangsvorträge herstellt. Der Dirigent Friedrich Haider, Hauptträger des gründlichen und aufwendigen Unternehmens, läßt in jedem Moment seine tiefe und ehrfurchtsvolle Liebe zu Strauss und seinem Werk erahnen.

Clemens Höslinger [01.04.2000]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 R. Strauss Zueignung op. 10 Nr. 1
2 Allerseelen op. 10 Nr. 8
3 Heimkehr op. 15 Nr. 5
4 Ständchen op. 17 Nr. 2
5 Ruhe, meine Seele! op. 27 Nr. 1
6 Cäcilie op. 27 Nr. 2
7 Morgen! op. 27 Nr. 4
8 Traum durch die Dämmerung op. 29 Nr. 1
9 Liebeshymnus op. 32 Nr. 3
10 Verführung op. 33 Nr. 1
11 Gesang der Apollopriesterin
12 Hymnus op. 33 Nr. 3
13 Pilgers Morgenlied op. 33 Nr. 4
14 Das Rosenband op. 36 Nr. 1
15 Ich liebe dich op. 37 Nr. 2
16 Meinem Kinde op. 37 Nr. 3
17 Mein Auge
18 Der Arbeitsmann
19 Befreit op. 39 Nr. 4
20 Wiegenliedchen op. 49 Nr. 3
21 Muttertändelei op. 43 Nr. 2 für Sopran und Orchester
22 Notturno op. 44 Nr. 1
23 Nächtlicher Gang op. 44 Nr. 2
24 Des Dichters Abendgang op. 47 Nr. 2
25 Freundliche Vision op. 48 Nr. 1
26 Winterweihe op. 48 Nr. 4
27 Winterliebe op. 48 Nr. 5
28 Waldseligkeit
29 Das Thal
30 Der Einsame
31 Frühlingsfeier op. 56 Nr. 5 (1903/1906)
32 Die heiligen drei Könige aus dem Morgenland op. 56 Nr. 6
33 An die Nacht op. 68 Nr. 1
34 Ich wollt ein Sträußlein binden op. 68 Nr. 2
35 Säusle, liebe Myrthe
36 Als mir dein Lied erklang op. 68 Nr. 4
37 Amor op. 68 Nr. 5
38 Lied der Frauen op. 68 Nr. 6
39 Hymne an die Liebe op. 71 Nr. 1
40 Rückkehr in die Heimat op. 71 Nr. 2
41 Die Liebe op. 71 Nr. 3
42 Das Bächlein
43 Vier letzte Lieder op. 150 für Sopran und Orchester (nach Gedichten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff)
 
NC 000072-2;9004686000072

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