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Besprechung CD

Jan van Gilse

Sulamith • Der Kreis des Lebens

cpo 555 648-2

1 CD • 74min • 2018, 2023

19.01.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Schon seit längerer Zeit macht sich cpo um das Schaffen Jan van Gilses verdient. Den fünf bereits erschienenen CDs, die mit den vier vollendeten Symphonien, dem Klavierkonzert und der Liebesmesse des niederländischen Komponisten bekannt machten, schließt sich nun die Aufnahme zweier sehr unterschiedlicher Kantaten an. Beide sind auf deutsche Texte komponiert, was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass van Gilse, der 1944 als Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer im Untergrund starb, einen großen Teil seines Lebens in Deutschland verbracht und dort auch die meisten seiner Werke komponiert hatte.

Glänzende Spätromantik

Die 1903 uraufgeführte Sulamith markiert den Abschluss der Kölner Studienjahre van Gilses. Der 25-minütigen Ballade für Sopran, Tenor, Bariton, Chor und Orchester liegt ein Gedicht des Prinzen Emil von Schönaich-Carolath zugrunde, das das Thema vom barmherzigen Samariter im Geiste des Fin de Siècle variiert: Ein alter Bettler fleht um Wasser, wird aber von einer vorbeiziehenden Pilgerprozession nicht beachtet; Satan beobachtet die Szene mit Freude, wird aber um seinen Triumph gebracht, da eine junge Mutter dem Bettler zu Hilfe eilt und ihn mit Muttermilch nährt. Der junge Komponist, dessen Meisterschaft in allen handwerklichen Belangen außer Frage steht, verwendet Leitmotive, vertont das Gedicht aber im Wesentlichen illustrativ, wobei er geschickt die sich reichlich bietenden Möglichkeiten zu dramatischen Kontrasten ausnutzt. Die Verteilung des Textes auf mehrere Singstimmen und den Chor – womit sich van Gilse einer dramatischen Vertonung annähert – erweist sich als glückliche Idee.

Auf neuen Wegen

Zeigt van Gilse in Sulamith, dass er die Ausdrucksmittel der deutschen Spätromantik glänzend beherrscht, so präsentiert er sich in dem 1929 vollendeten Kreis des Lebens als ein souveräner Geist, der jeglicher Epigonalität entwachsen ist und nur noch dem eigenen künstlerischen Instinkt folgt. Das dreiviertelstündige Werk gliedert sich in vier Teile, die den Sätzen einer klassischen Symphonie entsprechen. Den Text hat der Komponist aus mehreren Gedichten Rainer Maria Rilkes so zusammengestellt, dass Sehnsucht, Träume, Lebensreife und -unrast, von denen die ersten drei Sätze handeln, auf das berühmte Schlussstück „Der Tod ist groß, wir sind die seinen“ als Fazit hinauslaufen. Den komplexen Emotionen der Rilkeschen Todesmystik erweist sich van Gilses Vertonung als ebenbürtig, und es ist schlicht faszinierend, wie der Komponist das spätromantische Erbe transzendiert und von diesem Ausgangspunkt aus neue Wege beschreitet. Gleich in der ausgedehnten Fugato-Einleitung dringt er in Bezirke vor, die nicht weit entfernt liegen von denen, die anderthalb Jahrzehnte später Ralph Vaughan Williams im Finale seiner Symphonie Nr. 6 betritt. Der zweite Satz ist eine Art arkadischer Habanera von unwirklich hellem Klang, die gegen Ende in den Schatten der tieferen Register absinkt. Dass der Sommer „sehr groß“ war, nimmt man den Versen angesichts der Opulenz, mit der sie im dritten Satz vertont werden, sofort ab. Dann entfaltet sich ein Scherzo über Masepas wilden Ritt, das mit scharfen Instrumentationskontrasten aufwartet. Im Finale wird die Größe des Todes zunächst als markerschütternder Marsch vorgeführt. Über einen polyphonen, nur von Bläsern dezent begleiteten Quasi-a-cappella-Mittelteil gelangt der Satz zu einem hymnisch-triumphalen Schluss über seine einleitenden Worte: „Der Tod ist groß“. Der Chor ist in diesem Werk nicht nur Textvermittler und -aus-deuter, sondern agiert, meist achtstimmig aufgefächert, als ein zweites Orchester, das dem Instrumentalensemble in vielfältigen Abstufungen als Mit- und Gegenspieler gegenübertritt.

Großartige Aufführungen

Beide Aufführungen durch den Groot Omroepkoor und das Radio Filharmonisch Orkest sind Konzertmitschnitte mit den Vorzügen, die ein ununterbrochenes Musizieren vor Publikum bietet. Die Dirigenten Stanislav Kochanovsky (Sulamith) und James Gaffigan (Der Kreis des Lebens) konnten jeweils auf einen bestens einstudierten Chor zurückgreifen und haben im Konzert vorzügliche Arbeit geleistet. Unter den Solisten merkt man nur dem Tenor in Sulamith an, dass er um seine Partie ringen muss. Alle übrigen gehen völlig in dieser Musik auf. Das Album ist mithin hervorragend geeignet, für den Komponisten Jan van Gilse zu werben. Überhaupt sollte sich kein Freund chorsymphonischer Musik des frühen 20. Jahrhunderts den Kreis des Lebens entgehen lassen. Dieses Werk braucht keine Gegenüberstellung zu scheuen und verdient viel weitere Verbreitung als es bislang gefunden hat.

Norbert Florian Schuck [19.01.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Jan van Gilse
1Sulamith (Kantate) 00:25:41
2Der Kreis des Lebens (Kantate) 00:47:50

Interpreten der Einspielung

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